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Die Familie feiert ein Comeback - Trendforscher: Schwacher Staat, starke Bande
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 10. Februar 2010 00:00 Uhr


Die Familie feiert ein Comeback - Trendforscher: Schwacher Staat, starke Bande

Steht nach den krisengeschüttelten Nuller-Jahren in den 10er-Jahren nun ein furioser Neustart bevor? Das wollten wir von Andreas Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Frankfurt, wissen. Der Trendforscher sagt ein großes Comeback der Familie voraus. Von anderen Erwartungen und Vorstellungen müssten wir uns aber lösen.

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Herr Steinle, ein Jahrzehnt ist zu Ende gegangen: Was hat aus Ihrer Sicht die Nuller-Jahre am stärksten geprägt?
Das einschneidende Ereignis war der Terroranschlag auf das World Trade Center und die neue Bedrohung durch Terroristen, gegen die selbst eine Staatsmacht wie die USA anscheinend nichts ausrichten kann. Das hat in den Nuller-Jahren zu einer tief greifenden Verunsicherung der Menschen geführt. Sie fühlen sich bedroht und sind verängstigt. Für die nächste große Erschütterung hat dann die Finanzkrise gesorgt. Sie hat uns vor Augen geführt, dass wir ein Spielball globaler Finanzmächte sind. So kann die Kreditpolitik in den USA Effekte auf unsere Realwirtschaft haben. Kurz gesagt: Mit den Nuller-Jahren sind wir endgültig in der globalisierten Welt angekommen. Damit wachsen die Möglichkeiten, aber natürlich auch die Gefahren.

Was wird in den Zehner-Jahren keine oder kaum eine Rolle mehr spielen?
Die Schweinegrippe (lacht). Da wurden uns einmal wieder unsere Irrationalitäten vor Augen geführt und die Rationalitäten der Pharmaindustrie.

Trotz noch verhältnismäßig guter Lebensbedingungen blicken deutsche Jugendliche einer Studie zufolge pessimistischer in die Zukunft als ihre Altersgenossen in anderen Industrieländern. Bringen uns die Zehner-Jahre nach der Rezession nun die große Depression?
Nein. Wenn es ein Gesetz des Wandels gibt und vor allen Dingen ein Gesetz der ökonomischen Dynamik, dann ist es die, dass nach einem Abschwung ein Aufschwung kommt. Ich kann Ihnen jetzt nicht sagen, ob im August 2010 oder Februar 2011. Dass die deutschen Jugendlichen so pessimistisch in die Zukunft blicken, liegt meines Erachtens daran, dass sie sich von den zum Teil unbegründeten Ängsten der Erwachsenen anstecken lassen.

Aber die junge Generation – nicht ohne Grund auch Generation Praktikum genannt – hat doch in der Tat sehr schwierige Ausgangsbedingungen.
Die Perspektiven sind doch überhaupt nicht schlechter. Nur anders. Unser Wirtschaftssystem entwickelt sich von dem normalen Angestelltenverhältnis hin zu einer flexibleren, freieren und auch individualistischeren Gestaltung der Arbeitsverhältnisse. Denken Sie nur an das Internet: Noch nie hat der Einzelne so viele Möglichkeiten gehabt, seinen Lebensort frei zu bestimmen. Officeplätze weiten sich aus. Bei Unternehmen wie IBM ist es völlig normal, dass viele von zu Hause aus arbeiten. Übrigens gibt es Ergebnisse aus der Arbeitsforschung, nach denen die Menschen zu Hause viel effektiver arbeiten. Das Modell kann aber auch eine neue Selbstständigkeit sein. Immer mehr Menschen trauen sich zum Beispiel, bei E-Bay ein Business aufzumachen.

