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Ehemalige Heimkinder bleiben unversöhnlich
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Autor: Uwe Westdörp 21. November 2011 16:21 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

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Heidi B. Donnerstag, 24. November 2011 13:52 Uhr

Kritik an Ehrung für Vermittlerin Antje Vollmer

Ehemalige Heimkinder bleiben unversöhnlich

Osnabrück/Bochum. Streit um Preisverleihung: Die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer wird heute in Bochum für ihre Versöhnungsleistungen mit dem Hans-Ehrenberg-Preis ausgezeichnet. Ehemalige Heimkinder, die zwischen 1945 und 1975 unter Demütigungen, Gewalt und Missbrauch gelitten haben, wollen am Veranstaltungsort protestieren. Kritik kommt auch aus Niedersachsen – verbunden mit dem Vorschlag, die ehemalige Landesbischöfin Margot Käßmann auszuzeichnen.

 
Geehrt und kritisiert: Antje Vollmer. Foto: dapd  Vergrößern

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Mit dem Hans-EhrenbergPreis werde gewürdigt, wie Vollmer „in scheinbar ausweglosen gesellschaftlichen Konflikten Verständigungsprozesse initiiert“, erklärte der ausrichtende evangelische Kirchenkreis Bochum. Vollmer, so heißt es, habe sich für die deutsch-tschechische Aussöhnung und die Entschädigung von NS-Opfern eingesetzt. Zudem moderierte sie die Arbeit am „Runden Tisch Heimerziehung“ (RTH), auf dessen Empfehlung Bundestag und Bundesregierung inzwischen die Einrichtung eines 120-Millionen-Euro-Fonds beschlossen haben.

„Ich kann die Empörung über die Preisverleihung verstehen. Von Versöhnung mit den Opfern kann man nicht sprechen“, sagte Jürgen Beverförden, Sprecher ehemaliger Heimkinder in Niedersachsen, der selbst mit am RTH gesessen hat, unserer Zeitung. „Frau Vollmer ist sicherlich eine integre Person. Aber sie hat dafür gesorgt, dass die Begriffe Zwangsarbeit und Menschenrechtsverletzungen nicht im Abschlussbericht stehen. Dadurch wurde verhindert, dass der Bundestag ein Opferentschädigungsgesetz beschließen musste.“ Ehemalige Heimkinder erwarteten vor allem eine finanzielle Entschädigung, wie es sie in anderen europäischen Staaten gebe. Stattdessen könnten sie jetzt aber lediglich Rentennachzahlungen und Hilfen bei Therapien erwarten. Letzteres sei schon deshalb unsinnig, „weil 90 Prozent der Betroffenen keine Therapie machen wollen; sie sind zu alt oder fürchten eine erneute Traumatisierung“.

Ähnlich wie der Verein ehemaliger Heimkinder (VEH) kritisiert Beverförden zudem Zusammensetzung und Arbeitsweise des Runden Tisches. Die Vertreter der Opfer hätten keinen rechtlichen Beistand gehabt, während Wohlfahrtsverbände, Kirchen und Ministerien Dutzende von Fachleuten aufgeboten hätten. „Am schlimmsten aber: Als es um die Endfassung des Abschlussberichtes ging, wurden wir genötigt. Es hieß: Entweder ihr stimmt zu, oder es gibt gar nichts.“

Beverförden plädierte außerdem dafür, die ehemalige Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann mit einem Versöhnungspreis auszuzeichnen. „Käßmann hat als erste wichtige Persönlichkeit Klartext geredet und festgestellt, dass es massenweise Zwangsarbeit und Menschenrechtsverletzungen in den Heimen gegeben hat. Wir haben ein Riesenvertrauen gehabt in diese Frau.“

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  Leserkommentare

 
Heidi B., Donnerstag, November 24, 2011 um 13:52 Uhr Integrität Es ist empörend und peinlich,daß Frau Vollmer mit Preisträgern wie Hans Georg Gadamer,Jürgen Habermas und Emanuel Levinas gleichgesetzt wird.Da hat der Verein seine Latte für ethische Werte wohl um einiges tiefer gelegt als wünschenswert und angemessen gewesen wäre.
Ja,Frau Käßmer hätte diese Ehre widerfahren sollen.Sie erfährt nach wie vor hohes Ansehen in der Gesellschaft vor allem wegen ihrer Glaubwürdigkeit und humanen Gesinnung.
Äußerst peinlich für den Verein,der gut daran täte,diese Angelegenheit zu revidieren.

