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Die Peinlichkeiten des Präsidenten und die Probleme der Presse
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Autor: Burkhard Ewert 08. Januar 2012 19:32 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

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Mister Fritz Mittwoch, 11. Januar 2012 16:52 Uhr

Verreißprobe für Christian Wulff

Die Peinlichkeiten des Präsidenten und die Probleme der Presse

Osnabrück. Der Fall Wulff ist auch eine Affäre der Medien. Eine publizistische Auffälligkeit folgt der anderen. Eine Reihe bemerkenswerter Fehlleistungen kommt dazu. Das bedeutet nicht, dass der Bundespräsident alles richtig oder auch nur glücklich gemacht hätte. Es heißt jedoch, dass das Thema ohne mediale Fehler und Einflüsse nach klassischen Maßstäben längst keines mehr wäre. Verschiedene Faktoren verhinderten dies – ein Überblick.

 
Wulff und die Medien: ein schwieriges Verhältnis, was für beide Seiten gilt. Foto: dapd  Vergrößern

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Der Anruf bei Döpfner: Christian Wulff hat auch den Springer-Chef Mathias Döpfner wegen des Vorgehens der „Bild“ empört und drohend angerufen. Dies ist laut „Spiegel“ die neueste Wendung in seiner Affäre. Aber: Darüber hatte „Spiegel online“ bereits am 2. Januar berichtet, ebenso die „SZ“ und andere Medien. Den „Spiegel“ selbst hindert es nicht daran, es heute abermals zu melden – was prompt nach einer Neuheit aussieht, obgleich nur einige weitere, wenig relevante Details eingestreut werden. Der Vorgang selbst ist lange bekannt.

Der Bundesbankscheck: Noch an diesem Wochenende versuchte die „Frankfurter Rundschau“ damit zu punkten, dass das erste Privatdarlehen der Geerkens an Wulff per Bundesbankscheck anonym gewährt worden sei. Die Redaktion schaffte es immerhin mit dieser Botschaft als Spitzenmeldung in die Nachrichten von NDR2. Ferner habe Wulff keine Tilgung geleistet, sondern nur Zinsen gezahlt. Beides trifft zu, jedoch: Beides ist uralt. Den Weg des Geldes hatten Wulff und seine Anwälte bereits vor Wochen im Detail dargelegt. Die Erklärungen sind online zu finden und für jeden einsehbar, über sie wurde mehrfach berichtet. Geerkens persönlich hatte den Scheck zu Beginn der Affäre so begründet, dass er nicht wolle, dass jeder Sparkassen-Azubi in Osnabrück den Transfer kenne, er und Wulff seien schließlich sehr bekannt in der Stadt. Da von Beginn an geplant gewesen sei, den Privatkredit mit einem Bankdarlehen abzulösen, erfolgte keine Tilgung – auch dies ist seit Wochen bekannt und keineswegs eine aktuelle Enthüllung.

Wulffs Halbschwester: Bereits im Sommer 2011 soll Wulff gegen einen Presseartikel über seine Halbschwester Bettina Mertschat-Wulff aus Westerkappeln interveniert haben. Der Artikel erschien trotzdem, in der „Welt“ unter dem Titel „Die Wulffs von nebenan“. Online lautete die Überschrift „Die Geschichte der heimlichen Schwester“. Gestern thematisierte es die „Welt am Sonntag“. Wieder wirkte dies wie eine Neuheit und tauchte auf vielen Web-Seiten so auf – aber „Spiegel online“ hatte den Vorgang schon vor einer Woche angeprangert. Die „Welt“ legte als eigentlicher Urheber der Information lediglich noch einmal nach.

Das Interview: Sie selbst zahle 150 Euro für Übernachtungen bei Freunden, hatte ZDF-Frau Bettina Schausten gesagt. Nachdem sie sich zu dieser merkwürdigen Aussage zunächst nicht hatte äußern wollen, tat sie es später doch: Sie scherzte und stellte es als legitimes Mittel der Gesprächsführung dar, einem Präsidenten vor Millionen Zuschauern ins Gesicht zu lügen. Ein Wort des Bedauerns war nicht zu hören.

