·
Digitalabo·
Shop·
Tippspiel
Die deutsche Traumfabrik
Osnabrück. Es ist das älteste Filmstudio der Welt, hatte die ersten Tonfilmateliers Europas, überstand zwei Weltkriege und zwei Diktaturen, Weltstars wie Marlene Dietrich begannen hier ihre Karriere: In Babelsberg bei Berlin feiert man nun den 100. Geburtstag der deutschen Traumfabrik. Ein Ort, auf den nicht nur viel Licht, sondern auch viel Schatten fiel.
Mit dem Maschinengewehr in der Hand nietet Brad Pitt Nazis um. Patronenhülsen fliegen, laut hallen die Salven. Mit rabiaten Mitteln rechnete Quentin Tarantino in „Inglorious Basterds“ (2008) mit Wehrmachtssoldaten ab. Der Lohn unter anderem waren acht Oscar-Nominierungen. Deutlich subtiler ging dagegen Roman Polanski in „Der Pianist“ (2002) vor: Sein erschütterndes Holocaust-Drama erhielt drei Oscars und die Goldene Palme von Cannes. Indes geht die Kostümbildnerin Lisy Christl dieses Jahr als deutsche Hoffnungsträgerin in das Rennen um die Oscars – sie wurde für ihre Arbeit für Roland Emmerichs „Anonymus“ (2011) nominiert.
Was diese Hollywood-Produktionen gemeinsam haben? Nun, sie alle entstanden in Potsdam-Babelsberg. Dort herrscht schon seit Jahren reger Produktionsbetrieb. Kein Wunder, verfügt Babelsberg doch über bestens ausgebildete Studioarbeiter, eine funktionierende Infrastruktur sowie üppige Fördermittel.
Ob zwischen Riesenkostümfundus, in großen Studiohallen oder vor Dauerkulissen wie der berühmten „Berliner Straße“ – hier scheint jeder Zentimeter Geschichte zu atmen, seitdem hier 1912 „Der Totentanz“ entstand und die Dänin Asta Nielsen zum Weltstar machte. Wenig später begann der Erste Weltkrieg, und so entstanden in Babelsberg auch mittels der 1917 gegründeten UFA Propaganda-Filme. Das goldene Zeitalter fand erst nach Kriegsende, in den 20er-Jahren statt. Hitchcock drehte hier ebenso wie Ernst Lubitsch, Fritz Lang feierte Triumphe mit „Die Nibelungen“ (1924) und ruinierte mit „Metropolis“ (1926) die UFA.
Friedrich Wilhelm Murnau schuf eine ganz neue Ästhetik, als er für „Der letzte Mann“ (1925) die Kamera vom starren Stativ befreite, und Marlene Dietrich wurde mit dem „Blauen Engel“ (1930) zum Weltstar. Goebbels wollte die Dietrich aus Hollywood „heim ins Reich“ führen. Doch sie gab den ab 1933 herrschenden Nazis einen Korb. Der Propagandaminister tobte. Der ließ stattdessen die Schwedin Zarah Leander zum Garbo/Dietrich-Ersatz aufbauen, setzte auf die Zugkraft von Heinz Rühmann und Marika Rökk.
Dass der notorische Schürzenjäger Goebbels aber auch als „geiler Bock von Babelsberg“ in die Skandalgeschichte des Studios einging, wurde angesichts seiner sonstigen Schandtaten eher vergessen. Seine Affäre mit der tschechischen Schauspielerin Lída Baarová beendete erst Hitler, der die Vorzeigeehe seines Ministers und mehrfachen Vaters nicht gefährden wollte, persönlich mit einem Machtwort. Babelsberg Babylon sozusagen!
Politisch belastet war das Studio aber nicht nur während der NS-Zeit. Bereits 1946 gründete die russische Besatzungsmacht die DEFA. Sie sollte bis zur Wende das Filmzentrum der DDR werden. So entstanden nun auch Propagandaschinken wie der zweiteilige „Ernst Thälmann“-Film, der kurioserweise in der DDR selber später zensiert wurde: Alle Szenen mit Stalin darin verschwanden ab den 60er-Jahren.
Kommerzielle Erfolge feierte die DEFA indes mit Imitationen westlicher Kommerzfilme: „Heißer Sommer“ wurde zum erfolgreichsten Schlagerfilm der DDR, die Indianer-Filme des „Zonen-Winnetou“ Gojko Mitic waren Karl-May-Ersatz. Künstlerische Erfolge waren indes die Oscar-nominierte Jurek-Becker-Verfilmung „Jakob der Lügner“ (1974), der Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“ (1973) und der Berlinale-Gewinner „Solo Sunny“ (1980).
Doch die sozialistische Planwirtschaft forderte auch beim VEB DEFA ihren Tribut. Nach wirtschaftlich schwierigen Jahren in der Nachwendezeit geht es nun wieder aufwärts. 2004 kaufte eine Investorengruppe das Gelände für einen symbolischen Euro, investierte in neue Hallen und Technik.
Und aktuell? Die Studios sind ausgelastet. Der deutsche Regisseur Tom Tykwer („Lola rennt“) dreht gerade zusammen mit den „Matrix“-Regisseuren Andy und Larry Wachowski den Film „Der Wolkenatlas“ für 100 Millionen Dollar. Es ist damit das teuerste Filmprojekt aller Zeiten in Deutschland.
Zum Auftakt des Jubiläums zeigt Arte heute die Dokumentation „Unser Hollywood“ (21.50 Uhr), während die Berlinale (9.–19. 2.) das Studio mit einer Retrospektive ehrt. Das Fernsehen (vor allem der RBB) zeigt ausgewählte Klassiker, und im Berliner „Museum für Film und Fernsehen“ laufen noch bis zum 29. April zwei Ausstellungen zur Geschichte des Studios. Demnächst erscheint zudem das aufwendig gestaltete Buch „100 Years Studio Babelsberg“ (teNeues-Verlag, 59,90 Euro).
Unser Hollywood, Arte, Mittwoch, 1. Februar, 21.50 Uhr
Mehr Medien & Fernsehen










