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Wissenschaftler Rahmstorf im Interview: USA sind ein notorischer Bremser – Anstieg des Meeresspiegels bedroht auch die Deutsche Bucht
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Wissenschaftler Rahmstorf im Interview: USA sind ein notorischer Bremser – Anstieg des Meeresspiegels bedroht auch die Deutsche Bucht
Wissenschaftler Rahmstorf im Interview: USA sind ein notorischer Bremser – Anstieg des Meeresspiegels bedroht auch die Deutsche Bucht
Potsdam. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ist vor dem Weltklimagipfel in Durban skeptisch: Ein internationales Klimaschutz-Abkommen sei nicht in Sicht, erklärt der Forscher im Interview mit unserer Zeitung.
Herr Rahmstorf, wie entwickelt sich die globale Temperatur?
Die Erderwärmung schreitet weltweit ungebremst fort. Die Temperatur steigt zwischen 0,16 und 0,18 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts haben wir eine Erwärmung von insgesamt rund 0,8 Grad Celsius hinter uns. Allerdings erwärmen sich die Kontinentalgebiete aus physikalischen Gründen schneller als die Ozeane. Zudem gibt es weitere geografische Unterschiede. Deutschland verzeichnet bereits eine Erwärmung von mehr als einem Grad Celsius.
Wie steht es um die Eisschilde, die für den Meeresspiegel eine große Rolle spielen?
Die jüngsten Messdaten einer NASA-Studie zeigen, dass die Eisschilde in Grönland und der Antarktis über die letzten 20 Jahre beschleunigt an Eismasse verlieren. Als Folge kommt es zu einem Meeresspiegelanstieg, der wohl noch in diesem Jahrhundert mehrere Inselstaaten in ihrer Existenz bedrohen wird. Das gilt zum Beispiel für tief liegende Koralleninseln wie die Malediven, deren Land kaum mehr als zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt.
Wäre Deutschland betroffen?
Auch an den deutschen Küsten steigt der Meeresspiegel immer schneller an. Das belegen die Datenauswertungen der Küstenpegel, die die höchsten Anstiegsraten seit Beginn der Messungen in den letzten 10 bis 20 Jahren registrieren. Deutschland wird nicht vom globalen Meeresspiegel-Anstieg verschont bleiben. Bereits jetzt müssen wir unsere Küstenschutz-Maßnahmen langfristig planen, damit Deiche für eine solche Lage gewappnet sind.
Welcher Anstieg droht?
Global rechne ich bis Ende des Jahrhunderts mit einem Anstieg von einem halben bis zu 1,50 Meter. Eine ähnliche Entwicklung dürfte es in der Deutschen Bucht geben.
Flutgefahr besteht auch in Venedig. Doch dort ist das Hochwasserprojekt „Mose“ umstritten. Was halten Sie davon?
In den Öffnungen zur Lagune von Venedig werden derzeit gegen den erklärten Willen der Kommune Venedig große Flutsperren gebaut, die die Lagune bei den immer häufiger auftretenden Hochwassern vor dem Einstrom von Meerwasser schützen sollen. Allerdings ist die Maßnahme nicht ausgelegt für den Meeresspiegel-Anstieg, den Wissenschaftler bis Ende des Jahrhunderts erwarten. Bei der Planung ging man von nur 22 cm Anstieg bis zum Jahr 2100 aus. Ich fürchte, das wird dort schon um die Mitte des Jahrhunderts überschritten.
Der Weltklimarat IPCC sah es 2007 nicht so dramatisch wie Sie ...
Es hat sich im Laufe der Jahre gezeigt, dass manche Entwicklungen unterschätzt worden sind. Der Meeresspiegel steigt deutlich schneller als vom IPCC vorhergesagt. Auch das arktische Eis schwindet wesentlich schneller als prognostiziert. Man muss auch bedenken, dass IPCC-Berichte den Konsens unter den vielen beteiligten Forschern ausdrücken. Das ist manchmal nur der kleinste gemeinsame Nenner.
Wie viele Treibhausgase dürfen weltweit noch ausgestoßen werden?
Wenn wir mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent das Ziel einhalten wollen, die globale Temperatur nicht mehr als zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit ansteigen zu lassen, dürfen wir noch etwa 750 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (CO2) aus fossilen Quellen bis zum Jahr 2050 emittieren. Wenn wir jedoch weitermachen wie bisher, wird diese Menge schon in 20 Jahren erreicht. Seit dem Rio-Erdgipfel 1992 ist der weltweite Ausstoß von CO2 um 40 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 33 Milliarden Tonnen CO2 aus fossilen Quellen ausgestoßen.
Vor der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 wurde allenthalben vor einer Katastrophe bei einem Scheitern der Verhandlungen gewarnt. Seitdem ist wenig geschehen. War also alles Panikmache?
Nein. Denn die damals geäußerten Befürchtungen treten ja ein. Wir haben einen Scherbenhaufen der globalen Klimaschutzpolitik vor uns. Das Kyoto-Protokoll als einziges völkerrechtlich bindendes Klima-Abkommen läuft nächstes Jahr aus. Aber ein Nachfolge-Vertrag, der noch rechtzeitig in Kraft treten könnte, um eine verbindliche Minderung von Treibhausgas-Emissionen zu erreichen, ist nicht in Sicht.
Was ist die Konsequenz?
Ohne vernünftiges Abkommen ist es noch unwahrscheinlicher, dass die Emissionen global bald sinken werden. Man kann jetzt höchstens hoffen, dass es zu kleineren Abkommen kommt, zu Koalitionen der klimaschutzwilligen Staaten. Vielleicht trägt trotz fehlender Vereinbarung auch der schon laufende Siegeszug der erneuerbaren Energien zu einer Veränderung bei. Aber es bleibt ein großes Problem, wenn in absehbarer Zeit kein weltweites Abkommen erzielt wird.
Wer sollte voranschreiten?
Eigentlich ist eine große Mehrheit der Staaten zum Klimaschutz bereit, ein Abkommen wird von notorischen Bremsern aufgehalten, darunter die USA. Dagegen ist in China ein wachsendes Engagement für Klimaschutz zu erkennen. Europa sollte auf dem Gebiet strategische Partnerschaften suchen. Mit Staaten wie China, Indien und anderen Ländern, die erkannt haben, dass ein drängendes Problem gelöst werden muss, das außer Kontrolle gerät, wenn wir es noch lange schleifen lassen. Die Finanzkrise müsste eigentlich Warnung genug sein, dass man in große Turbulenzen gerät, wenn man alle Alarmzeichen ignoriert.
Warum bremsen die USA?
Das liegt an der seltsamen politischen Gemengelage in den Vereinigten Staaten. So werden etwa die Medien dominiert von Fox, einer kommerziellen Sendergruppe von Rupert Murdoch, die systematisch die Ergebnisse der Klimaforschung infrage stellt. Skeptikerthesen werden dort hochgejubelt, aber wenn sie widerlegt werden, wird darüber nicht berichtet – etwa über die völlig neue globale Temperaturdatenreihe, die letzten Monat alle verbliebenen Zweifel an der Zuverlässigkeit der Daten widerlegt hat. Wer sein Wissen aus solchen Medien zieht, ist über das Thema nicht informiert. Hinzu kommt eine starke ideologische Polarisierung in den USA, zwischen Demokraten und Republikanern. Es ist sehr schwer, dort mit rationalen Argumenten oder Wissenschaft durchzudringen.
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