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Vor dem Weltklimagipfel in Durban: In Nigeria und auf dem Kontinent hat die Erderwärmung längst begonnen
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Die Last auf Afrika

Vor dem Weltklimagipfel in Durban: In Nigeria und auf dem Kontinent hat die Erderwärmung längst begonnen

Lagos. Ab Montag kommen sie wieder zusammen, um Lösungen gegen die Erderwärmung zu finden. Rund 15000 Experten werden zum Klimagipfel im südafrikanischen Durban erwartet, mehr als 190 Staaten der Welt sind vertreten. Es geht mal wieder um einen Nachfolge-Vertrag des Kyoto-Protokolls, das einzige verbindliche Klima-Abkommen, das allerdings 2012 ausläuft.

 
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Eine Riesenschale Früchte balanciert diese Nigerianerin. Land und Kontinent tragen derweil die ganz andere Last des Klimawandels. Fotos: Klaus Jongebloed Trügerische Idylle: Makoko nahe Lagos ist nicht Venedig.

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In Südafrika werden sie wie die Jahre zuvor in Bali, Kopenhagen und Cancún über den Klimawandel reden. In Lagos, Dan Bassa und Kaduna hat er längst begonnen. Was für ganz Afrika gilt, trifft auf Nigeria im Besonderen zu: Der Kontinent und sein mit mehr als 150 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichstes Land tragen die Last der Luftverpestung, die in anderen Teilen der Welt verursacht wird.

Kofo Adeleke hatte die Besucher gewarnt. Was sie zu sehen bekämen, hätte nichts mehr zu tun mit klimatisierten Konferenzräumen auf Gipfeltreffen. Seit fünf Jahren leitet Kofo in Nigerias früherer Hauptstadt Lagos direkt am Atlantischen Ozean ein Entwicklungsprogramm, das das Bewusstsein für den Klimawandel schärfen soll. Unterstützt wird er dabei von der Heinrich-Böll-Stiftung.

„Die Ärmsten haben sich an der Küste der Lagune von Lagos angesiedelt“, hatte er gesagt. Makoko heißt einer dieser Orte im Norden der Metropole. Mehrere Hunderttausend Menschen leben hier. Fast einen Kilometer in die Lagune hinein haben sie ihre Holzhütten auf Pfählen gebaut, so wie die Fischer in den Generationen vor ihnen. „Aber wir müssen immer weiter hinausfahren, um zu fischen“, sagt Häuptling Emmanuel Shemede.

Auf den Wasserwegen zwischen den wackligen Pfahlbauten herrscht geschäftiges Treiben. Mit Paddeln bewegen die Bewohner ihre Boote flink voran. Für einen kurzen Moment blitzt die Erinnerung an Venedig auf. Im nächsten Augenblick riecht es nach verfaulten Eiern. Modriger Geruch steigt in die Nase. Unrat schwappt im Wasser, überall. Die Sonne brennt, beißender Rauch breitet sich aus. Kinder strecken ihre Köpfe aus den Fenstern. Immer wieder rufen sie in ihrer Sprache: „Yevo! Yevo!“ – „weißer Mann!“ Häuptling Shemede ist auf die Weißen nicht so gut zu sprechen. „Unsere ganzen Probleme habt ihr uns doch eingebrockt“, sagt er. Die meisten Menschen in Makoko kennen die Zusammenhänge kaum. Schneider Zogbe Hunsu etwa zieht die Augenbrauen hoch. Das Wort Klimawandel hat er gerade zum ersten Mal gehört. Der Konferenzzirkus um die Erderwärmung reicht Entwicklungshelfer Kofo Adeleke schon lange nicht mehr. „Wer etwas gegen Klimawandel tun will, muss zuerst die Gemeinden für sich gewinnen“, sagt er. „Die Leute haben genug von Theorien. Sie wollen Lösungen.“

Lagos braucht sie verdammt schnell. „Die Bevölkerung der Stadt wächst jedes Jahr um sechs bis acht Prozent“, sagt Kofo. „Bis 2015 leben hier vermutlich fast 25 Millionen Menschen. Lagos wäre dann die drittgrößte Megacity der Erde.“ Schlimmer noch: Die Lagunenmetropole zählt zu den 21 Küstenstädten weltweit, deren Existenz vom Klimawandel bedroht ist. Zumindest, wenn die düstere Prognose von Stefan Rahmstorf , Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), zutrifft: Er hält die Kalkulationen des Weltklimarates IPCC für zu optimistisch und rechnet global bis Ende des Jahrhunderts mit einem Anstieg des Meeresspiegels „von einem halben bis zu 1,50 Meter“. Lagos mit seinen 180 Kilometern Küstenlinie und den zahlreichen Buchten und Lagunen liegt lediglich fünf Meter über dem Meeresspiegel. Das Horror-Szenario will sich hier keiner vorstellen: Die Lagunenstadt könnte eines Tages im Meer versinken. Zwischen drei und zehn Millionen Nigerianer wären auf der Flucht vor den Fluten. Die Menschen in Makoko hätten keine Heimat mehr. „Der schleichende Wandel der Wetterzyklen hat einen Großteil von Nigerias Ökosystem zerstört“, sagt Geograf Francis Adesina. Land- und Forstwirtschaft leiden vor allem.