Verschiebung oder nicht: Nachdem Wulff im Fernsehinterview gesagt hatte, er habe die Berichte nicht verhindern, sondern verschieben wollen, erklärte „Bilds“ Vize Nikolaus Blome im Deutschlandradio, sein Eindruck sei ein ganz anderer gewesen. Prompt kam das Thema abermals nicht zur Ruhe, stand doch die Frage im Raum, ob der Präsident gelogen habe. Zwar lehnte dieser eine Veröffentlichung der Mailbox-Nachricht ab. Aber ihr Inhalt ist inzwischen weitgehend bekannt und mehrfach wiedergegeben. Und darin fragte Wulff, damals auf Reise am Golf, warum „Bild“ nicht akzeptieren könne, „wenn das Staatsoberhaupt im Ausland ist, zu warten, bis ich Dienstagabend wiederkomme, also morgen, und Mittwoch eine Besprechung zu machen, wo ich mit Herrn ... den Redakteuren rede, wenn Sie möchten, die Dinge erörtere, und dann können wir entscheiden, wie wir die Dinge sehen, und dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen.“ Auch im eigenen Rechercheprotokoll der „Bild“ heißt es unter dem Datum „Montag, 12. Dezember“, anders, als Blome es darstellte: „18.19 Uhr: Bundespräsident Wulff spricht auf die Mailbox von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, droht mit „Strafantrag“ wegen des geplanten Berichts, spricht von „Krieg“ und verlangt zudem einen erneuten Aufschub der Berichterstattung.“ – Aufschub also, nicht Unterbindung.

Die Mailbox-Episode: Da die „Bild“ nicht selbst berichten wollte – möglicherweise aus juristischen Gründen – streute sie die Informationen über Wulffs Anruf bei Diekmann nach Recherchen der „SZ“ bundesweit. Nur stieß sie dabei in anderen Redaktionen auf geringes Interesse, dem Springer-Titel den Steigbügel zu halten. Einzig die „FAZ“ ließ eine Passage darüber in einen Text einfließen, und zwar am 19.12. Wer den Vorgang heute als Angriff auf die Pressefreiheit beurteilt, konnte ihn also bereits damals nachlesen und sich empören. Es geschah allerdings nichts, sehr zum Verdruss der „Bild“, bis die „SZ“ die Geschichte erneut brachte. Aufgrund eigener Recherchen, wie sie später verschämt betonte, nicht auf Bitte der „Bild“. In jedem Fall aber gilt: Obwohl Wulffs Protestanruf bekannt und bereits publiziert war, platzierten die Bayern das Thema zum Jahreswechsel erneut und hielten so das Thema am Leben.

Geerkens als Vermittler: Kurz vor Jahresende ging aus einer Mitteilung der Stuttgarter BW-Bank hervor, dass Egon Geerkens den Kontakt zwischen Wulff und dem Institut vermittelt hatte. Eine Sache, die in Bezug zu den Vorwürfen nicht relevant ist, und die außerdem Geerkens, Wulff und ihre Anwälte bereits zehn Tage vorher selbst dargelegt hatten. Viele Medien, allen voran „Spiegel online“, hinderte es nicht, den Fakt erneut skandalträchtig zum Aufmacher zu küren. Journalistisch erklärbar ist das nicht, außer vielleicht, es hat jemand das zweite Geldmarktdarlehen der BW-Bank mit dem Privatkredit durch Edith Geerkens verwechselt. Nur dessen Entstehung war strittig, hatte Wulff doch im Landtag die Frage nach einer geschäftlichen Verbindung zu Egon Geerkens verneint.

