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Wie aus einer Vorlage von Mankell der vielleicht spannendste „Tatort“ des Jahres wurde
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Wie aus einer Vorlage von Mankell der vielleicht spannendste „Tatort“ des Jahres wurde
Wie aus einer Vorlage von Mankell der vielleicht spannendste „Tatort“ des Jahres wurde
Osnabrück. So viel vorweg: „Borowski und der coole Hund“ ist vermutlich der spannendste „Tatort“ dieses Jahres, einer der härtesten und außergewöhnlichsten dazu, und ganz sicher nichts für schwache Nerven.
Kein Wunder, mag man sich sagen – schließlich stammt die Vorlage zum Kieler „Tatort“ von Bestsellerautor Henning Mankell, der mit seinen Büchern weltweit Millionen von Krimifans fasziniert. Doch erst die Umsetzung durch Drehbuchautor Michael Proehl und Regisseur Christian Alvart macht daraus einen nahezu perfekten Thriller, der sowohl in Kiel wie auch in Mankells schwedischer Heimat angesiedelt ist.
Dort spielen auch die ersten, in schwedischer Sprache gedrehten und mit deutschen Untertiteln unterlegten Szenen: Ein Mädchen stirbt nach dem Biss eines Hundes an Tollwut. Dann erwischt es in Kiel einen Schwimmer: Nach einem Liebesakt auf einem Steg springt er in die Ostsee – und landet auf einer unter Wasser angebrachten Falle aus angespitzten Bambuspfählen. Bei der Obduktion wird man später feststellen, dass auch er mit der vermeintlich in Deutschland ausgerotteten Tollwut infiziert war. Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden Fällen?
Auch wenn Mankell die Idee mit den Bambusstangen in seinem Wallander-Roman „Die fünfte Frau“ (1998) schon einmal verarbeitet hat, hält man als Zuschauer in der ersten Viertelstunde gleich mehrfach den Atem an – wobei Gewalt und Grauen nicht gezeigt werden, sondern in der Fantasie des Betrachters explodieren.
Doch der Film ist nicht nur packend, sondern auch brillant besetzt: Axel Milberg als Borowski ist schon lange eine Klasse für sich, Sibel Kekilli als seine neue Assistentin Sarah Brandt die ideale Ergänzung – blitzgescheit und wunderbar lakonisch. Mavie Hörbiger verstört in einer Schlüsselrolle als sexbesessene und zu Selbstverstümmelungen neigende Gespielin des Mordopfers und befreit sich in der Rolle der Santamaria eindrucksvoll vom „Klischee der süßen kleinen Blondine“. Und mit Borowskis Kollegen und Freund Stefan Enberg (Magnus Krepper) aus Ystad wird ein zweiter Kommissar eingeführt, der als echter Schweden-Schimanski daherkommt.
Wie aber wird aus einer Vorlage von Henning Mankell ein Thriller, der durchaus an die Verfilmungen seiner Geschichten um Kommissar Wallander erinnert und zugleich ein „Tatort“ der Extraklasse ist? „Es gab ein achtseitiges Exposé von Mankell, das er zunächst in englischer Sprache verfasst hat, ich dann aber schon in der deutschen Übersetzung vorgelegt bekam“, berichtet Drehbuchautor Michael Proehl im Gespräch mit unserer Zeitung. Der schwedische Starautor habe es dem „Tatort“-Team mit den Worten „Feel free“ überlassen. Der Drehbuchautor, sein Regisseur Christian Alvart, Produktion und Redaktion konnten damit also nach Gutdünken verfahren, um daraus einen Kieler „Tatort“ zu stricken – übrigens nach „Borowski und der vierte Mann“ (Ausstrahlung Weihnachten 2010) bereits der zweite, für den Mankell die Vorlage geliefert hat.
Natürlich habe man das Exposé nicht eins zu eins übernehmen können, berichtet Proehl weiter. Die Vorlage sei eher eine literarische gewesen, die es filmisch aufzuarbeiten galt: „Was im Roman gut funktioniert, wird im Film manchmal zum Problem.“ Außerdem konnte Mankell zu dem Zeitpunkt, als er von Milberg zu dem Projekt überredet wurde, gar nicht wissen, dass mittlerweile nicht mehr die Psychologin Frieda Jung (Maren Eggert), sondern die forsche Computerexpertin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) an der Seite Borowskis ermittelt. „Mankell hat vor allem die Geschichte der beiden Kommissare geschrieben“, sagt Proehl. Er wiederum habe aus einer namenlosen Assistentin dann die Rolle für Sibel Kekilli entwickelt.
Aus acht Seiten Exposé wurden auf diese Weise schließlich 90 Seiten Drehbuch. Wobei die Darstellung der Gewalt immer ein zentrales Thema war. „Was zeigt man, was darf man zeigen?“, fragten sich Drehbuchautor Proehl und Regisseur Alvart. Eine Diskussion, die mittlerweile offenbar häufiger geführt wird – erst kürzlich verbannte der Bayerische Rundfunk einen Münchner „Polizeiruf“ vom angestammten Sendeplatz am Sonntag um 20.15 Uhr auf den späten Freitagabend.
Im Ergebnis sieht man dann den Springer auf dem Steg, dann die angespitzten Bambuspfähle unter Wasser und schließlich die Blutlache an der Wasseroberfläche. Alles Weitere passiert in der Fantasie des Zuschauers. „Das ist Mankell-Land“, sagt Proehl, fügt aber gleich auch hinzu: „Manche Szenen haben wir sogar noch ein bisschen härter gemacht.“ Und Regisseur Alvart ist sich sicher: „Man wird überzeugt sein, Dinge gesehen zu haben, die wir ganz bestimmt nicht gezeigt haben.“
Einig waren sich alle Beteiligten über eins: Nicht so viele textlastige Verhöre und Erklärpassagen, lieber einen echten Thriller als einen behäbigen Sonntagabend-Krimi. „Auf dieser Ebene bin ich völlig eins mit Dominik Graf“, sagt Drehbuchautor Proehl. Der hätte sicher auch gern diesen Stoff verfilmt – und es kaum besser machen können als sein Kollege Christian Alvart. Denn der hat sogar die Zahnschmerzen des Kommissars so perfekt in Bild und Ton umgesetzt, wie es kaum jemandem vor ihm gelungen ist. Da knistert in Kiel nicht nur die Spannung.
Nachdem schon der letzte Borowski-Fall „Die Frau am Fenster“ zu den herausragenden Krimis des Jahres zählte, untermauern Axel Milberg und Sibel Kekilli mit dem „coolen Hund“ nun endgültig ihren Anspruch auf den Titel des Ermittler-Teams des Jahres. Streitig machen kann ihnen den eigentlich nur noch das neue Frankfurter Team mit Joachim Król und Nina Kunzendorf, das in 14 Tagen zum zweiten Mal an der Reihe ist und wieder mit einem Krimi der Extraklasse aufwartet. Zu einer Spitzenquote wird es für Borowski allerdings auch diesmal wohl nicht reichen – im ZDF sticht zeitgleich das „Traumschiff“ auf seiner Jubiläumstour zum 30-jährigen Bestehen in hohe See.
Tatort: Borowski und der coole Hund, ARD, Sonntag, 6. November 2011, 20.15 Uhr
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15.04.2012
