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Das Misstrauen der Menschen und Monsantos Macht: An Grüner Gentechnik scheiden sich die Geister
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Das Misstrauen der Menschen und Monsantos Macht: An Grüner Gentechnik scheiden sich die Geister
Das Misstrauen der Menschen und Monsantos Macht: An Grüner Gentechnik scheiden sich die Geister
Osnabrück. Über die Eingriffe von Biochemikern in die Pflanzenwelt wird immer wieder heftig diskutiert. Gegner der Grünen Gentechnik sehen große Gefahren und befürchten unvorhersehbare Folgen für Mensch und Umwelt.
Richtig entfacht wurden Diskussionen über die Grüne Gentechnik, als die ersten gentechnisch veränderten Sojabohnen 1996/97 aus den USA nach Deutschland importiert wurden. Seitdem konnte das Vertrauen der Deutschen in die gentechnisch veränderten Organismen (GVO) nicht gewonnen werden. Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2009 lehnen mehr als drei Viertel aller Bundesbürger (78 Prozent) gentechnisch veränderte Lebensmittel ab. Nach einer Erhebung im Auftrag des Bundesumweltministeriums aus dem gleichen Jahr sind es sogar 87 Prozent.
Die Argumente der Befürworter konnten sie offenbar nicht überzeugen. Die sprechen sogar davon, dass Genfood durch besondere Eigenschaften helfen kann, den Hunger auf der Welt zu bekämpfen. „Fakt ist, alle Entwicklungshilfeorganisationen stehen der Grünen Gentechnik kritisch gegenüber“, sagt dagegen Christof Potthof vom Gen-ethischen Netzwerk, ein Verein, der 1986 unter anderem von Wissenschaftlern gegründet wurde und sich kritisch mit Gentechniken auseinandersetzt. Zum einen seien Pflanzen, die zum Beispiel Dürreperioden unbeschadet überstehen sollen, noch gar nicht auf dem Markt. „Das ist blanke Theorie“, so Potthof, „und außerdem muss man nicht nur über Dürre reden, sondern allgemein über den Klimawandel und extreme Wetterverhältnisse.“ Zum anderen handele es sich bei den Kreationen der Grünen Gentechnik um patentierte Pflanzen und damit um teures Saatgut, dass nicht frei verfügbar sei.
Auch das oft vorgebrachte Argument der Befürworter, bei GVO müssten weniger Pestizide eingesetzt werden, lässt Potthof nicht gelten. Viele Pflanzen seien schließlich so konstruiert, dass sie selbst Insektengift produzieren. „Das Gift in der Pflanze selbst wird nicht mitgezählt. Das ist fadenscheinig, denn das Pestizid ist ja da“, so Potthof. Hinzu komme, dass dieses Gift nicht nur den eigentlichen Schädling treffe, sondern auch andere Insekten schädige. Die Liste der Kritikpunkte lässt sich fortsetzen: Zweifel am Zulassungsverfahren von GVO, fehlende Lebensmittelsicherheit, erhöhte Rückstände von Unkrautvernichtungsmitteln in gentechnisch veränderten Sojabohnen.
Auch die Grünen schlagen in diese Kerbe. „Wir lehnen die Anwendung von Agrogentechnik ab“, sagt die Grünen-Sprecherin für Ernährung und Agrogentechnik, Ulrike Höfken. Nicht nur, dass eine große Abhängigkeitsgefahr der Landwirte von patentiertem GVO-Saatgut bestehe, vor allem das herbizidresistente Importfuttermittel Soja gerate immer mehr in den Verdacht, die Gesundheit von Tieren und Menschen zu gefährden. „Es gibt alarmierende Berichte über Gensoja aus Argentinien, zum Beispiel, dass Nervenzellen gestört wurden“, sagt Höfken. Die Grünen wollen, dass tierische Produkte gekennzeichnet werden müssen, wenn gentechnisch veränderte Futtermittel eingesetzt wurden.
„Befürworter verblöden die Leute, indem sie so tun, als ob die Agrogentechnik das Gleiche wäre wie die Herstellung von Enzymen in einem geschlossenen System. Gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere vermehren und verbreiten sich jedoch weiter“, kritisiert Höfken weiter, „die Kontaminierung anderer Nutzpflanzen kann nicht kontrolliert werden.“ Erst Ende November hatte das Bundesverfassungsgericht das geltende Gentechnikgesetz bestätigt, wonach Landwirte haften, wenn genveränderte Pollen ein Nachbarfeld verunreinigen. Höfken: „Wenn die Agrogentechnik eine Ko-Existenz nicht gewährleisten kann, kann sie eigentlich nicht angewendet werden.“
Die Nachricht ist Mitte der Woche aus Brüssel eingetroffen: Futtermittelimporte dürfen laut EU-Kommission künftig Spuren gentechnisch veränderter Organismen (GVO) enthalten. Befürworter der Grünen Gentechnik jubeln.