Gerüchte, Gerüchte: Befeuert wurde die Affäre durch Gerüchte über Wulff und seine Frau. Der Präsident selbst sprach sie im Fernsehen an. Auch unsere Redaktion erreichten sie im Dutzend – erwiesen sich aber als Tratsch, nicht belegbar oder eindeutig falsch. So passen angebliche Fakten häufig nicht zueinander. Mal können die Zeitangaben nicht stimmen, mal variieren die Schauplätze je nach Erzähler zwischen Osnabrück, Berlin und Hannover, was nicht für besondere Detailkenntnisse spricht. Die Gerüchte erzeugten in der Medienszene gleichwohl die Erwartung, dass bald weitere und womöglich gravierende Dinge bekannt werden. Bislang ist davon nichts geschehen, aber in fiebriger Erwartung legten die Medien das Thema nicht zu den Akten.

Pingpong-Effekt: Früher spielten sich hier und da verschiedene Zeitungen den Ball zu. Heute ist dieses Spiel ungleich komplexer geworden. Grund sind Sonntagszeitungen und Internet. Was „Spiegel“, „FAZ“, „Welt“ und „Bild“ unter der Woche online oder in tagesaktuellen Ausgaben melden und bei Wulff umgehend bundesweite Verbreitung fand, wurde beim Erscheinen der gedruckten Titel oder am Sonntag in allenfalls variierter Form ein weiteres Mal vermarktet. Hinzu kam im Fall Wulff eine Recherchekonkurrenz: „Stern“ und „Bild“ waren im Herbst in etwa gleich weit mit dem Thema – aber die Chefredaktion des „Sterns“ bremste ihre Reporter, verlangte weitere Recherchen. Die „Bild“ nicht. Sie hatte es so eilig, dass sie Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker nach Monaten der Recherche sonntags um 6.49 Uhr mailte und eine Frist zur Antwort bis zum Nachmittag setzte. Spekulation ist, dass der Redakteur ein Stück weit frustriert war. Monatelang hatte er geforscht, wie Wulffs ihren Hauserwerb finanziert hatten. Endlich gibt ihm das Präsidialamt Einblick in den Vertrag über den Privatkredit. Und dann steht da nicht „Carsten Maschmeyer“, wie der Reporter nach Angaben aus Wulffs Umfeld erwartet und wohl auch gehofft hatte, sondern nur eine gewisse, bis dahin gänzlich unbekannte Edith Geerkens. Einige Reporter hätten die vermeintlich spektakuläre Geschichte deshalb als geplatzt bewertet; andere nicht.

Sauregurkenzeit: Zuletzt verschärfte das Fehlen wichtiger Nachrichten rund um Weihnachten und Silvester den Skandal. Eine Bankenpleite oder auch nur ein heftiger Wintereinbruch mit einigen verspäteten Zügen, dann wäre der Republik so mancher Akt des Wulff-Dramas erspart geblieben.


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  Leserkommentare

 
Mister Fritz, Mittwoch, Januar 11 um 16:52 Uhr Du sollst nicht lügen... Herr Heinz-H.S., gerne zähle ich ihnen Politiker auf die gelogen
habe oder die Unwahrheit nicht gesagt haben. Ich denke die
kennen sie auch alle. Nur ist das heute solch eine Sache mit
der Wahrheit. Denken sie an Frau Schausten vom ZDF. Herr Wulf
hat im Landtag die bekannte Frage korrekt beantwortet. Ist doch
heute alles normal und von der Gesellschaft akzeptiert. Andere
dürfen das. Wenn sie ehrlich sind, haben sie sicherlich
festgestellt, dass diese Art überall akzeptiert wird. Mich ärgert
diese Form immer wieder. Wollen wir beide uns gegen die
Gesellschaft stellen.

 
Mister Fritz, Mittwoch, Januar 11 um 12:28 Uhr Du sollst nicht lügen... Danke an die NOZ für das löschen meines Kommentares.

 
Heinz - H. S., Mittwoch, Januar 11 um 11:00 Uhr Du sollst nicht lügen .. .. .. Alle Politiker, die ein mehr oder weniger Hohes Amt betreiben,
müssen einen Eid ablegen. Dieser Schwur wird in der Regel
auf die Bibel geleistet. Und was steht in der Bibel?:DU SOLLST NICHT LÜGEN !! !! !!
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