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Tippspiel
Von Mauerfall und Muschis
Osnabrück. Was Schüler heute lesen müssen oder vielleicht besser doch nicht sollten – das ist Thema einer neuen Serie unserer Zeitung. Am Beispiel des zur Pflichtlektüre erklärten Romans „Selam Berlin“ fragen wir Praktiker und Experten: Geeignete Lektüre? Oder zu vulgär, gar pornografisch? Zum Auftakt schildern wir heute die Nöte eines Lehrers, der sich nach Lesen des Buches an unsere Zeitung gewandt hatte.
„Platter geht es nicht. In diesem Buch reiht sich Klischee an Klischee. Und es werden Grenzen zur Pornografie überschritten“, ärgert sich Heinz Müller (Name geändert). Dabei hält er sich für keinen Moralapostel. Wohl aber fragt sich der Deutschlehrer, warum ausgerechnet ein Roman zur Pflichtlektüre für seine Schüler erklärt worden ist, der nach seiner Ansicht allzu drastisch und allzu oft auf ein eigentlich gar nicht anstehendes Thema zurückkommt: Sex.
„Selam Berlin“ („Sei gegrüßt, Berlin“) heißt der Titel. Der Roman der türkischen Autorin Yadé Kara ist im Schuljahr 2010/2011 neu als verbindlicher Lesestoff im 10. Schuljahrgang der Integrierten Gesamtschulen, wie das Kultusministerium in Hannover bestätigt. Klagen über das Buch seien ihnen bislang aber nicht zu Ohren gekommen, sagen eine Sprecherin und eine Fachbeamtin des Ministeriums. Stattdessen wird in Hannover darauf verwiesen, dass es sich immerhin um ein preisgekröntes Werk handelt. „Selam Berlin“ wurde 2004 in der Kategorie erfolgreiches Debüt mit dem Deutschen Bücherpreis und zudem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet.
Höchste Erregung
Es ist laut Eigenwerbung „die Geschichte Hasans, neunzehn, der mit seiner Familie jahrelang zwischen Bosporus und Spree hin- und hergependelt und der am Tag des Mauerfalls beschließt, Istanbul zu verlassen und ganz nach Berlin zurückzukehren. Ein atemberaubend tragikomischer Roman (…), er handelt vom Erwachsenwerden, von Freundschaft, von der Suche nach der großen Liebe, von Verrat und Identität“.
Rezensionen fallen durchaus wohlwollend aus. So lobt ein Kritiker der „Zeit“ den Roman als „urbanes, kosmopolitisches Buch, das Fenster und Türen aufstößt, das Klischees aufzeigt und zerstört“. Und in „Praxis Deutsch“, einer anerkannten Zeitschrift für den Deutschunterricht, heißt es: „Die Wendeliteratur aus genuin west- und osteuropäischer Sicht wird durch Karas Roman um eine interkulturelle Facette ergänzt, was einer multi-ethnischen Leserschaft Identifikationsangebote macht. Er eignet sich überaus gut dazu, literarisches mit interkulturellem und historischem Lernen zu verknüpfen.“
Heinz Müller hat das in drastischer Sprache verfasste Buch, in dem es mehrfach zu sexuellen Handlungen kommt, ganz anders gelesen: aus der Sicht eines Lehrers, der mit stark pubertierenden 15- bis 16-Jährigen zu tun hat. Dies, so merkt der Deutschlehrer an, sei ein Alter, „in dem man äußerst sensibel auf Reize reagiert, die aufs Intime zielen“. Und er warnt: „Wie so etwas in die falsche Richtung driften kann, ist erst vor Kurzem auf der berüchtigten Jugendfreizeit auf Ameland ans Licht gekommen.“
Auf den ersten Blick lassen sich auch nach Einschätzung von Müller mithilfe des Romans die vom Kultusministerium vorgegebenen zentralen Unterrichtsaspekte abdecken: kulturelle Wertvorstellungen zum Beispiel und historische Hintergründe. Immerhin werden Ost-West-Gegensätze ebenso beleuchtet wie die Wendezeit 1989/90. Doch eben nicht nur diese Themen. So stellt sich der Ich-Erzähler Hasan als Kreuzberger vor, „der sich voller Neugier und Saft im Sack auf das Leben stürzte“.
Lässt Müller dies noch als offenen Ausdruck heute gängiger Unterhaltungsliteratur durchgehen, so fragt er sich wenig später, wie er seinen Schüler „Kamasutra-Positionen“ erklären soll, die den Romanhelden in höchste Erregung versetzen. „Was wissen sechzehnjährige Schüler/-innen vom Kamasutra? Müsste man da etwas erklären, oder übergeht man das im Unterricht?“, fragt sich Müller angesichts unzähliger Liebespositionen, die im Kamasutra erklärt werden.
Der Deutschlehrer hat zudem eine Fülle vulgärer Textstellen gesammelt, in denen sich „genüsslich zwischen den Beinen gekratzt“, onaniert und derbe über primäre weibliche Geschlechtsorgane gesprochen wird, wobei es nicht nur bei dem Begriff „Muschi“ bleibt. Rätselhaft erscheint ihm freilich, wie solche Textstellen dazu beitragen sollen, die Bedeutung der Mauer für das Leben in der geteilten Stadt Berlin zu erarbeiten. „Oder sollte man die angebotenen Sprüche als Aufhänger für die Vermittlung solcher Ideale wie Gleichheit und Toleranz nutzen, um zu der Erkenntnis zu führen, dass Türken genauso ordinär sein können wie zum Beispiel Deutsche oder Amerikaner?“
„Grenzen gefallen“
Von zweifelhaftem Wert für die Darstellung deutsch-türkischer Befindlichkeiten und der revolutionären Stimmung der DDR-Wendezeit erscheinen dem Kritiker auch die Erwähnung von „Tittengalerien“, einer „Möse von Dior“ und das verbale Abwatschen eines Mannes mit angeblichem „Mini-Wiener“.
Müllers Fazit fällt eindeutig aus: „Jedem Deutschlehrer muss heute klar sein, dass spätestens seit der literarischen Erforschung letzter Feuchtgebiete Grenzen zwischen Pornografie und Poesie gefallen sind. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, ob man die Reflexion darüber zur verbindlichen Aufgabe für Schüler der Mittelstufe machen sollte.“ Und er bedauert: „Fragen kommen zu spät, denn das Schuljahr hat schon begonnen. Jetzt müssen Antworten auf den Tisch beziehungsweise an die Tafel. Bleibt nur zu hoffen, dass den Kollegen und Kolleginnen die richtigen einfallen.“
Unterstützung findet Müller nicht nur beim Philologenverband, dessen Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger sich irritiert über „Selam Berlin“ als Pflichtlektüre äußert, sondern auch bei Praktikern aus unserer Region.
Ernsthafter Unterricht, so sagen von unserer Zeitung befragte Lehrer, sei in jedem Fall nur schwer möglich, sobald bestimmte Begriffe fielen. „Da kann es sogar schon reichen, von ,Popmusik‘ oder einem ,Blasinstrument‘ zu sprechen, und die Schüler können kaum noch an sich halten“, berichtet ein Lehrer. Und ein anderer fragt sich: „Würde der Beamte, der das Buch als Pflichtlektüre genehmigt hat, den Roman auch seinen Kindern zu lesen geben?“
„Selam Berlin“ – den Stein ins Rollen gebracht hat ein Lehrer aus dem Osnabrücker Land. Seine pointierte und mit ausführlichen Zitaten gespickte Sicht finden Sie unter www.neue-oz.de.
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