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„The Artist“: Für diesen Film fehlen die Worte
Osnabrück. Als einen „Liebesbrief an Hollywood“ hat Regisseur Michel Hazanavicius seinen Film „The Artist“ bezeichnet. Und Hollywood erwidert diese Liebe. Mit zehn Nominierungen gilt diese Hommage an die Stummfilmzeit schon jetzt als ganz großer Oscar-Favorit. Und das völlig zu Recht!
Mit einem diabolischen Elektrogerät foltern ein paar finster aussehende Schurken den Helden. Aber der elegant in Smoking gekleidete Herr bleibt standhaft: „Ich sage nichts. Ich sage kein Wort!“ Und er bleibt tatsächlich stumm.
Denn die Sätze, die er spricht, erscheinen als Zwischentitel. George Valentin (Jean Dujardin), der sich kurz darauf aus seiner Zelle befreit und die Heldin rettet, ist nämlich niemand Geringerer als der ungekrönte König im Hollywood des Jahres 1927. Einer Zeit also, als der Filmstreifen noch ohne Ton, wohl aber mit Orchester im Kino präsentiert wurde. Mit seinen Abenteuerdramen und einem dressierten Hund à la „Rin Tin Tin“ an seiner Seite („Uggy“, so sein Name, wurde in Cannes übrigens als „Bester Hundedarsteller“ prämiert), hat er die gesamte Filmwelt und das Publikum in der Hand.
Doch Ruhm ist vergänglich, und Unheil kündigt sich an. Der Tonfilm kommt! Wird das Publikum Valentin auch dann noch lieben, wenn er weiterhin Abenteuer stumm erlebt? Er, der nicht an diesen neuen technischen Firlefanz glaubt?
Ausgerechnet die charmante Peppy Miller (Bérénice Bejo, übrigens Lebensgefährtin des Regisseurs) wird mit ihren Tonfilmen zur Konkurrentin von Valentin. Dabei liebt sie ihn, und auch er, der gefangen ist in einer freudlosen Ehe, spürt sein Herz klopfen. Doch genauso, wie sie die Stufen des Erfolgs erklimmt, steigt er herab. Die Situation spitzt sich zu, als sie ihm helfen will...
Ein Film ohne gesprochene Dialoge? In Schwarz-Weiß? Und dazu im Format 1:1,37? Und das 2012? Wo man dem Publikum digitale Blockbuster in 3-D um die Ohren haut? Wo 16:9-Flachbildschirme Popcorn-Kino zu Hause versprechen? Dass „The Artist“ es wagt, gegen den Trend zu sein, macht ihn schon mal einzigartig. Dass aber auch eine schönere Liebeserklärung an das Kino als dieser Film kaum vorstellbar ist, das macht ihn zu einem beglückenden Ereignis.
„Wir brauchten keine Dialoge. Wir hatten Gesichter.“ Was Gloria Swanson als Stummfilmdiva in Billy Wilders „Sunset Boulevard“ (1950) mal sagte, gilt dabei auch für diesen an Zitaten übervollen Film: Ob „Zorro“-Darsteller Douglas Fairbanks, ob John Gilbert, der tragische Liebhaber Greta Garbos, ob Fellini oder Hitchcock, ob Gene Kelly und Debbie Reynolds in „Singin’ in the Rain“, ob Orson Welles’ „Citizen Kane“ oder Sergej Eisensteins symbolistische Montagen – „The Artist“ ist, was Verweise angeht, wahrlich ein Fest für Cinephile. Das Schöne daran ist aber auch, dass das alles als Drama und auch Komödie begeistert.
Kein Wunder, ist das Team aus Hauptdarsteller Jean Dujardin (u.a. als „Lucky Luke“ unterwegs und für diesen Film in Cannes ausgezeichnet) und Regisseur Michel Hazanavicius bereits seit den beiden brillanten „OSS 117“-Agentenfilmparodien (bei uns leider nur auf DVD) bestens eingespielt.
Und die schönste Szene des an schönen Szenen überreichen Films? Sie ist tatsächlich komplett stumm, sogar ohne die ansonsten brillante Hintergrundmusik von Ludovic Bource („OSS 117“). Ein Moment der reinen Liebe – nicht nur zwischen den Protagonisten, sondern der auch als Liebeserklärung an die Kraft des Kinos zu verstehen ist.
Ein Film, der einen wie seine Helden macht: Sprachlos! Vor Glück und vor Staunen!
„The Artist“. F 2011. R: Michel Hazanavicius. D: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, Penelope Ann Miller. 100 Minuten. Ab 6 Jahren.
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18.05.2012