Dazu gehört offensichtlich auch die Bundesregierung. Der Bundestagsausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hält auf seiner jüngsten Sitzung mit Verweis auf den Brüsseler Beschluss fest: „Die Biotechnologie stellt eine wichtige Zukunftsbranche für Forschung, Wirtschaft und Landwirtschaft dar“, die bereits weltweit etabliert sei. Allerdings müssten „der Schutz von Mensch und Umwelt oberstes Ziel bleiben “.
Für einen wie Andreas Thierfelder sind solche Sorgen um Umwelt oder menschliche und tierische Gesundheit übertrieben. Aber er muss das sagen, schließlich ist er Deutschland-Sprecher des US-Biotech-Giganten Monsanto.
Der Konzern beherrscht den Gentechnik-Markt. Thierfelder: „90 Prozent der GVO-Fläche wird mit Monsanto-Technologie bewirtschaftet – also mit den von Monsanto gezüchteten Sojasorten, der RoundupReady-Technologie als Resistenz gegen Pflanzenvernichtungsmittel sowie mit den an konkurrierende Saatzucht-Unternehmen vergebenen Lizenzen für den Einsatz solcher Herbizid-Resistenzen.“
Was das bedeutet, zeigt die jüngste Statistik zum GVO-Anbau, die die industrienahe Agro-Biotechnologie-Agentur ISAAA in dieser Woche vorgelegt hat. Der ISAAA-Report feiert geradezu überschwänglich, dass 2010 weltweit die Fläche mit GVO-Anbau auf 148 Millionen Hektar angewachsen sei, 14 Millionen mehr als 2009. Nahezu die Hälfte der Fläche beansprucht GV-Soja. Mais, Baumwolle, Raps sind weitere Hauptpflanzen. An der Spitze beim GVO-Anbau liegen die USA mit fast 67 Millionen Hektar, gefolgt von Brasilien (25,4), Argentinien (22,9) und Indien (9,4). Europa spielt mit etwa 91 500 Hektar, der Großteil davon in Spanien, in Sachen Gentechnik noch kaum eine Rolle.
Deutschland ist ein GVO-Mauerblümchen: Seitdem Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) wegen Sicherheitsbedenken ein Anbauverbot für den Monsanto-Gen-Mais MON 810 erlassen hat, darf hierzulande lediglich die BASF-Gen-Kartoffel Amflora zu kommerziellen Zwecken angebaut werden – dieses Jahr sind das zwei Hektar in Üplingen (Sachsen-Anhalt).
Das Moratorium für MON 810 quittiert Thierfelder mit einem Kopfschütteln. „Das ist doch rein politisch motiviert. Selbst Berater im Ministerium teilen diese Auffassung – wenn auch nicht offiziell.“ Die Skepsis gegenüber der Grünen Gentechnik bedrückt den Monsanto-Sprecher auch deshalb, weil er vom Nutzen der GVO überzeugt ist. Thierfelder: „Laut Experten verheißt die Gentechnik einen deutlichen Schub, um den jährlichen Ertrag bei Pflanzen zu steigern.“
Während konventionelle Züchtungsmethoden ein Steigerungspotenzial von etwa einem Prozent pro Jahr hätten, „verhilft die Gentechnik zu einem Ertragszuwachs von mindestens fünf Prozent jährlich“. Das sei dringend notwendig, um den Bedarf einer rasant wachsenden Weltbevölkerung zu decken. Zusammen mit BASF entwickle Monsanto trockenresistente Nutzpflanzensorten. „Ab 2015 sind dürretolerante Maissorten vermarktungsreif“, kündigt Thierfelder an.
Selbst Gentechnik-Skeptiker müssen sich nach seinen Worten eines klarmachen: „Wegen des Eiweißbedarfs hängt die Schweineproduktion zu fast 100 Prozent an importierten Sojasorten. Davon sind 95 Prozent gentechnisch verändert.“ Für den emsländischen FDP-Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden des Bundestags-Agrarausschusses, Michael Goldmann, ist das das richtige Stichwort. Man müsse „zur Kenntnis nehmen, dass ein Großteil der Lebensmittel von Tieren kommt, die mit GVO gefüttert worden sind“. Goldmann: „Wir Liberale sehen in der Grünen Gentechnik eine Chance, aber selbstverständlich ist eine Kennzeichnung von GVO-Produkten notwendig.“
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