·
Digitalabo·
Shop·
Tippspiel
Es gilt das gestrichene Wort
Berlin. Draußen treibt der Schnee, drinnen wärmt der Tee. Götz George hat sich mit einem Taxi durch den Berliner Winter gekämpft und erscheint bester Laune im Café des Kempinski am Ku’damm. Auf dem Tisch liegt ein Aufnahmegerät, wir führen ein langes Exklusiv-Interview – das nun nicht erscheinen wird.
Der Grund dafür: Götz George hat das Interview nicht etwa vereinbarungsgemäß autorisiert, sondern im Nachhinein etliche Passagen nahezu komplett gestrichen und dem Gespräch dadurch einen Großteil seiner Authentizität und Spontaneität genommen. Auch mehrfache Nachfragen bei seiner Agentin konnten ihn nicht mehr dazu veranlassen, seine Streichungen rückgängig zu machen.
Und das, obwohl es in den entsprechenden Leitlinien des Deutschen Journalisten-Verbandes heißt: „Autorisierungen dienen der sachlichen Korrektheit, der Sinnwahrung und sprachlichen Klarheit. Änderungen müssen sich darauf beschränken.“ Daran fühlen sich vielleicht die meisten Journalisten gebunden, selten aber Künstler und deren Agenten. In Talkshows plaudern viele von ihnen, wie der Schnabel gewachsen ist, aber bei gedruckten Interviews halten sie es für ihr gutes Recht, nachträglich im Text zu streichen und zu ändern.
Das ist – bei immer möglichen sachlichen Fehlern – durchaus auch im Sinne der Journalisten, geht aber nicht selten weit übers Ziel hinaus: Streichkonzerte von Schauspielerinnen wie Heike Makatsch oder Hannah Herzsprung haben es in der Branche mittlerweile zu trauriger Berühmtheit gebracht. Die Agenten von Martina Gedeck oder Heino Ferch lassen die Journalisten vor einem Gespräch Verträge unterzeichnen. Und Götz George möchte sogar gern bei der Bildauswahl ein Wörtchen mitreden.
Das Misstrauen ist durchaus nachvollziehbar, da sich einige Journalisten für eine gute Schlagzeile eine sehr freie Auslegung des gesprochenen Wortes gestatten. Als die ARD-Wettermoderatorin Claudia Kleinert kürzlich ein Kinderbuch veröffentlichte, wurde sie vom Interviewer einer rheinischen Boulevardzeitung gefragt, wie es denn mit eigenen Kindern aussehe. Die seien kein Thema antwortete Kleinert, weil sie ja zurzeit gar keinen Partner habe. Daraus, so die Moderatorin, habe das Blatt die Schlagzeile formuliert: Claudia Kleinert sucht einen Mann.
Zurück nach Berlin: Nicht nur der neue „Schimanski“ ist das Thema – Götz George spricht auch erstaunlich offen über Eitelkeit, Geburt, Alter und sogar den Tod. Natürlich weiß er um das Aufnahmegerät auf dem Tisch, und natürlich wurde er darauf hingewiesen, dass er sich jederzeit verweigern kann, wenn ihm eine Frage zu privat wird. Er antwortet dennoch. Nach der Abschrift erstreckt sich das Frage-und-Antwort-Spiel über zehn DIN-A4-Seiten. Einige Tage später ist davon nur noch wenig mehr als die Hälfte übrig. Der „autorisierte“ Text enthält 30 Streichungen von einem oder mehreren Sätzen.
Was bleibt, sind vor allem Georges Äußerungen über Schimanski: Der sei „nicht mehr so heißspornig wie früher, er ist ruhiger geworden, eher traurig als aufsässig“. Die erste Schimanski-Jacke habe er in jeder Folge einmal angezogen und irgendwann dann seiner besten Freundin geschenkt. Und eine Schlägerei im neuen Film sei natürlich augenzwinkernd gemeint: „Dem einen trete ich ja in die Eier – das ist zwar unfair, aber in meinem Alter muss man das verstehen.“ Der Abschied des Ruhrpott-Raubeins werde sich leise vollziehen, verkündet der 72-Jährige, ohne sich zurückzunehmen: „Der ist dann plötzlich weg und kommt nicht wieder.“
In Georges Augen taugt der Kultkommissar Schimanski nicht als Vorbild für andere „Tatort“-Ermittler: „Entweder kennen sie mich gar nicht, oder aber sie sagen: Ich möchte um Gottes willen nicht durch Türen springen und keine Schmuddeljacke anziehen.“ Aber es wäre schön gewesen, wenn Götz George, der demnächst seinen Vater, den berühmten Schauspieler Heinrich George, spielen wird, zumindest in Sachen Interview-Autorisierung seinen jüngeren Kollegen ein Beispiel gegeben hätte. Diese Gelegenheit hat er verpasst.
Zu den Sätzen, die er zur Veröffentlichung freigibt, gehören diese: „Wenn ich eins in meinem Beruf nicht mag, dann ist es Eitelkeit. Eitelkeit kann jedem Schauspieler das Genick brechen.“ Und jener: „Vielleicht bin ich ja im tiefsten Inneren eitel und will es nur nicht zugeben.“
Ansonsten gilt das gestrichene Wort.
Mehr Medien & Fernsehen








Dann heißt es doch der Journalist würde seinem Berufsstand (den Sie ja so gut kennen - obwohl Sie augenscheinlich nicht zwischen einem Artikel und einem Interview unterscheiden können) nicht gerecht, sei weichgespült und eigentlich ein PR-Berater.
Und schreibt der Journalist auf, wie die Praxis aussieht (die viele nicht ach-so-kosmopolitische Bürger wie Sie nicht kennen), dann ist es für Sie ein Zeichen von Beleidigt-Sein.
Quatsch. Es dient der Aufklärung über die Spielregeln, die sich leider eingeschlichen haben und denen sich die NOZ hier gott sei Dank widersetzt hat. Das zu tun, trauen sich viele überregionale Zeitungen nicht.
Dass George die Zeitung nicht ernst nehme ist ja schon von der inneren Logik her Quatsch - warum gibt er dann ein Interview? Und wenn, warum hält er es für nötig zu verhindern, dass bestimmte Aussagen in der "unbedeutenden" Zeitung erscheinen?
Übrigens: Provinzialität bezeichnet nicht zwangsläufig die Herkunft eines Menschen, sondern auch sein Verhalten.