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Allianz der Vereinsamten
Osnabrück. Für das ARD- Psycho-Drama „Nacht ohne Morgen“ standen Götz George und Fritzi Haberlandt erstmals gemeinsam vor der Kamera. „Ein wunderbarer Kollege“, schwärmt die Schauspielerin im Gespräch mit unserer Zeitung.
Andere in seiner Situation hätten womöglich noch mal eine Weltreise gebucht oder ihr Geld für sonstige Lebensfreuden zum Fenster hinausgeworfen. Doch als der pensionierte Staatsanwalt Jasper Dänert erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist und ihm nicht mehr viel Lebenszeit bleibt, stürzt er sich noch einmal in die Arbeit. Vor zwanzig Jahren wurde in seinem Zuständigkeitsbereich in der Nähe der ehemaligen innerdeutschen Grenze ein 16-Jähriger ermordet aufgefunden. Mehr, als dass er sich Jimmy nannte und sich als Stricher in Berlin herumtrieb, hat Dänert seinerzeit über die Identität des Opfers nicht herausgefunden. Und ein Täter wurde nie gefasst.
Aus irgendeinem Grund hat dieser Fall den Pensionär offenbar über all die Jahre nicht losgelassen. So lässt er nun immer häufiger seine Ehefrau Katharina, eine Scheidungsanwältin, in der noblen Berliner Villa allein zurück und fährt an den Ort der damaligen Bluttat in der Brandenburgischen Provinz. Dort bittet er die örtliche Polizistin Larissa Brandow, ihm bei der Aufklärung des Mordes zu helfen. Wozu die spröde und wortkarge Frau zunächst wenig Lust hat.
Aber da sie es war, die einst die bereits stark verweste Leiche im Wald entdeckte, willigt sie schließlich ein, um vielleicht endlich ein persönliches Trauma loszuwerden. Was Dänert eigentlich antreibt, bleibt für sie (wie für die Zuschauer) in diesem großartigen Film von Karl-Heinz Käfer (Buch) und Andreas Kleinert (Regie) lange Zeit im Dunkeln.
Während Götz George den rastlosen Ex-Staatsanwalt gibt, wird die Polizistin von Fritzi Haberlandt gespielt, die zuvor noch nie mir dem ehemaligen „Schimanski“-Darsteller zusammengearbeitet hat. In welchem Film sie George zum ersten Mal gesehen hat, vermag sie auch nicht mehr zu sagen. „Vermutlich war es eine Karl-May-Verfilmung“, sagt Fritzi Haberlandt im Gespräch, „aber vielleicht auch ein ,Tatort‘ mit ,Schimanski‘. Als herausragenden Schauspieler habe ich ihn allerdings erst 1995 in Romuald Karmakars ,Der Totmacher‘ wahrgenommen.“ Und über die Zusammenarbeit mit der deutschen Filmlegende gerät Haberlandt auch ein Jahr nach den Dreharbeiten noch ins Schwärmen: „Natürlich ist man da zunächst noch weit aufgeregter als sonst und hofft inständig, dass man sich mit ihm versteht. Aber zum Glück hatten wir uns vor Drehbeginn schon mal zum Essen getroffen, und dabei habe ich gemerkt, dass ich mit Götz George bestens klarkomme. Das hat sich dann beim Drehen bestätigt. Er ist ein absoluter Profi und wunderbarer Kollege.“ Und der 73-jährige Götz George liefert eine seiner besten Leistungen seiner langen Karriere ab. So wie er sich körperlich gänzlich zurücknimmt, fast nur mit sparsamen Bewegungen und Gesten agiert, gibt er den sterbenskranken und verhärmten Ex-Fahnder als genialer Minimalist.
Hinreißend auch die häuslichen Szenen, in denen er an der Seite von Barbara Sukowa (Katharina) spielt. Ein bestens situiertes, kinderloses Paar, das sich über all die Jahre des Zusammenlebens arrangiert hat, routiniert Gesten der Vertrautheit austauscht, ohne sich wirklich nahegekommen zu sein. Sie hat seit geraumer Zeit eine Affäre mit Christian (Jeroen Williams), der zugleich sein Freund und sein Arzt ist. Jasper weiß davon, und sie ahnt, dass er es weiß. Doch gesprochen haben sie darüber nie. So entwickelt sich in diesem stimmigen Psycho-Drama, das sich bald abseits der ausgetretenen Krimi-Pfade bewegt, eine eigentümliche Allianz zwischen zwei Vereinsamten: Jasper Dänert und der spröden Polizistin Larissa. Eine Figur, die mit ihrer komischen Mütze und der unförmigen Polizei-Jacke bisweilen an Frances McDormand in „Fargo“ erinnert (Haberlandt: „Mit dem Vergleich kann ich bestens leben.“) und im Laufe des Films eine erstaunliche Entwicklung durchmacht, ohne ihre Rätselhaftigkeit zu verlieren.
Ihre Darstellerin, die gefeierte Theater-Schauspielerin Haberlandt, die sich derzeit eine Bühnen-Pause verordnet hat, („Die tut mir gut.“) sieht das so: „Sie hat sich in sich zurückgezogen, lässt niemanden an sich ran und hat sich über die Jahre in ihrem merkwürdigen Leben eingerichtet. Warum sie so geworden ist, weiß man nicht, aber vermutlich hat es da einige Verletzungen gegeben. Doch irgendwie ist da noch ein Kern mit Wünschen und Sehnsüchten in ihr, der erschlossen werden will.“ Wie dieser Film überhaupt viele Leerstellen lässt, die vom Zuschauer erschlossen werden wollen. Großes Fernsehen.
Nacht ohne Morgen: ARD, 20.15 Uhr
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