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„Drive“: Unterkühltes Meisterwerk
Osnabrück. In Cannes wurde Nicolas Winding Refn für „Drive“ als bester Regisseur ausgezeichnet. Jetzt startet sein kompromissloser Thriller über eine ausweglose Spirale der Gewalt auch in Deutschland. Ein unterkühltes Meisterwerk, wie es das Genre schon lange nicht mehr hervorgebracht hat.
Fünf Minuten. Seine Kunden haben exakt fünf Minuten Zeit, ihr Ding durchzuziehen. So lange wartet der nur „Driver“ genannte Fahrer (Ryan Gosling) in seinem Fluchtfahrzeug. Egal, was passiert. Danach wird er mächtig Gas geben. Ob seine zahlungskräftigen Passagiere wieder an Bord sind oder nicht. Was vorher oder nachher passiert, ist nicht seine Sache.
Neben seinem nicht ganz legalen Job als Fluchtwagenfahrer in Los Angeles fährt der namenlose Held für Hollywood als Stuntman Autos zu Schrott und schraubt in der Werkstatt seines Auftraggebers Shannon (Bryan Cranston, „Breaking Bad“) an Fahrzeugen und Motoren herum. Als dem „Driver“ eines Tages Nachbarin Irene (Carey Mulligan) über den Weg läuft, nimmt sein Leben eine bitterböse Wendung. Irene ist verheiratet, Gatte Standard (Oscar Issac) wird bald aus dem Knast entlassen. Dumm für den frisch verliebten Fahrer. Noch am Tag der Entlassung eskaliert die Situation. Standard soll einen Raubüberfall für ein paar Mafiosi begehen. Um diesem Ansinnen Nachdruck zu verleihen, wird Irenes und Standards Sohn ins Visier genommen. Daraufhin bietet der „Driver“ Standard seine Hilfe an und läuft in eine böse Falle. Mit brutalen Konsequenzen, aus denen es kein Entkommen gibt.
Kein Entkommen gibt es auch aus dem Sog der Spannung, die sich im Verlauf dieses meisterhaften Thrillers beinahe bis zur Unerträglichkeit steigert und verdichtet. Regisseur Nicolas Winding Refn bedient sich dabei einer wirkungsvollen Bildersprache, die unter anderem davon lebt, dass sie auf plakative Action verzichtet. Die Überfälle, bei denen der Protagonist als Fahrer fungiert, werden konsequent aus der Sicht des Fahrers hinter dem Steuer des Fluchtwagens gezeigt. Was sich im Inneren der überfallenen Objekte abspielt, bleibt der lebhaften Fantasie der Zuschauer überlassen. Ganz und gar ungewöhnlich auch eine finale Zweikampfszene, die Regisseur Refn in weiten Teilen als Schattenspiel inszeniert. Dass in „Drive“ trotzdem nicht auf wilde Verfolgungsjagden verzichtet werden muss, ist freilich Ehrensache.
Aber im Wesentlichen glänzt dieser mit geringem finanziellen Aufwand entstandene Thriller durch gut durchdachte Bildkompositionen. Mit der sehr ruhigen Kameraarbeit von Newton Thomas Sigel sagt Refn den ach so beliebten wie häufig nervenden Wackelkameras der letzten Jahre erfolgreich den Kampf an. Gerade durch die Kraft ruhiger Momente verleiht er seinem Film eine Extraportion Spannung. Erwähnenswert ist auch der wirkungsvolle Einsatz der Originalmusik von Filmkomponist Cliff Martinez. „Drive“ schafft es tatsächlich auf allen Ebenen, sich in die Liga der ganz großen Genre-Produktionen wie beispielsweise William Friedkins „Leben und Sterben in L.A.“ (1985) einzureihen.
Woran auch Hauptdarsteller Ryan Gosling entscheidenden Anteil hat. Gerade noch war der vielseitig talentierte Schauspieler als schmieriger Wahlkampfmanager in George Clooneys „The Ides of March“ zu sehen. Nun überzeugt er als wortkarger Einzelkämpfer und undurchschaubare Männertype in einem schnörkellosen, mitunter allerdings sehr brutalen Genre-Film, der nachwirkt und mit Sicherheit Einfluss auf kommende Thriller haben wird.
„Drive“. USA 2011.R.: Nicolas Winding Refn.D.: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks. 101 Minuten. Ab 18. Cinema Arthouse.
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