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Decksarbeit im Herzen des Reaktors
Osnabrück. In Elisabeth Filhols Roman „Der Reaktor“ ist nicht nur die Atomkraft bedrohlich. Der Debütroman der 46-jährigen Wirtschaftswissenschaftlerin Elisabeth Filhol platzierte sich bald nach seinem Erscheinen in Frankreich im vergangenen Jahr auf der Bestsellerliste, zu einer Zeit, da der Name Fukushima in unseren Breiten noch kein Begriff war.
In der Tat hat Filhol ein erstaunliches Buch vorgelegt, das weit von Katastrophenszenarien entfernt ist, wie sie häufig von der Belletristik zum Thema Kernenergie entworfen werden. Auf knappen 120 Seiten kondensiert das Buch vielschichtige Aspekte.
Natürlich geht es um den „Reaktor“, seine Technik, die mit ihr verbundenen Risiken, aber auch seine Faszination. Der mitunter sperrige Referatston, dessen sich Filhol in diesen Passagen bedient, steht in effektivem Kontrast zur sinnlich und präzise beschriebenen „Story“ des Buches: Der Ich-Erzähler Yann zieht von März bis September durch französische AKWs, um dort als von Zeitarbeitsfirmen engagierter „Söldner“ im wahrsten Sinne des Wortes die Drecksarbeit auszuführen: Gemeinsam mit seinen wechselnden Kollegen wartet und reinigt er das Reaktor-Innere. Nur wenige Minuten Einsatzfrist im „Herzen“ des AKW, unter horrendem Zeit- und Leistungsdruck, dabei stets radioaktiver Kontamination ausgesetzt: Die Arbeitsbedingungen sind brutal. Und wenn es zu einem Störfall kommt und man – wie Yann – vorzeitig die für das gesamte Jahr „maximal erlaubte Strahlendosis“ abbekommen hat, steht man ohne Absicherung auf der Straße. In karger, gelegentlich ins Pathetische, gar Poetische changierender Sprache schildert Filhol die männerbündlerische Nomadenexistenz der Leiharbeiter, ihre „Komplizenschaft“ und Einsamkeit, und fragt, warum sich jemand überhaupt auf einen Job als „Neutronenfutter“ einlässt.
Mehr noch als von den Risiken der Kernkraft erzählt der Roman mithin exemplarisch von den Gesetzen der kapitalistischen Arbeitswelt. Und „alle fragen sich, ob hinter der trügerischen Ruhe das System nicht langsam außer Kontrolle gerät“. Offensichtlich eine rhetorische Frage.
Elisabeth Filhol: „Der Reaktor“. Roman. Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus, 122 S., 16 Euro.
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