 
dierk S., Dienstag, November 22, 2011 um 23:41 Uhr Das politische Versagen der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft Ja, da fehlt eine Rückkoppelung, darum der mehrfache Kommentar. Einmal hätte gereicht.
ds

 
dierk S., Dienstag, November 22, 2011 um 23:39 Uhr Das politische Versagen der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft Vorweg:
Wer die Diskussion auf der Web-Seite der Christuskirche verfolgt hat, weiß, daß die ethisch-moralische Qualifikation der Preisträgerin Antje Vollmer mit guten Gründen angezweifelt wird. Die Zweifel und Proteste haben ihren Niederschlag auch auf anderen Web-Seiten, in Blogs und Foren gefunden. Damit wurden die Zensurmaßnahmen von Thomas Wessel obsolet. Er ist Mitglied der Findungskommission der Ehrenberg Gesellschaft, Pfarrer an der Kirche und „Moderator“ ihrer Web-Seite. Wenn auch nicht als solcher ausgewiesen scheint er der Sprecher der Gesellschaft zu sein.
Nachdem nun wohl alle Argumente zur ethisch-moralischen Qualifikation – wo auch immer – vorgetragen sind und die meisten nicht widerlegt, sondern überhört oder wegzensiert wurden, erscheint es mir angebracht, den politischen Aspekt zu betrachten, der Herrn Wessel erklärtermaßen der wichtigste ist. Ich kann mich dabei nur an der causa Vollmer orientieren. Es geht also nicht um frühere Preisträger.

Nun zum politischen Aspekt der Angelegenheit:
»Antje Vollmer, so Traugott Jähnichen, Vorsitzender der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft, habe ihre Politik auf jenem „dialogischen Prinzip“ gegründet, das Ehrenberg für die politische Theorie der Gegenwart (Hans-Georg Gadamer, Jürgen Habermas, Emanuel Levinas) fruchtbar gemacht habe.« So auf der Web-Seite der Christuskirche.

Das dialogische Prinzip und die politische Theorie der Gegenwart
Was geschah politisch am Runden Tisch, den Frau Vollmer moderiert hat?
Drei einzelnen ehemaligen Heimkindern (plus drei Stellvertreter), alle ohne Mandat einer Gruppierung, saß eine Mehrzahl von Vertretern von Korporationen und Verbänden gegenüber. Das waren in der Hauptsache der Staat in seinen Auffächerungen von Bund, Land und kommunal Verantwortlichen und die beiden Großkirchen mit ihren Sozialeinrichtungen. Die asymmetrische Machtverteilung wurde vielfach beklagt und nirgends gerechtfertigt. Sie soll hier kein Thema sein. Es geht um die politische Struktur (und Kultur).
Wir wissen, daß zum Einfluß des Wählers mit seiner Stimme am Wahltag noch andere Einflußgrößen im politischen Prozeß hinzutreten. Manche sind im Rahmen der repräsentativen Demokratie demokratisch legitimiert, andere nicht. Der Wähler, kleinste Basis einer jeden Demokratie, sieht sich (nicht nur am Runden Tisch) einem Machtgefüge gegenüber, auf das er so gut wie keinen Einfluß hat. Wie ein politischer Dialog mit einem solchen Machtgefüge funktioniert, sieht man am Beispiel des Runden Tisches sehr gut. Begründete Argumente werden kaum aufgenommen, vielleicht nicht einmal wahrgenommen. Die Ehrenberg Gesellschaft setzt dieses auf der Web-Seite der Christuskirche fort. Eine solche politische Struktur gleicht eher der eines Ständestaates, der allerdings in seiner Machtstruktur für alle durchschaubar war. Das ist in unserem Parteien- und Korporationsstaat anders. Das Ende des Ständestaates war in Frankreich die Revolution. Der für den Normalbürger undurchschaubare Parteien- und Korporationsstaat hat als Ventil zwar die allgemeinen Wahlen, doch zunehmend mehr treten Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit hinzu. Der Sieg von Staat, Kirchen und Verbänden in der Heimkindersache, befördert die Verdrossenheit über Staat und Kirche. Bei den Kirchen ist die Austrittswelle der schlagende (und teure) Beleg dafür.
Frau Vollmer hat mit ihrer inzwischen erschöpfend kritisierten Moderation des Runden Tisches Heimkinder das unterstützt, was Habermas die „post- bzw. scheindemokratische Politik kleiner Führungseliten und ihrer staatstechnischen Strategien“ nennt. Er spricht auch davon, daß mit der „Positivierung unteilbarer demokratischer, sozialer und kultureller Menschenrecht von Anfang an eine Rechtspflicht erzeugt“ wurde. Diese bestehe darin, die überschießenden moralischen Gehalte zu realisieren, also den historisch wechselnden Verletzungen der Menschenrechte mit Mitteln einklagbarer Rechte zu begegnen.

Die Festlegung der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft auf Frau Vollmer erfolgte ohne eine gründliche Bewertung ihrer Maximen und der Verdienste von Frau Vollmer. Wer mit der heißen Nadel näht, darf sich nicht wundern, wenn die Nähte platzen. Man hätte nachbessern können. Aber so hat die Hans-Ehrenberg-Gesellschaft nicht nur ihren bisher guten Ruf verspielt, sondern ihrem Namensgeber Schande bereitet.
Dies alles, so meine Interpretation, um sich mit einer bekannten Politikerin a.D. zu schmücken. Eine Lebenswerk-Prämie sozusagen. Doch Frau Vollmer schmückt nicht und ihr Politikstil entspricht nicht der Auslobung.
Ein Hans-Ehrenberg-Preis wäre angemessener für Menschen, die, wie Hans Ehrenberg, mutig sind und für ihre vorbildlichen Ziele ihre Existenz dransetzen. Ein solches Zeichen wäre mutig und ermutigend zugleich.

Dierk Schäfer
Freibadweg 35
73087 Bad Boll
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