Forscher wie Bauern sind sich einig: Die Regenzeit verschiebt sich von Jahr zu Jahr nach hinten. Ganz schlimm war es dieses Jahr, sagt auch Yahaya Ahmed. Er hat fast 26 Jahre in Deutschland gelebt, unter anderem in Darmstadt Bauingenieurwesen studiert, zuletzt als Parlamentskorrespondent für die Deutsche Welle in Berlin gearbeitet. 2007 kehrte er nach Nigeria zurück, auch weil ihn das Thema Klimawandel nicht losließ. Mittlerweile lebt er im Bundesstaat Kaduna im Norden Nigerias und leitet dort „Dare“, die von ihm gegründete Entwicklungsorganisation für erneuerbare Energien. „Bis Juli gab es kaum Regen, und dann hörte er erst Ende Oktober auf“, sagt Yahaya. „Normalerweise beginnt der Regen Ende Mai, und die Regenzeit endet im September.“ Die ständige Sorge um ihre Ernte treibt die Bauern zur Verzweiflung.

Das unstete Wetter ist nicht die einzige Belastung, weder in Nigeria noch in ganz Afrika. „Große Teile des Kontinents werden durch zunehmende Dürre bedroht“, sagt Rahmstorf. In tropischen Regionen drohen ihm zufolge schon bei einer moderaten Erwärmung die landwirtschaftlichen Erträge deutlich zu sinken. Rahmstorf: „Arme Teile der Weltbevölkerung, die zum Problem am wenigsten beitragen, werden von der globalen Erwärmung in ihrer Existenz bedroht.“

Wasser, Wetter, Wüsten und immer mehr Binnenflüchtlinge, die überflutetes oder karges Land zurücklassen und ihr Heil in den Städten suchen: Afrika spürt bereits die Folgen, für die vornehmlich andere Staaten und Kontinente verantwortlich sind. Die Konferenz in Durban dürfte daran wenig ändern. Nicht nur Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) und Umweltorganisationen sind skeptisch. „Meine Erwartungen an Durban sind sehr begrenzt“, sagt auch Rahmstorfs PIK-Kollege Ottmar Edenhofer, zugleich der ranghöchste Deutsche im Weltklimarat. Er glaube nicht an ein internationales Abkommen zur Beschränkung der Emissionen.

Sein radikaler Vorschlag: Klimakonferenzen nicht mehr nur auf UN-Ebene, sondern parallel in kleinerem Rahmen, „sodass die Verursacher von 80 Prozent der Treibhausgas-Emissionen an einem Tisch säßen“. Im vorigen Jahr wurden weltweit rund 33 Milliarden Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre gepustet. Allein die USA und China trugen dazu etwa die Hälfte bei, Afrika lediglich rund fünf Prozent. Jeder Afrikaner stößt statistisch gesehen pro Jahr eine Tonne CO2 aus, jeder Amerikaner dagegen fast 20 Tonnen. In China liegt der jährliche Pro-Kopf-Ausstoß im Durchschnitt bei fünf, in Europa bei acht, in Deutschland bei zehn Tonnen CO2.

Dare-Direktor Yahaya Ahmed will indes nicht weiter tatenlos zusehen, „wie die Wüste sich vom Norden Nigerias nach Süden ausweitet und Dörfer ausradiert“. Zusammen mit dem Verein „Lernen, Helfen, Leben“ und finanziell unterstützt durch ein UN-Klimaprogramm, hat er ein Projekt mit Feuerholz-Öfen gestartet. Die Einzelteile aus Deutschland werden in Nigeria montiert. „Der Ofen spart beim Kochen 80 Prozent der gewöhnlich eingesetzten Holzmenge fürs Feuer“, sagt Yahaya. In einer Gegend, in der Brennholz die einzige Energiequelle und rigoroses Abholzen von Wald Alltag ist, könnte der „Save 80“-Ofen einen kleinen Beitrag zum Schutz der Bäume leisten. Wird der Wald weiter wie bisher verfeuert, wachsen die Wüste und die Zahl der Flüchtlinge.

Die nigerianische Regierung zeigt indes kaum Interesse an Yahayas Idee. „Die Politiker reden immer nur, statt zu handeln“, sagt er. Hinzu komme die Korruption. Sie ist die Königin im Staat. Und was will man von einem Land erwarten, in dem erneuerbare Energien eine geringe Rolle spielen – Hauptsache das Öl sprudelt kräftig weiter und füllt vier Fünftel der Staatskasse? Von einem Land, das jedes Jahr bis zu 20 Milliarden Kubikmeter Gas verbrennt, weil es bei der Ölförderung zwar entweicht, aber nicht genutzt werden kann? Dessen Waldbestand seit 1990 um fast die Hälfte auf nur noch neun Millionen Hektar geschrumpft ist?

Von den Swahilis stammt der Spruch „hakuna matata“ – „alles in bester Ordnung“. In Nigeria kann davon keine Rede sein.


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