Das hört sich ja alles nach goldenen Zeiten an.
Mit dem Wandel gehen immer viele neue Möglichkeiten und Freiheiten einher. Das Problem ist, dass wir mental noch zu sehr an dem Alten festhalten. Wir müssen uns nur besser darauf einstellen. Das gilt auch für die staatlichen Systeme: In Dänemark zum Beispiel gibt es einen viel niedrigeren Kündigungsschutz. Trotzdem haben die Menschen weniger Angst vor Arbeitslosigkeit. Sie wissen, dass sie schnell wieder einen Job finden. Denn dort sind die Weiterbildung und die Förderung der Menschen viel intensiver. Die Maßnahmen beginnen viel schneller und sind viel nachhaltiger. Bei uns drehen sich die Mühlen sehr viel langsamer.

Und was kann der Einzelne tun?
Er muss aufhören zu denken, dass der Staat dafür verantwortlich ist, ob er einen Job bekommt oder nicht. Für US-Bürger ist das eine Selbstverständlichkeit. Solch ein Denken ist deshalb von Vorteil, weil ich mich dann nicht mehr ausgeliefert fühle. Ich habe die Dinge selbst in der Hand und bin für mich selbst verantwortlich. Das Gefühl des Ausgeliefertseins ist bei uns viel ausgeprägter als woanders.

Ihr Institut hat den Begriff der Fear Economy geprägt. Was konkret verbirgt sich dahinter?
Die Deutschen sind nicht nur Exportweltmeister, sondern auch Weltuntergangsmeister. Unsere Zukunftsskepsis ist sehr groß. So wie wir auch per se erst einmal jede positive Aussage über die Zukunft ablehnen. Zum Beispiel: „Das kann doch gar nicht sein, dass die Jugend immer klüger wird.“ Doch der Zugang zur Bildung ist über die Jahrzehnte immer besser geworden. Jede Generation ist bisher klüger geworden, und das wird sich auch so weiter fortsetzen.

Aber wenn Sie zum Beispiel in Unternehmen fragen, heißt es, die Leistungen der Lehrlinge werden immer schlechter.
Das hat es in der Geschichte noch nie gegeben, dass die Älteren gesagt haben, mit der Jugend ist alles in Ordnung. Der Grund ist: Die Älteren haben andere Dinge gelernt, als sie die Jüngeren heute lernen. Junge Leute kommen prima in sozialen Netzwerken wie Facebook zurecht. Viele Ältere sehen darin keinen Sinn. Aber was in diesen sozialen Netzwerken im Internet passiert, ist die Zukunft der Arbeit: sich in losen Netzwerken zu organisieren, schnell ein Verhältnis aufzubauen, sich gemeinsam abzusprechen, sich zu treffen und Projekte zu realisieren. Die Kinder lernen Fertigkeiten, die sie brauchen, um in der Arbeitskultur von Morgen zurechtzukommen. Die Älteren meinen zu Unrecht, das sei verschwendete Zeit, das seien doch keine echten Beziehungen.

In Krisenzeiten zieht sich der Einzelne erfahrungsgemäß vermehrt in das häusliche Privatleben zurück. Könnte angesichts des Booms sozialer Netzwerke wie Facebook an die Stelle des sogenannten Cocooning in Zukunft der Rückzug in die virtuelle Welt treten?
Das ist doch kein Rückzug. Die Forschung zeigt, dass Menschen, die in virtuellen Netzwerken sehr aktiv sind, auch bei anderen Aktivitäten sehr umtriebig sind. Wer Kontakte in Facebook hat, der trifft sich auch mit Freunden auf der Straße oder im Café. Ein Medienwechsel – sich online verabreden und offline treffen – ist eigentlich immer eingeplant. Menschen, die hoch kommunikativ sind, sind es meistens nicht nur in einem einzigen Bereich. Das Internet kann die Wertigkeit sozialer Beziehungen sogar befördern.

Das Internet wirkt sich also Ihrer Ansicht nach positiv auf das Sozialleben im Allgemeinen aus?
Ja, auf jeden Fall. Schauen Sie sich zum Beispiel das Online-Reisenetzwerk „Couchsurfing“ an, das private Kontakte befördert. Früher sind die Leute auf Reisen in einem anonymen Hotel abgestiegen, heute schlafen sie bei Privatleuten auf dem Sofa im Wohnzimmer. So bekommen sie einen ganz anderen intensiveren Einblick in eine Kultur.

