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Vor 50 Jahren starb Marilyn Monroe – noch immer wirkt ihr Sexappeal
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Autor: Daniel Benedict 03. August 2012 15:36 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Die erotische Tote

Vor 50 Jahren starb Marilyn Monroe – noch immer wirkt ihr Sexappeal

Osnabrück. Vor 50 Jahren starb Marilyn Monroe – und noch immer wirkt ist ihre erotische Aura. So stark, dass sie sogar den Marktwert der sie umgebenden Grabstellen in Millionenhöhe treibt – weil leidenschaftliche Verehrer bäuchlings über MM die ewige Ruhe suchen. Woher kommt das nur?

 
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Halb Mensch, halb Image: Marilyn Monroe führte ein Leben unter fremden Blicken. Foto: dpa Die erste Ehe mit 16 Jahren. Foto: Archiv Die letzte Ehe mit Arthur Miller. Foto: Archiv Tiefe Blicke: Szene aus Billy Wilders „Das verflixte 7.Jahr“. Fotos: dpa

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Selbst ihr Grab ist sexy: Am 5. August 1962 starb Marilyn Monroe an einer Überdosis Schlafmittel. Seitdem liegt ihr Körper in einer Gruft des Westwood Village Memorial Parks in Los Angeles. Die Grabstelle links daneben hat Hugh Hefner 1992 für 75000 Dollar gekauft. Auch die darüber war jüngst im Angebot. Eigentlich wollte ihr verstorbener Eigentümer selbst für alle Ewigkeit darin liegen – in Bauchlage über dem Sex-Idol, wie er verfügt hatte. Seine Frau entschied sich allerdings für eine Umbettung und die Versteigerung von Monroes Obergeschoss. Das Grab brachte es auf ein spektakuläres Gebot von 4,5 Millionen Dollar – der Bieter konnte dann allerdings nicht zahlen.

Auch 50 Jahre nach ihrem Tod ist Monroes erotisches Charisma ein Vermögen wert. Mit 20 Millionen Euro Jahresverdienst liegt sie unter den umsatzstärksten Toten auf Platz 3, nach Michael Jackson und Elvis. Gerade erst füllten ihre Briefe, Gedichte und selbst ihre Rechnungen vom Schönheitssalon mehrere Nachlass-Bände. Die Verehrung der Schauspielerin hat beinah nekrophile Züge. Wie konnte Norma Jeane Baker, die am 1. Juni 1926 als uneheliches Kind einer Filmcutterin zur Welt kam, die in Pflegefamilien aufwuchs und die am Kriegsende in der Rüstungsfabrik als Pin-up-Model entdeckt wurde, wie konnte dieses unscheinbare Mädchen sich nach 36 Jahren und rund 30 Filmen zur erotischsten Toten der Welt verwandeln?

Alles übertrieben

An den Filmen allein kann es nicht liegen. Marilyn Monroe interessiert selbst solche Menschen, die etliche ihre Arbeiten schon deshalb nicht ansehen würden, weil sie schwarz-weiß sind. Aber auch wer gar keinen Monroe-Film kennt, weiß alles über den Star: Man muss nicht Billy Wilders „Verflixtes 7. Jahr“ (1955) gesehen haben, um Monroes aufgewirbeltes Kleid über dem U-Bahn-Schacht vor Augen zu haben. Die Melodie von „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“ kann man mitsummen, ohne den Song Howard Hawks Komödie „Blondinen bevorzugt“ (1953) zuzuordnen. Jeder weiß, wie Monroe nachgemacht wird, ihr Schlafzimmerblick, das sinnliche Beben der Oberlippe und die staunende Kinderstimme, die mit jedem Hauch ihre eigene Unschuld beteuert. Boo boo bee doo. Das alles war schon bei Monroe selbst zur Masche übertrieben. Im „Verflixten 7. Jahr“ führt sie ihr Lächeln selbstironisch auf Zahncreme-Reklame zurück. Monroes eigene Filme gaben den Startschuss für die bis heute populären Parodien. In „Blondinen bevorzugt“ zieht Jane Russell sich einmal das Kostüm ihrer Filmpartnerin an – und übernimmt für eine hübsche Verwechslungsszene die Rolle von Monroes Lorelei Lee. Noch burlesker bedient Billy Wilder dasselbe Motiv, wenn er Tony Curtis und Jack Lemmon in „Manche mögen’s heiß“ (1959) an Monroes Seite als Revue-Girls ausstaffiert.

