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Zittern statt Twittern
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 29. Juni 2010 18:45 Uhr


Zittern statt Twittern

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Berlin. Zittern statt Twittern: Warten ist die Devise, wenn der neue Bundespräsident gewählt wird. Bei der letzten Wahl gab es ein peinliches Leck in der Zählkommission. Das Ergebnis stand 15 Minuten vor der offiziellen Bekanntgabe im Internet. Heute gibt es zwar kein Handy-Verbot, aber Dichthalten ist angesagt.

Diesmal haben sich die Schriftführer in der Zählkommission vorab geschworen, nicht mehr so geschwätzig zu sein. „Ich werde persönlich noch einmal an die Ehre der 42 Schriftführer appellieren“, sagte der Obmann der Schriftführer, Jens Koeppen (CDU). Wenn er dennoch sehe, „dass jemand mit seinem Handy herumspielt“, werde er eingreifen.

„Leute, ihr könnt in Ruhe Fußball gucken. Wahlgang hat geklappt.“ Mit dieser Kurznachricht über Twitter aus der Zählkommission hatte Julia Klöckner, CDU, vor einem Jahr für vorschnelle Information über Horst Köhlers Wiederwahl gesorgt.

Auch der SPD-Abgeordnete Ulrich Kelber („Köhler gewählt“) konnte 14.13 Uhr sein Wissen als Stimmenzähler nicht für sich behalten. Beide fingen sich Rüffel ein, denn erst 14.28 Uhr teilte Parlamentspräsident Norbert Lammert offiziell den Wahlausgang mit. Gestern schickte auch Lammert noch einmal die Warnung vor „eilfertigen Botschaften“ heraus.

Pannenfrei soll es heute laufen – das haben sich die Organisatoren der Bundesversammlung fest vorgenommen. Auch dass Musiker mit Tuba und Trompete einziehen, Saaldiener mit Blumensträußen erscheinen und damit die Ergebnisverkündung vorwegnehmen, soll nicht wieder passieren. „Wir haben das im Griff“, meint der Geschäftsführer der Unionsfraktion, Peter Altmaier, launig.

Entspannt tritt der Saarländer auf. „Keine Krankheiten, keine Ausfälle“, meldet er. Je näher der Termin rückt, desto geschlossener die Zustimmung für den Kandidaten von Union und FDP, Christian Wulff. Das sage ihm seine langjährige politische Erfahrung.

Auch die Abgeordneten aus unserer Region, Gitta Connemann und Matthias Middelberg (beide CDU), sind sich mit dem FDP-Kollegen Hans-Michael Goldmann einig: Der nächste Präsident wird ein Niedersachse sein, und er schafft es im ersten Wahlgang.

Haben Zählappelle einschüchternd gewirkt? Altmaier winkt ab: „Die Zeiten sind vorbei, da Fraktionschefs ihre Arbeit mit glühenden Ketten und Zangen machten.“ Zählappelle hätten den wichtigen Grund, die Heerscharen von Wahlfrauen und -männern beisammenzuhalten. Es komme schließlich auf jede Stimme an.

Rein rechnerisch haben Union und FDP eine Mehrheit von 21 Stimmen. Mindestens vier FDP-Abgeordnete haben aber erklärt, sie würden für Gauck stimmen. Zum Beispiel der Bremer Oliver Möllenstädt ist gegen den Osnabrücker. Auf dem Niedersachsenfest in Berlin steht er am späten Abend plötzlich direkt neben dem ungewollten Bewerber. Wulff zieht vorbei. Auch solche Fast-Begegnungen beschreiben die elektrisierte Stimmung vor der Präsidentschaftswahl: Es geht um Macht, um Rache und um das Schicksal von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wie groß und wie entschlossen die Fraktion der Rächer ist, weiß letztlich niemand.

Die SPD ist inzwischen aus ihrer Gauck-Trunkenheit erwacht. Sie begeistert sich zwar an dem Überraschungserfolg des rot-grünen Präsidenten-Kandidaten Joachim Gauck, der mitten in der Krise Aufbruchsstimmung erzeugt habe. „Wir sind stolz, daran teilgehabt zu haben“, sagt Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Angesichts einer absehbaren Wahlniederlage des 70-Jährigen klingt es resigniert.

In der letzten Sitzung der Unionsfraktion vor der Wahl würdigt Kanzlerin Angela Merkel Wulff als einen Ministerpräsidenten, der überparteilich und sehr erfolgreich gearbeitet habe und politische Erfahrung mitbringe. Sie wünsche sich einen Bundespräsidenten mit „leidenschaftlicher Entscheidung“ für die Demokratie. „Es ist ein hochpolitisches Amt. Du wirst das wunderbar machen, Christian“ , sagt sie unter dem Beifall der Unionspolitiker.

Der rot-grüne Kandidat Joachim Gauck geht unterdessen in die Höhle des Löwen zu den Linken in den Bundestag, die ihn zu großen Teilen vehement ablehnen. Hinterher bezeichnete er das Gespräch als „sehr sachlich, sehr aufgeschlossen, auch fair“. SPD und Grüne stellen 462 Wahlleute. Die Freien Wähler aus Bayern geben ihm zehn Stimmen. Ob er aber auch Stimmen von den Linken erhalten wird, bleibt offen.



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