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Tippspiel
Verschollen – und doch gerettet
Die Nachricht vom Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor genau einem Jahr erreicht Matthias Johannes Bauer während einer Tagung in Bamberg. „Der Schock war immens“, erinnert sich der Altgermanist. „Sind alle Kollegen heil aus dem Gebäude herausgekommen?“, fragt er sich. Ja, aber später wird klar, dass zwei Bewohner eines benachbarten Hauses ums Leben gekommen sind. Zudem werden unzählige Archivalien verschüttet, beschädigt, vernichtet, oder sie gelten bis heute als verschollen. Wie zum Beispiel eine anonyme Fechthandschrift aus der frühen Neuzeit – Bauers Forschungsobjekt.
Wie Bauer bei der Untersuchung von Schrift, Papier und Sprache herausgefunden hat, müsste die Archivalie das Notizbüchlein eines Fechtmeisters aus dem Kölner Großraum gewesen sein, der vermutlich im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts gelebt hat. „Wer fechten will der sall haben eyn hertz alsz eyn lewe“, heißt es dort etwa in Ripuarisch, einem Dialekt, der damals in jener Region gesprochen wurde. Heute würden wir schreiben: „Wer fechten will, sollte ein Herz haben wie ein Löwe.“
Neben solchen Ratschlägen behandelte der unbekannte Autor den Umgang mit verschiedenen Waffen wie der Stange, dem langen Messer oder dem langen Schwert, dem „Klassiker im Mittelalter“, so Bauer. Eine Seltenheit hingegen sei die Erwähnung des Schweinespießes als Waffe. Dieser sei eigentlich gedacht gewesen, um Wildschweine zu jagen.
Für Bauer liegt die Einzigartigkeit der verschollenen Handschrift jedoch darin, dass sie nicht aus der Feder des Fechtmeisters Johannes Liechtenauers stammt. Denn auf dessen Lehre gingen nahezu alle mittelalterlichen Fechtschriften zurück. Das Kölner Notizbüchlein indes sei eine der raren Quellen, die dem bekannten Meister in einigen Punkten sogar widersprechen würde.
Doch trotz der in Büchern beschriebenen Kampftechniken ließen sich diese nicht vollständig rekonstruieren, erklärt Bauer. „Dafür ist die Überlieferung einfach zu lückenhaft.“ Doch der Kampfsport-Trainer hat aus der Not eine Tugend gemacht und die Regeln der heutigen Zeit angepasst. Als Präsident des Verbandes für moderne Schwertkunst in Bayern hat er die Oberaufsicht über bundesweit 500 Breitensportler, die Holzschwerter als Sportgerät verwenden. Seit vergangenem Jahr auch in Osnabrück: Dem Verein Bai Lung gehören etwa 15 Schwertkämpfer an.
Klar, dass sich auch Bauers Doktorarbeit um ein Fechtbuch dreht. In spätestens eineinhalb Jahren, möglicherweise aber auch schon zum zweiten Jahrestag des Archiveinsturzes will er fertig sein.