Jeder Rollentausch, jede Nachahmung betont nur die Unverwechselbarkeit des Originals. Egal, wie sexy sie in Marilyns Kleidern auch sind: Ihre Magie können weder Tony Curtis noch Jane Russell reproduzieren. Sobald sich ein Objektiv auf Marilyn Monroe richtet, glüht sie. Etwas schaltet sich in ihr an, das weder Show noch Schauspiel ist – sondern einfach nur das natürliche Verhältnis von Monroe zur Kamera. Das Paradoxon dieser Karriere: Monroe blüht auf unter den Blicken, die sie selbst als Belastung beschreibt – und die sie trotzdem umso mehr sucht, je tiefer sie in ihren Strudel aus Affären, Alkohol, Tabletten und einer exzessiv betriebenen Psychoanalyse gerät.

Ihre enorme Nachwirkung hat auch damit zu tun, dass ihre Lebenstragik so sehr zum Thema ihrer Filme wurde: Lust und Leid des Angesehen-Werdens. Immer wieder verdichten Regisseure Monroes Verhältnis zum Blick. In der Szene mit dem U-Bahn-Luftzug guckt Tom Ewell ihr unter den Rock. Die Botschaft ihrer eigenen Augen verdoppelt „Some like it Hot“ im berühmten Song: „IWanna be Loved by You“.

Monroe ist wie Scrat

Über den Sexismus der Monroe-Filme kann man heute lachen: Das Dummchen-Klischee setzen sie so parodistisch ein, dass Männer und Frauen gleichermaßen zu Comic-Figuren werden. So wie Scrat in „Ice Age“ der Nuss hinterherjagt, ist Monroe hinter den Diamanten der Milliardäre her – und der Milliardär hinter ihr. Vor allem glaubt niemand mehr, dass sie tatsächlich dumm war – anders als in den 50ern, als ihre Ehe mit dem Autor Arthur Miller belächelt wurde. Monroe pickte die besten Regisseure raus und setze im rigiden Starsystem der 50er Jahre Mitspracherechte bei der Auswahl ihrer Rollen und Regisseure durch. Um mit Meistern wie Laurence Olivier zu drehen, gründete sie sogar ihre eigene Produktionsfirma – als eine von nur drei Vertragsschauspielerinnen ihrer Zeit. Monroe zog mit Capote um die Häuser und war in ihren kulturellen Interessen viel eher eine New-York- als eine Hollywood-Blondine. Nicht mal ihre Figuren sind dumm: Lorelei Lee ist durchtrieben, vertrottelt sind in „Blondinen bevorzugt“ die Männer.

Wie unwiederholbar die Monroe-Ikonografie ist, hat ausgerechnet Bert Stern vorgeführt. Kurz vor Monroes Tod hat er die Nacktfotos für die „Vogue“ aufgenommen, die heute als „Last Sitting“ einen ganzen Bildband füllen – ein nicht ganz zutreffender Titel, in dem von fern das Letzte Abendmahl anklingt. Und tatsächlich wirkte es wie eine Entweihung, als Stern kürzlich seine eigenen Bilder kopierte – nun mit Lindsay Lohan .

Schuldige Blicke

An Sterns richtigen Monroe-Bildern lässt sich nachvollziehen, wie wenig unschuldig Blicke sind. Monroe selbst hat den Aktaufnahmen zugestimmt, als die Konkurrenz zu Liz Taylor wuchs. Und Stern begreift sie offenbar als Trophäe: Zur Serie gehört ein Selbstporträt, bei der er neben seinem Modell auf dem Bett sitzt und nach ihm greift. Die Nachgeschichte der Session steht für den Teufelskreis der Bilder: Dass die Schauspielerin einzelne Fotos mit Nagellack ausstrich, hat nicht zur Vernichtung geführt – sondern den Aussagewert nur gesteigert. Jetzt zeigen sie nicht nur die nackte Frau, sie geben auch noch ihr Unbehagen über den eigenen Anblick preis.

„Das verflixte 7. Jahr“ erzählt von den erotischen Träumen des Protagonisten – die Monroe-Figur wird einer davon. Bis heute ist das die Grundlage ihres Erfolgs: Gerade ihr Tod hat dazu geführt, dass Monroe sich für alle Projektionen anbietet. Seine ungeklärten Umstände befördern Verschwörungstheorien. Die Untersuchung ergab eben nur „wahrscheinlich Selbstmord“. Dass die Schauspielerin so jung starb, beendet jede weitere Entwicklung. Was bleibt, ist die Momentaufnahme ihres Ruhms, mit der nun alle anfangen, was ihnen Spaß macht. Jeder Melancholiker kann die Tragik ihres Lebens auskosten, sich identifizieren und an ihrem Glanz berauschen. Hobbypsychologen klopfen schlaue Thesen, denen kein Alterswerk widerspricht. Die Offenheit, die Unabgeschlossenheit von Monroes Biografie hält eine Interpretationsmaschinerie in Gang, die bis zum 50. Todestag auf Hochtouren läuft. Vom Themenschwerpunkt auf Arte, der Tonband-Schnitte aus Monroes Psychoanalyse ausdeutet, über neuste Bildbände – bis hin zu diesem Artikel.



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