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Autor: Christian Schaudwet 06. Februar 2012 20:06 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Schuldenkrise hin, Streiks und Proteste her – das Akropolis-Museum von Athen zeigt Griechenlands zeitlose Größe

Stolz der Hellenen

Athen. Auch in schwierigen Zeiten zieht das Akropolis-Museum im Zentrum der griechischen Hauptstadt Besucher aus aller Welt an. Ein Streifzug lässt die Misere des geschichtsreichen Landes vergessen.

 
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Jahrtausendealte Zeugnisse griechischen Hochkultur umgeben Besucher des 2009 eröffneten Akropolis-Museums in Athen. Der Rundgang ist eine Lehrstunde in griechischer Mythologie. Foto: AP Schrein für alte Schätze: der Museumsbau des schweizerischen Architekten Bernard Tschumi. Foto: dpa

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Griechenlands Gloria und Griechenlands Pein vereinen sich in ein und demselben Symbol: Die Eule, Lieblingsvogel der Göttin Athene und Sinnbild der Weisheit, thront marmorn auf einer Stele vor dem spektakulären Akropolis-Museum in Athen. Doch sie ziert auch die Rückseite der griechischen Euro-Münze, die zum Stein des Anstoßes geworden ist.

Hellas, dem geschmähten Schuldensünder der Euro-Zone, bleibt in diesen Tagen zur Erbauung kaum mehr als der Blick in seine große Vergangenheit. Mögen die Griechen der Gegenwart heute auch Häme und Spott erleiden – ihre Vorfahren waren die Wegbereiter der europäischen Demokratie.

Wie weit die alten Griechen anderen Völkern des Kontinents kulturell und zivilisatorisch voraus waren, lässt sich im 2009 eröffneten neuen Museum am Fuße des Athener Akropolis-Hügels erleben. Vergessen sind Schuldenschnitt und Steuerflucht während eines Spaziergangs durch die Zeugnisse der Antike. Mehr als eine Million Besucher im Jahr empfängt das beliebteste Museum des Landes.

Der wuchtige, zugleich lichte Edelstahl-, Glas-, und Betonbau des schweizerischen Architekten Bernard Tschumi ruht erdbebensicher auf 92 in den Boden gerammten Säulen. Großzügige Fensterfronten, Glasdächer und Griechenlands Sonnenreichtum machen künstliche Lichtquellen nahezu überflüssig.

Fremdenführer Nikos Pappas blickt schmunzelnd nach oben. „Hier sollten Sie keinen Rock tragen“, sagt er. Die Decke über einem kirchenschiffhohen Atrium im Zentrum des Baus besteht aus Glas. Tageslicht flutet herab, und von unten können Besucher Ihresgleichen im Stockwerk darüber betrachten.

Umgeben von der Anmut der zahllosen attischen Statuen mit ihren perfekten Proportionen und ihrem steten Lächeln auf den Lippen dürfte jedoch den wenigsten Kunstfreunden der Sinn nach dem Anblick abgelaufener Schuhsolen stehen.

Keinem entgehen die sechs als Karyatiden bekannten Mädchengestalten. Ihnen ist nicht anzumerken, dass sie einst säulengleich das tonnenschwere Dach des rund 400 Jahre vor Christus erbauten Erechtheion-Tempels auf ihren Köpfen balancieren mussten. Erhobenen Hauptes und in vollendeter Harmonie scheinen sie durch den Raum zu schreiten. Das Tuch um ihre Hüften sachte mit der Hand raffend, um nicht über die Säume ihrer Gewänder zu stolpern, umrahmten sie so ein Königsgrab auf der Akropolis. Ein statisches Problem wurde geschickt gelöst: Die schlanken Marmorhälse der Mädchen allein hätten das schwere Dach nicht tragen können – deshalb meißelten die Bildhauer ihnen dicke, bis zwischen die Schulterblätter fallende Zöpfe, die einen Teil der Last aufnahmen.

Die eleganten Karyatiden sind eine Augenweide – den Höhepunkt auf dem Streifzug durch die Sammlung aber bildet die Parthenon-Galerie. Sie zeigt die Giebelskulpturen und die 92 Seitenreliefs des Parthenon-Tempels, des auf Geheiß des Staatsmanns Perikles im 5. Jahrhundert vor Christus erbauten Wahrzeichens von Athen. Die Ostflanke des im Museum nachempfundenen Parthenon beschreibt die Schlacht der olympischen Götter mit den Titanen, die Westseite den Kampf der jungen Athener gegen die kriegerischen Amazonen.

Tragisch für ihre Nachfahren: Nur 40 Prozent der Darstellungen rund um den Parthenon sind Originale. Den größten Teil entführte 1801 Thomas Bruce, Earl of Elgin. Der britische Diplomat pflegte unter dem Vorwand archäologischer Leidenschaft antike Schätze in seinen Besitz zu bringen und sie in England teuer zu verkaufen.

Die Reliefs des Parthenon sind heute ein Besuchermagnet im Britischen Museum in London. Der Zwist um den Kunstschatz zwischen den Hauptstädten dauert an. Das Akropolis-Museum muss derweil mit Gipsabdrücken vorlieb nehmen.

Wirkungslos blieben die Rückgabeforderungen der früheren Schauspielerin und Sängerin Melina Mercouri. Als Kulturministerin setzte sie in den Achtzigerjahren den Planungsprozess für das Museum in Gang – in der Hoffnung, dass das Haus zu seiner Eröffnung die Orginal-Reliefs beherbergen würde. Der Wunsch blieb ihr verwehrt. Das Museum aber wurde Wirklichkeit, und die Griechen rechnen es der 1994 Verstorbenen als persönliches Verdienst an.

Artemis, Zeus, Apollo, Poseidon und immer wieder Athene, die Schutzpatronin der Stadt – ein Besuch des Akropolis-Museums gleicht einer Lehrstunde in griechischer Mythologie. Herakles schlägt auf die vielköpfige Schlange Hydra ein – doch für jeden Schädel, den seine Keule zerschmettert, wachsen dem Monstrum zwei neue.

Ähnlich mag sich der griechische Premierminister Loukas Papademos in seinem Kampf gegen das Ungeheuer der Staatsverschuldung fühlen. Wo sind sie, die Weisheit und der Heldenmut der alten Griechen? Das Wappentier der Athener vor dem Museum bleibt stumm. In den 2500 Jahren ihrer Existenz sah die Eule Krieg, Hunger und Seuchen, hat gar ihren Schnabel aus parischem Marmor eingebüßt. Wie leicht wiegt dagegen eine Staatsschuldenkrise?

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