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Todesrekord im „Tatort“: Noch nie gab es mehr Leichen als im neuen Krimi aus Wien
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Autor: Joachim Schmitz 03. Februar 2012 13:58 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Erstklassiger Thriller

Todesrekord im „Tatort“: Noch nie gab es mehr Leichen als im neuen Krimi aus Wien

Osnabrück. Ganz schön krass, Herr Krassnitzer! Der Wiener „Tatort“ mit dem populären Darsteller des Kommissars Moritz Eisner fordert am Sonntag mehr Todesopfer als jeder andere Krimi in der über 40-jährigen Geschichte des ARD-Klassikers. Am Ende werden es 15 Leichen sein. Dennoch ist „Kein Entkommen“ ein ausgezeichneter Thriller.

 
Gut beschäftigt: So viel wie im aktuellen Fall hatten „Tatort“-Mörder noch nie zu tun. Foto: ARD  Vergrößern

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Den traurigen Rekord hielt bislang die Folge „Abschaum“ mit der Bremer Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel). Er handelte von Kindesmissbrauch, bei seiner Ausstrahlung am 4. April 2004 ging angesichts von 14 „Tatort“-Toten ein Aufschrei durch die Presse.

„Kein Entkommen“ hat ein ganz anderes Thema: Zwei Killer erschießen auf dem Parkdeck eines Einkaufszentrums einen Studenten, der einen Putztrupp von der Arbeit abholen soll. Schnell zeigt sich, dass der junge Mann zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist – er war kurzfristig für den grippekranken Fahrer Josef Müller eingesprungen. Und der heißt eigentlich Mirko Gradic, führt ein Doppelleben, war früher Mitglied der serbischen Freischärlereinheit „Sveti Tigar“ (Heilige Tiger), ist desertiert und könnte mit seinem Wissen international gesuchte Kriegsverbrecher in höchste Not bringen.

Müller alias Gradic stellt sich der Polizei und wird zu seinem Schutz mitsamt Ehefrau und Kind in einer streng bewachten Villa untergebracht. Fortan ist dieser „Tatort“ ein packender Wettlauf um Leben und Tod, denn die Schergen des „Heiligen“ Mladen Ivesevic und seiner rechten Hand Radovan Jurkic schrecken vor nichts zurück. Lange ist „Kein Entkommen“ ein relativ normaler und absolut überdurchschnittlicher „Tatort“, dann aber kommt es zum Blutbad. Wobei man dem Film zugutehalten muss, dass er sich niemals an der Darstellung grausamer Gewalt weidet.

Nirgends hätte man diese Handlung besser ansiedeln können als in Wien. „Wir sind die viertgrößte serbische Stadt“, sagt der in Österreichs Hauptstadt lebende Fabian Eder im Gespräch mit unserer Zeitung. Er hat bei „Kein Entkommen“ nicht nur Regie geführt, sondern auch zusammen mit Lukas Sturm das Drehbuch geschrieben und zudem noch die Kameraarbeit übernommen – ein höchst seltener „Hattrick“ in der „Tatort“-Geschichte.

„Meine Vorlage für diesen Film war Arkan“, berichtet Eder. Der frühere Auftragsmörder habe im Serbien Milosevics eine „unglaubliche Karriere hingelegt“, wurde Freischärler und Anführer der berüchtigten „Arkan Tiger“. Nach dem Balkankrieg wollte er bei Straffreiheit gegen den serbischen Ex-Präsidenten aussagen – und wurde in einem Belgrader Hotel erschossen. In Wien wurde Arkans Mörder gefasst.

Regisseur Eder war zunächst gar nicht bewusst, dass er mit „Kein Entkommen“ einen neuen Leichenrekord aufstellen würde, „aber es wurde beim Dreh bereits gemutmaßt“. Und, so räumt er ein, es habe auch Diskussionen mit Produzenten und Schauspielern gegeben, ob man mit diesem Film nicht eine Volksgruppe pauschal verurteile. Doch Eder steht zu seinem Film: „Es mussten so viele Leichen sein. Wo Gewalt unvermittelt ausbricht, fallen Hemmschwellen. Und in diesen Freischärlereinheiten waren sämtliche Hemmschwellen gefallen.“

Eder macht einiges anders als andere „Tatort“-Regisseure. In seinem Film sprechen die Serben Serbisch und werden untertitelt. „Das war für mich eine dramaturgische Notwendigkeit, und ich denke, dass man das den Zuschauern auch zumuten kann.“ Das Publikum werde ohnehin häufig genug unterschätzt, glaubt der Regisseur.

Auch für Adele Neuhauser, die wieder mal in der Rolle von Eisners Kollegin Bibi Fellner glänzt, waren die Dreharbeiten zu „Kein Entkommen“ kein Zuckerschlecken. In einer Szene hat sie zusammen mit dem Kommissar einen der serbischen Schergen in einem Keller in die Enge getrieben, als dieser mit einem Maschinengewehr das Feuer auf die beiden Polizisten eröffnet. „Das war wirklich arg in diesem wahnsinnig schmalen Gang“, berichtet Neuhauser. Das Maschinengewehrfeuer war irrsinnig laut, obwohl wir einen Gehörschutz benutzt haben. Meine Schreie sind da wie von selbst gekommen.“

Adele Neuhauser ist sich mit dem Regisseur und ihrem Kollegen Harald Krassnitzer einig: „Es ging nicht um die Zahl der Leichen, sondern um das Fallen von Hemmschwellen.“ Und die liegen bei Menschen, die aus dem Krieg kommen, nun mal auf ganz anderem Niveau als bei Alltagskriminellen.

Vor dem Dreh zu „Kein Entkommen“ hat Neuhauser mit ihrem Kollegen Krassnitzer einen Nachmittag bei der Wiener Polizeisondereinheit COBRA verbracht und war tief beeindruckt von Leuten, „die so etwas wie die letzte Instanz sind“. Auch zur Waffe hat sie bei diesem Besuch gegriffen und zum ersten Mal in ihrem Leben mit scharfer Munition geschossen. „Das ist kein schönes Gefühl“, weiß die Schauspielerin seitdem.

Auch der „Tatort“ lässt die Zuschauer am Sonntag mit keinem schönen Gefühl zurück. Statt des üblichen humorigen Ausklangs gibt es die Gewissheit, dass kurz nach dem Abspann wieder Menschen sterben werden. Harter Stoff, aber höchst sehenswert. Auch wenn es mit ein paar Toten weniger ebenso gut funktioniert hätte.

Tatort: Kein Entkommen, ARD, Sonntag, 5. Februar, 20.15 Uhr

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