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Nach jahrelanger Aufarbeitung am Donnerstag Endrunde um Entschädigung für frühere Heimkinder
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Schläge und der „Heilige Geist“

Nach jahrelanger Aufarbeitung am Donnerstag Endrunde um Entschädigung für frühere Heimkinder

Osnabrück. Ein Bett, eine Schüssel für die Notdurft, Gitter vor dem Fenster: Es ist lange her, dass hier junge Menschen eingesperrt wurden, doch noch immer erinnert in der Diakonie Freistatt eine kleine Arrestzelle auf beklemmende Weise an dunkle Zeiten: In den 1950er- und 1960er-Jahren war in der damaligen „Betheler Zweiganstalt“ eines der härtesten Fürsorgeerziehungsheime der Bundesrepublik untergebracht. Ex-Insasse Eckhardt Kowalke hat böse Erinnerungen an diese Zeit.

 
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Beim Torfstechen im Moor. Wie diese Zöglinge der Diakonie Freistatt mussten viele Heimkinder hart arbeiten, für wenig oder gar keinen Lohn. Foto: Archiv Rückkehr an einen Ort des Schreckens: Eckhardt Kowalke in der Arrestzelle in Freistatt. Foto: U. Westdörp

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„Freistatt war kein Heim, sondern ein Kindergefängnis mit Zwangsarbeit“, empörte sich Kowalke, als im Juni 2009 eine Gruppe von SPD-Politikern den Ort im Diepholzer Moor besuchte. Inzwischen ist die Aufarbeitung des Themas weit fortgeschritten: so weit, dass der vom Bundestag eingesetzte Runde Tisch Heimerziehung am Donnerstag zur Schlussrunde zusammentreten kann. Beobachter erwarten trotz intensiver Vorbereitung eine spannende Sitzung.

Zwei Jahre lang haben Vertreter des Bundes, der Länder, der Kirche, der Wohlfahrtsverbände und der Betroffenen am Runden Tisch in Berlin beraten, wie Ex-Heimkindern geholfen werden kann. Zeugen wurden befragt, Gutachten eingeholt, und in zäher Arbeit entstand ein 54-seitiger Abschlussbericht, der heute und morgen um entscheidende Punkte ergänzt werden muss: die Empfehlungen an den Bundestag und die Landtage.

Es geht nicht nur um warme Worte und Anerkennung des Unrechts, sondern zugleich um viel Geld, etwa um Renten zahlen und Traumatisierten helfen zu können. Denn Vernachlässigung, Schläge und Demütigungen, mitunter auch sexueller Missbrauch waren vielerorts an der Tagesordnung. Und etliche Betroffene leiden bis heute an den Folgen des Erlittenen. Doch während frühere „Zöglinge“ auf pauschale Entschädigungen gehofft hatten, etwa 300 Euro Rente im Monat oder Einmalzahlungen von bis zu 54000 Euro, zeichnet sich jetzt eine kompliziertere Lösung ab: Finanzielle Maßnahmen sollen nach Informationen unserer Zeitung „immer individuell gewährt werden, anknüpfend an heute noch vorhandene Folgeschäden“.

Dies könnte eine intensive Einzelfallprüfung bedeuten. Opfervertreter wie Jürgen Beverförden aus Osnabrück lehnen das ab. „Wer entscheidet, ob man bedürftig ist?“, lautet eine seiner Fragen. Er warnt, Tausende von ehemaligen Heimkindern „durch bürokratische Hürden und peinliche Befragungen erneut zu traumatisieren“.

Umstritten ist zudem noch, wer wie tief für die Opfer in die Tasche greift. Im Gespräch sind ein Renten- und ein „Traumatisierten“- Fonds, je zu einem Drittel finanziert vom Bund, den Ländern und den beiden großen Kirchen. Doch aufseiten der Länder gibt es noch Widerstand, sehr zum Ärger von Antje Vollmer, der Moderatorin am Runden Tisch.

Immerhin signalisiert Niedersachsen schon einmal grundsätzlich Unterstützung. Wenn der Bundestag den Abschlussbericht des Runden Tisches an die Länder weiterleite, werde sich Niedersachsen einer Ländermitwirkung nicht verweigern, sagt Thomas Spieker, Sprecher von Sozialministerin Aygül Özkan.

Noch ist es aber nicht so weit, sind noch viele Steine aus dem Weg zu räumen. Trotzdem geht Antje Vollmer „entschlossen und zuversichtlich“ in die letzte Sitzung des Gesprächskreises. Sie betont: „Wir haben viel erreicht. Immerhin hat es vor zwei Jahren noch geheißen, alle Ansprüche seien verjährt. Jetzt wird es dagegen einen Renten- und einen Traumatisierten-Fonds geben, aus dem Opfer substanzielle Hilfe erwarten können.“ Zudem bleibe es jedem unbenommen, Entschädigungen zu verlangen, die der Runde Tisch zum sexuellen Missbrauch ermöglichen wolle.

Etwa 700000 bis 800000 Kinder und Jugendliche lebten von 1949 bis 1975 in Heimen in der Bundesrepublik Deutschland. Zu 65 Prozent befanden sich die Heime in kirchlicher, zu 25 Prozent in öffentlicher Hand; zehn Prozent wurden von freien Trägern und Privatpersonen betrieben, so die Zusammenfassung des Runden Tisches. Er richtete seinen Blick zudem auf Jugendämter, Landesjugendämter und Vormundschaftsgerichte, die für die Einweisungen verantwortlich waren. Hintergrund sind Tausende von erschütternden Berichten über körperliche, seelische und sexuelle Gewalt, aber auch über Arbeitszwang, etwa beim Torfstechen im Diepholzer Moor.

Immer wieder zu Wort gemeldet hat sich auch Eckhardt Kowalke. Sechs Wochen hatte er 1967 in der „Hölle Freistatt“ in der Arrestzelle ausharren müssen, nachdem er versuchte hatte, aus der Einrichtung zu fliehen. Doch weit kam er nicht. Kurz vor Bremen schnappte ihn die Polizei. Es folgte die Haft, bevor er wieder zum Torfstechen ins Moor geschickt wurde, „nur dünn bekleidet bei zehn Grad minus“.

Mit kräftiger Stimme trägt Kowalke trotz aller Erregung seine Geschichte vor. Und klar artikuliert er sich auch als Künstler. In seinem Atelier in Eckernförde hat er eine lebensgroße Holzfigur geschaffen. Körper und Gesicht sind verhüllt. Ein Strick liegt um Hals und Arme. „Heiliger Geist“ nennt Kowalke die Skulptur. „Heiliger Geist“, das war in den 1960er-Jahren ein Ritual für Neuankömmlinge in Freistatt. Ihnen wurde ein Bettlaken über den Kopf geworfen, sie wurden gefesselt und über ein Waschbecken gelegt. Wer wollte, konnte sich dann an dem wehrlosen Opfer vergehen, so Kowalke.

Schlecht erging es nach seinen Worten auch einem Neuankömmling, der es gewagt hatte, nach einem Stück Butter zu fragen. Er wurde dem Augenzeugen zufolge so lange vom Stubenältesten zusammengeschlagen, bis er bewusstlos liegen blieb. „Die Diakone störte die Gewalt nicht. Sie frühstückten in Ruhe weiter.“


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