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Die Geschwätzigkeit des Todes: Stephan Völlmicke hat die Todesdarstellungen im „Tatort“ untersucht
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Die Geschwätzigkeit des Todes: Stephan Völlmicke hat die Todesdarstellungen im „Tatort“ untersucht
Die Geschwätzigkeit des Todes: Stephan Völlmicke hat die Todesdarstellungen im „Tatort“ untersucht
Münster. Es ist eine Fleißarbeit, die ihresgleichen sucht: über 700 Seiten Filmprotokoll produzierte Stephan Völlmicke, Doktorand an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, bei der Analyse von Todesdarstellungen im „Tatort“. Sein Ergebnis: Der Zuschauer ist den Fernsehleichen so nah wie nie zuvor.
Ihr Image als Spiegelbild der Gesellschaft und Garant für authentisch erzählte Fälle qualifiziere die ARD-Reihe für eine solche Untersuchung besonders, so Völlmicke. Außerdem erlaubten die weitgehend gleichbleibende Struktur sowie der feste Sendeplatz und die lange Laufzeit von mittlerweile über 40 Jahren einen regelrechten Längsschnitt durch die Geschichte des deutschen Fernsehkrimis.
81 „Tatorte“ des NDR und WDR aus den Jahren 1970 bis 2010 hat Völlmicke für seine Dissertation untersucht, die den wuchtigen Titel trägt „Vierzig Jahre Leichenshow – Leichenschau. Die Veränderung der audiovisuellen Darstellung des Todes im Fernsehkrimi TATORT vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels im Umgang mit Sterben und Tod.“ Dafür isolierte er die Leichenszenen und analysierte sie Einzelbild für Einzelbild (eine Sekunde Fernsehen besteht aus 25 Einzelbildern!). Danach, gesteht der bekennende „Tatort“-Fan im Gespräch mit unserer Zeitung, sei er es erst mal leid gewesen. Anhand der Größe von toten Körpern im Bild, deren Position und der Länge der Szenen hat Völlmicke herausgearbeitet, dass besonders in den letzten zehn Jahren „die fiktiven Leichen sehr direkt, detailliert und intensiv abgefilmt werden“.
Gerade vor dem Hintergrund einer tendenziell höher gewordenen Schnittfrequenz im Film erstaunt die zunehmende Dauer der Todesdarstellungen. Völlmicke spricht von einem „Totenboom“, der nicht zuletzt auch deutlich mit dem Einzug der Rechtsmedizin in den Fernsehkrimi zusammenhänge. Joe Bausch, der im Kölner „Tatort“ den Rechtsmediziner Dr. Roth spielt, erklärte unserer Zeitung zum „Tatort“-Jubiläum im letzten Jahr: „Natürlich wäre man manchmal versucht, aus Gründen der Abschreckung die Umstände eines gewaltsamen Todes noch drastischer darzustellen. Aber ich glaube nicht mehr daran, dass das helfen würde.“
Stephan Völlmicke sieht im „medialen Tod“ nur auf den ersten Blick einen Widerspruch zu der, wie er es nennt, „strukturellen Verdrängung des Todes in der Gesellschaft“. Tatsächlich gingen die Todesbilder in den Medien in unseren Erfahrungsschatz mit ein und füllten somit eine Leerstelle, die Völlmicke auf den Punkt bringt: „Es gibt eine Distanz zum Tod infolge des sozialen Wandels. Die Tendenz zur Kernfamilie hat dazu geführt, dass der Otto Normalverbraucher noch nie Kontakt zu einer echten Leiche gehabt hat.“ Natürlich seien „Tatort“-Zuschauer sich bewusst, dass ihnen präparierte Schauspieler und Puppen gezeigt werden. Dennoch glaubt Völlmicke, das glaubwürdige Image des „Tatorts“ führe zu der Wahrnehmung, hier werde ein Einblick in ein unbekanntes, aber weitgehend reales Szenario gewährt. „Wenn ich in die Rechtsmedizin gehe, liegen da bestimmt auch dieselben Skalpelle, dieselben Scheren.“ Leichenshow als Aufklärungsarbeit? „Tatort“-Darstellerin Nina Kunzendorf erklärte kürzlich der „Frankfurter Rundschau“: „Wenn man Tod nur voyeuristisch zeigt, bin ich die Erste, die Wäsche aufhängen geht. Aber es kann auch richtig sein, Gewalt oder Tod zu zeigen, vorausgesetzt, man geht pietätvoll damit um und hat eine klare Haltung dazu.“
Völlmicke glaubt, „dass unsere moderne Lebenswelt eine gleichsam ideale Grundlage für immer direktere, intensivere und ausgeprägtere Darstellung des Todes im ,Tatort‘ ist.“ Bekommen wir im Fernsehen also genau so viel Tod, wie wir brauchen? Völlmicke selbst ist mittlerweile jedenfalls „wieder gerne Tatort-Gucker“.
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15.04.2012
