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Als die schweigende Masse kritisch wurde
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Autor: Robin Fehrenbach 10. Februar 2012 07:00 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Buchautor Hamed Abdel-Samad über die Rolle sozialer Netzwerke in der arabischen Revolution

Als die schweigende Masse kritisch wurde

Osnabrück. Dass soziale Netzwerke wie Facebook zum Sturz von Diktatoren führen können, hat Hamed Abdel-Samad vor einem Jahr selbst erlebt. Der Deutsch-Ägypter mischte sich unter die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo. „Es war fast mein einziger Weg, mich der Bewegung anzuschließen, weil ich im Ausland wohne. Ich habe von der Revolution in Tunesien zunächst nur über Facebook erfahren, als die Medien sie noch nicht thematisierten“, sagt Abdel-Samad im Gespräch mit unserer Zeitung. „Dann bekam ich eine Einladung per Facebook: Möchten Sie an der ägyptischen Revolution teilnehmen? Ich fand das absurd und dachte, man kann nicht in einem Polizeistaat eine Revolution verabreden“, sagt der Buchautor. Doch Facebook, Twitter und SMS hätten geholfen, Strategien schnell zu ändern: Informationen, in welchen Stadtteilen Polizeibarrikaden errichtet waren, seien ausgetauscht worden, und die Route zu den Plätzen des Protests sei geändert worden.

 
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Knotenpunkt Tahrir-Platz: Auch in diesem Jahr demonstrieren viele Ägypter gegen die Missstände in ihrem Land. Wie vor einem Jahr verabreden sich einige von ihnen im sozialen Netzwerk Facebook zum Protest in Kairo. Foto: dapd

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Ohne die Internet-Plattformen wäre die arabische Revolution in der Form, wie sie sich entwickelte, Abdel-Samad zufolge nicht möglich gewesen. Es gehe darum, dass Wissensmonopole des Staates brechen. Mit dem Satellitenfernsehen habe diese Entwicklung eingesetzt. „Facebook fügte sich ein in die Reihe der Medien, über die man an neue, andere Informationen kommt. Dadurch wurde aus der schweigenden Masse eine kritische Masse“, bemerkt der 40-Jährige.

Mit den Netzwerken könne man lange gegen eine Diktatur kämpfen, wenn der Diktator bereit sei einzulenken, sagt Abdel-Samad. In Ägypten und Tunesien seien weiche Diktaturen gestürzt. „Gegen einen Massenmörder wie in Syrien kann man mit Facebook nicht vorgehen“, schränkt der Intellektuelle mit Blick auf den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad ein.

Vom ersten frei gewählten Parlament seines Heimatlandes erwartet Abdel-Samad eine ausgeglichene Verfassung. Sie sei das A und O für eine funktionierende Demokratie. Wenn nur islamische Vorstellungen Vorrang hätten, werde in Ägypten keine Demokratie entstehen, sagt das Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz. Außerdem erwarte er, dass das Parlament keine Deals mit dem Militärrat abschließt: „Das Militär hat fatale Fehler begangen und darf keine Sonderstellung haben.“ Für beide Entwicklungen mahnt Abdel-Samad Geduld an: „Wir erleben zurzeit die Eröffnungsszene in einem sehr langen, dramatischen Spiel.“

Für die syrische Bevölkerung hat Abdel-Samad trotz des russischen und chinesischen Vetos im UN-Sicherheitsrat gegen eine Resolution Hoffnung. „Assad wird sich nur noch einige Wochen halten können. Das Regime wird immer brutaler, immer mehr Menschen sterben. Es wird also nervös und gerät unter Druck“, sagt er. Unabhängig davon sei eine Reform der Vereinten Nationen vonnöten. „Es darf nicht sein, dass zwei Diktaturen wie China und Russland die Welt daran hindern, wichtige Entscheidungen zu treffen.“

Die Leistung der deutschen Außenpolitik im Arabischen Frühling fällt Abdel-Samad zufolge „sehr mager“ aus. Es habe hübsche Bilder von Guido Westerwelle auf dem Tahrir-Platz gegeben, die inszeniert gewesen seien. Aber der FDP-Politiker halte sich irgendwie zurück. „Der Außenminister nennt seine Positionen im Nachhinein, Klartext spricht er erst hinterher.“ Es handele sich um eine Politik der kleinen, ängstlichen Schritte.

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