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Heiße Fracht aus La Hague
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Autor: Uwe Westdörp 27. Oktober 2010 19:33 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Gorleben und der Atommüll – Castor-Transport nicht nur für Polizei eine Herausforderung

Heiße Fracht aus La Hague

Gorleben. Der Inhalt ist bis zu 400 Grad heiß, hochgiftig, extrem radioaktiv: Die Castor- und anderen Atommüllbehälter im Zwischenlager in Gorleben haben es in sich. Hier, in einer 180 mal 40 Meter großen, streng abgeschirmten Betonhalle im beschaulichen Wendland, lagern abgebrannte Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken sowie Abfälle aus der Wiederaufarbeitung solcher Elemente. 91 Behälter sind es bisher. Ende nächster Woche sollen weitere elf dazukommen. Dann wird der nächste Transport aus der Wiederaufarbeitungsanlage im französischen La Hague erwartet – beschützt von mehr als 16000 Polizisten und begleitet von noch viel mehr Demonstranten.

 
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Säuberlich aufgereiht stehen Atommüllbehälter im Zwischenlager Gorleben. Ihr Inhalt strahlt so stark, dass er erst jahrelang abkühlen muss, bevor er endgelagert werden kann. Fotos: dapd Ein Polizist errichtet eine Absperrung aus Stacheldraht: Gegenwärtig wieder ein gewohntes Bild im Wendland. Ein schwerer Kran steht auf dem Verladebahnhof Dannenberg, der letzten Station des Atommülls vorm Ziel Gorleben.
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Von Tag zu Tag wächst die Spannung, nicht nur bei Polizei und Atomkraftgegnern, sondern auch bei der GNS, der Gesellschaft für Nuklear Service in Gorleben. Für sie ist der Transport der Atommüllbehälter und ihre Deponierung im Zwischenlager jedes Mal wieder eine logistische Herausforderung, so GNS-Werksleiter Lutz Oelschläger.

Mit vielen Details untermauert Oelschläger die Dimension der bevorstehenden Aufgabe. Insgesamt zehn Castor-Behälter und ein Behältnis vom Typ TN85 werden – wahrscheinlich am 5. November – in Nordfrankreich auf die Reise geschickt. Sie enthalten mit einem Glasgranulat verschmolzenen Atommüll, sogenannte Glaskokillen. Bis zu 116 Tonnen wiegt jeder einzelne Transportbehälter.

Zunächst geht es mit Lkw von La Hague ins 30 Kilometer entfernte Valognes. Fünf Behälter sind dort bis gestern angekommen. Für den 1000 Kilometer langen Weitertransport bis zum Bahnhof in Dannenberg wird die Fracht auf einen Zug verladen. Von Dannenberg sind es schließlich noch einmal 20 Kilometer bis zum Zwischenlager Gorleben. Auf dieser Strecke werden wieder Straßenfahrzeuge eingesetzt. „Allein das Umladen in Dannenberg dürfte etwa 15 Stunden dauern“, kalkuliert Oelschläger.

So sachlich und ruhig, wie der freundliche Ingenieur die Vorbereitungen schildert, hört sich das Ganze fast schon nach Routine an. Doch kann davon keine Rede sein, nicht nur wegen der Gefährlichkeit der Fracht und der zu erwartenden Störungen durch Demonstranten, die sich bereits im „Schottern“ üben, dem Untergraben der Gleise. Nein, auch die Dimension des Zuges zwingt zu besonderer Vorsicht. Er wiegt 2500 Tonnen, ist 600 Meter lang und wird von vier Lokomotiven bewegt, je zwei vorne und hinten. Trotz des hohen Gewichts sollen sie den Atommülltransport auf bis zu 100 Stundenkilometer beschleunigen, wenn es denn einmal freie Fahrt gibt. „Das ist schon etwas Besonderes“, so Oelschläger, „schließlich kann man so einen Zug nicht auf 50 oder hundert Metern zum Stehen bringen.“

In Dannenberg angekommen, muss zunächst das halbe Dutzend Personenwaggons abgekoppelt werden, das zusammen mit den elf Castor-Waggons den Zug bildet. Auf dem Verladebahnhof warten derweil schon elf Zugmaschinen mit schweren Tiefladern, um die Fracht zu übernehmen. Nach einem minutiösen Plan werden sie auf dem mit Metallzäunen und Stacheldraht gesicherten Gelände beladen. Für jeden einzelnen Lkw gibt es einen mit einer großen weißen Nummer versehenen Stellplatz. Oelschläger hat alles genauestens geplant – bis hin zum Einsatz der aus früheren Jahren schon gut bekannten weißen Transporthauben mit der weithin lesbaren Aufschrift „www.kernenergie.de“.

Zum Saubermann-Image, das sich die Atomindustrie zu geben versucht, gehört auch die Einschätzung desGNS-Strahlenschutzexperten Hartmut Schulze: „Die Rückführung des stark strahlenden Abfalls führte in keinem Fall zu unzulässigen radiologischen Auswirkungen auf das Personal, die Bevölkerung und die Umgebung des Werkes Gorleben“, lautet Schulzes Fazit nach bisher elf Castor-Transporten ins Zwischenlager Gorleben. Dennoch sollten die Polizisten, die den Zug begleiten, bestimmte Abstände zu den Behältern einhalten. „Je weiter, desto besser“, so die Empfehlung des Fachmanns.

„Gelb, giftig, gefährlich“ lautet derweil die Einschätzung der Atomkraftgegner für das, was da in der nächsten Woche durchs Land rollen wird. Greenpeace warnt, noch nie sei derart stark radioaktiv strahlender Atommüll nach Gorleben verfrachtet worden. Und auch die Grünen im Landtag in Hannover sind alarmiert. Im Wald von Gorleben werde Material abgestellt, dessen Radioaktivität 1000-mal höher sei als die des Atommülls in der Asse, mahnt Fraktionschef Stefan Wenzel, ohne allerdings Zahlen zu nennen.

Es ist in jedem Fall noch lange nicht der letzte Zug, der mit Atommüll durchs Wendland rollt. Im kommenden Jahr werden noch einmal elf Castor-Behälter aus La Hague erwartet. Und von 2014 bis 2017 sehen die Planungen der GNS weitere vier Transporte mit insgesamt 21 Atommüllbehältern aus der englischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield vor. Erst dann wird die Bundesrepublik nach Angaben der Atomindustrie ihre vertraglichen Pflichten erfüllt haben, alle Abfälle zurückzunehmen, die bei der Wiederaufarbeitung deutscher Kernbrennstäbe anfallen.

Neuer Atommüll aus La Hague und Sellafield kommt nicht hinzu. Denn seit 2005 werden Brennstäbe aus deutschen Atomkraftwerken nicht mehr zum Recycling ins Ausland gebracht, sondern direkt an den Kraftwerken zwischengelagert.

Auch für sie gäbe es theoretisch noch Platz im Brennelementelager Gorleben: Es ist für 420 Atommülltonnen ausgelegt. Eine dauerhafte Lösung wäre dies aber nicht. Denn die Genehmigung des Zwischenlagers ist bis zum 31. Dezember 2034 befristet. Bis dahin muss – nach derzeitiger Beschlusslage – ein Endlager gefunden sein, ob nun im Salzstock Gorleben, der nach zehnjähriger Pause künftig wieder erkundet werden soll, oder anderswo.



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