Also diesen Unkenrufen, das Netz mache einsam oder isoliert, denen stimmen Sie nicht zu?
Nein, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Das Netz bietet die Möglichkeit, sich besser und anders zu organisieren. Gerade im Lokalen wächst die Bedeutung. Die Mütter eines Viertels können sich virtuell organisieren und so zum Beispiel die Kinderbetreuung regeln. Nachbarschaftshilfe wird erleichtert: „Ich mäh dir den Rasen, und du bringst mir die Lampe an.“ Ebenso lassen sich leicht Kontakte und Anlaufstellen bei Gleichgesinnten finden – auch das bietet das Internet.

Welche Rolle wird die Familie im neuen Jahrzehnt spielen?
Die Familie wird immer wichtiger. Das zeigen aktuelle Studien. Die Rolle des Staates, sein Einfluss auf Ausbildung, Beruf und Absicherung wird weiter zurückgehen. Wir werden deshalb gezwungen sein, stärkere Bande zu knüpfen. Die Familie wird allein schon als Sicherheitsnetz eine immer größere Rolle spielen. Außerdem ist es ja auch schöner, wenn mein Bruder oder mein Nachbar sich um mich kümmert, als irgendeine Behörde.

Und wie entwickelt sich das Eltern-Kind -Verhältnis?
Junge Menschen verstehen sich immer besser mit älteren Menschen. Das zeigt zum Beispiel die Shell-Jugendstudie, die alle paar Jahre neu aufgelegt wird. Darin wird immer wieder eine entscheidende Frage gestellt: „Würdest du deine Kinder später einmal genauso erziehen, wie du von deinen Eltern erzogen worden bist?“ In früheren Zeiten haben die Jugendlichen immer gesagt: Im Leben nicht. Ich will es ganz anders machen, ich will es besser machen. Und seit ein paar Jahren sagen die Jugendlichen zum ersten Mal: Ich finde es super, wie ich von meinen Eltern erzogen werde. Ich möchte später meine Kinder mal genauso erziehen. Die Mehrheit der Jugendlichen schließt sich dieser Aussage an.

Die Geburtenrate profitiert davon aber nicht.
Ich glaube, dass auch die Geburtenrate wieder steigen wird. Die Politik wird sich vermehrt darum kümmern, die Erwerbstätigkeit der Frauen zu erhöhen, weil die größten wirtschaftlichen Ressourcen nun mal die ausgebildeten Frauen sind. Und wir wissen: Überall dort, wo die Erwerbstätigkeit der Frau besonders hoch ist, wie zum Beispiel in Frankreich, ist auch die Kinderzahl besonders hoch. Erwerbstätigkeit der Frau und Geburtenquote sind eng miteinander verbunden, weil Frauen sich viel eher für Kinder entscheiden, wenn Sie wissen, dass sie finanziell unabhängig sind.

Jede Krise ist auch eine Chance, heißt es. Hat die Politik und haben wir die Chance, die in der Krise liegt, bereits verpasst?
Man muss fragen, wer mit „wir“ gemeint ist? Es gibt zum einen die Gesellschaft, aber allgemeine Aussagen über die Gesellschaft sagen natürlich nichts über den Einzelnen aus. Da sieht es für jeden sehr individuell aus. Der eine nutzt die Chancen und der andere nicht. In der Regel nutzt ein Drittel der Gesellschaft den Wandel für sich positiv, ein Drittel wird mitgezogen und ein Drittel wehrt sich gegen die Veränderungen. Das ist in der jetzigen Situation nicht anders. Deutschland als Ganzes betrachtet hat seine Chancen auf jeden Fall nicht verpasst. Ein allgemein hohes Bildungsniveau, ein zwar kostspieliges, aber luxuriöses Gesundheitssystem und viele kreative, erfinderische Köpfe in unserer Gesellschaft bieten ausreichend Chancen.

Wie sind in einem Satz gesagt unsere Zukunftsaussichten?
Es knirscht in einzelnen Teilen des Systems, aber wir sind nicht dem Untergang geweiht.  Mehr Politik

 
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