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Im Hinterhof des Nationalstadions
Warschau. Die Hinterhöfe der Brzeska-Straße im Warschauer Stadtteil Praga sind für Kinder ein idealer Abenteuerspielplatz. Daran ändert auch die spiegelverglaste Fassade des Millennium-Zentrums nichts, die den Horizont begrenzt. Der Sender MTV Polska hat dort seinen Sitz. Wenn sich die Kinder der Brzeska-Straße auf die andere Seite des Büroturms träumen, sind sie nur wenige Hundert Meter vom neuen Nationalstadion entfernt, wo am 8. Juni die Europameisterschaft angepfiffen wird.
Nicola gehört zu den Kindern, die ihre Fantasien auf den Hinterhöfen austoben. Die Zehnjährige träumt von einer Karriere als Model oder Sängerin. Im Wohnzimmer der Familie stapeln sich Barby-Puppen. Nikolas fünf Jahre älterer Bruder Kamil sitzt an einem Schreibtisch in einer Ecke des kleinen Raums, in dem vier Personen leben und arbeiten.
Nicola will nicht über ihre Träume reden. Sie schämt sich vor Fremden. Auch Vater Krzysztof verschwindet schnell im düsteren Treppenhaus. Mutter Beata serviert löslichen Kaffee. „Ich bin in der Brzeska aufgewachsen und wohne noch immer hier“, erzählt sie. „Aber stolz bin ich darauf nicht. Wer hier lebt, gilt weniger als alle anderen.“
Die Brzeska-Straße ist das heimliche Herz von Praga, dem historischen Warschauer Arbeiterviertel auf dem rechten Weichselufer. Die Altstadt und die boomende City mit ihren gläsernen Wolkenkratzern ragen auf der anderen Flussseite empor. Praga stand lange im Ruf, der gefährlichste Bezirk der Hauptstadt zu sein. Die Kommunisten siedelten dort all jene „asozialen Elemente“ an, die es in einer sozialistischen Volksrepublik nicht geben sollte, weil es sie nicht geben durfte. Auf den Hinterhöfen von Praga herrschten Gewalt, Arbeitslosigkeit und Alkoholsucht.
Doch in Praga hat sich vieles verändert. Künstler, Designer und Architekten haben das Viertel für sich entdeckt und es in ein Zentrum der Kreativindustrie verwandelt. Maler richten in Lofts ihre Ateliers ein. Studenten bevölkern Szenekneipen. Um die Brzeska jedoch machen die meisten einen Bogen. „Sie denken, in unserer Straße leben nur Verbrecher und Außenseiter“, sagt Beata. Die 40-Jährige arbeitet als Verkäuferin. Nebenbei belegt sie Fortbildungskurse, um sich und ihre Familie voranzubringen. Sprechen möchte sie darüber nicht. Die Menschen in der Brzeska führen ihren Kampf für ein besseres Leben wortlos. Das Leben in der Brzeska ist kein Spaß. Im Winter drängt sich Beatas Familie um eine Stromheizung. „Wärmer als 15 Grad wird es bei uns nicht, auch wenn wir den Backofen mitheizen lassen.“ Die Häuser stammen aus der Vorkriegszeit. Viele Fassaden sind von Einschusslöchern übersät.
Als die Deutschen Warschau 1944 in Schutt und Asche legten, blieb Praga zumindest das Schlimmste erspart. In den Straßen östlich des Flusses stand bereits die Sowjetarmee. Doch der Segen wurde zum Fluch für spätere Bewohner. Seit dem Krieg hat niemand die Häuser saniert.
Polens Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 2004 verdoppelt. Mit einem Mut, der an Verzweiflung grenzt, kämpft Beatas Familie dafür, mit dem Wirtschaftswunder Schritt zu halten. Doch die Welt jenseits der Brzeska entwickelt sich so rasant, dass viele Bewohner in ihren verfallenen Häusern immer weiter ins Hintertreffen geraten. Das imposante, rot-weiß schimmernde Nationalstadion ist dafür das weithin sichtbare Zeichen.
„Was haben wir Gutes von der EM?“, fragt Beata und gibt sich selbst die Antwort: „Nichts. Statt das Stadion zu bauen, hätten sie unser Haus lieber an das Heizungssystem anschließen sollen. Wir haben wieder einmal das Nachsehen.“ Am nördlichen Eingang zur Brzeska hat die Deutsche Bank in einem sanierten Altbau eine Filiale eröffnet. Im Süden, in Sichtweite des Millennium-Zentrums, entsteht ein weiteres gläsernes Bürogebäude. Die polnische Moderne nimmt die kaum 600 Meter lange Brzeska-Straße und ihre Bewohner in einen Klammergriff. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Herz von Praga aufhört zu schlagen.
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