·
ePaper·
Shop·
Tippspiel
Fassungslosigkeit vor dem Segen
Es ist Samstagabend, in der St.-Johannes-Kirche in Spelle wartet die Gemeinde auf den Schluss-segen. In dem gut gefüllten Gotteshaus ist der eine oder andere vielleicht schon in Gedanken auf dem Nachhauseweg. Pastor Martin Luttmann kündigt noch einige „Vermeldungen“ an – auch dies nichts Ungewöhnliches am Ende einer Liturgiefeier. Allerdings trägt diese „Vermeldungen“ Generalvikar Theo Paul vor, Stellvertreter des Osnabrücker Bischofs Dr. Franz-Josef Bode.
Sie endet mit der Nachricht von der „Entpflichtung“ des verantwortlichen Priesters in der Pfarreiengemeinschaft St. Johannes Spelle, St. Ludgerus Schapen, St. Vitus Lünne und St. Vitus Venhaus. Seit 1994 hat der 49-jährige Geistliche in der Samtgemeinde seinen Dienst verrichtet.
Im Kirchenraum wird es ganz still, die ansonsten üblichen Nebengeräusche vor dem Ende der Messe wie das Verstauen von Gebetbüchern hören auf, eine Stecknadel hätte man fallen hören können.
Der Generalvikar trägt zunächst einen Brief des Bischofs an die Pfarreiengemeinschaft vor, in dem dieser seine Entscheidung mitteilt, den Pfarrer mit sofortiger Wirkung wegen des Vorwurfs eines Sexualdelikts von seinen Ämtern entpflichtet zu haben. Der Priester habe ihm, Bode, in einem Gespräch ein Fehlverhalten eingestanden.
"Vertrauen ist gebrochen"
Wörtlich heißt es in dem Brief des Bischofs weiter: „Die belastenden Vorwürfe waren in der vergangenen Woche an die zuständige Kommission des Bistums gemeldet worden. Sie steht mit der betreffenden Person in Kontakt. Zur strafrechtlichen Klärung hat sich der Pfarrer der Staatsanwaltschaft gestellt. Ich bin erschüttert und voller Trauer über diesen Fall. Ihnen wird es nicht anders ergehen. Vertrauen ist gebrochen. Es ist schwer, die Gedanken und Gefühle zu ordnen. Auch darum ist es gut, dass eine unabhängige Instanz das Geschehene prüft.“
Bode erinnert abschließend daran, dass man am Beginn der Karwoche stehe. „Als Kirche können wir sie in diesem Jahr nur mit schwerem Mut durchmessen. Dabei schauen wir auf den, der Leid und Schuld auf sich genommen hat, der sich am Kreuz für uns alle hingegeben hat, damit es ein Ostern geben kann. Ein neues, geläutertes Leben ist und bleibt unsere Hoffnung. Darin wollen wir uns gegenseitig stärken.“
Er könne sich sehr gut vorstellen, „dass in Ihnen jetzt ganz unterschiedliche Gefühle hochkommen“, sagt Generalvikar Paul in die Stille hinein. Auf den Gesichtern der Gottesdienstbesucher steht Fassungslosigkeit. Die Frage, wer die belastenden Vorwürfe gemeldet habe und in welchem örtlichen und zeitlichen Zusammenhang sie stünden, müsse aber unbeantwortet bleiben. „Die betroffene Person hat ganz dringend darum gebeten, nicht in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden“, betont Paul.
Verfahren abzuwarten
Er bittet die Gottesdienstbesucher darum, nicht nach Schuldigen zu suchen, in der Kirchengemeinde nicht in ein polarisierendes Pro und Kontra zu verfallen, sondern das Verfahren abzuwarten. „Wir werden mit der Schwäche unseres eigenen Lebens konfrontiert. Nur wenn wir diese Schwäche annehmen und sie konstruktiv gestalten, können wir geläutert aus ihr hervorgehen“, sagt der Generalvikar. „Halten wir zusammen, stehen wir zusammen auch in schweren Stunden.“ Paul kündigt seine Bereitschaft an, nach Ostern zu einer Aussprache wiederzukommen. „Wir brauchen ein gemeinsames Ziel, das in Worte zu fassen“, hören die sprachlosen Gottesdienstbesucher.
Dann kommt der Schlusssegen durch Pastor Luttmann. Ein Lied noch, ein Orgelspiel, und die Messe ist beendet. Schweigend verlassen die Speller Bürger die Kirche. Draußen vor dem Gotteshaus bilden sich viele kleine Grüppchen. Die Ge Mehr Vermischtes
Leserkommentare
Schreiben Sie einen Kommentar




