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Das Mysterium schlechthin: die Akte Drood
Osnabrück. Kurz vor seinem überraschenden Tod schuf Charles Dickens noch ein frühes Werk der Kriminalliteratur – und zugleich eines der größten Rätsel der eben erst entstehenden Gattung. „The Mystery of Edwin Drood“ führt in das südenglische Städtchen Cloisterham. Der verschlafene Winkel ist Heimat einer ganzen Reihe liebevoll karikierter Figuren. Im Zentrum stehen Edwin Drood und seine Verlobte Rosa Bud, einer schon dem Namen nach blühenden Schönheit, die im ganzen Ort Begehrlichkeiten weckt.
Als Dickens die diffizilen Konditionen von Rosas Erbschaft dargelegt hat, als er ein so exotisches wie heißblütiges Zwillingspaar aus Ceylon eingeführt und die fatale Leidenschaft geschildert hat, die Rosas Musiklehrer für das Mädchen empfindet, lässt er Edwin Drood unter rätselhaften Umständen verschwinden – und stirbt dann selbst am Schlaganfall. Drei Lieferungen des Fortsetzungsromans sind bis dahin erschienen, drei weitere sind abgeschlossen und werden posthum publiziert. Damit ist exakt die Hälfte des geplanten Umfangs auf dem Markt. Mehr hat Dickens nicht geschrieben, nicht mal in Form von Notizen.
Ein versteckter Hinweis soll auf dem Cover einer der ersten Folgen zu finden sein; auch Dickens junior will vom Vater Informationen über Tat und Täter erhalten haben, die er in eine der inzwischen weit über dreißig Fortschreibungen des Krimis einfließen lässt. Die allererste davon ist schon in Dickens’ Sterbejahr fertig. Eine weitere kommt 1873 heraus, die ein gewisser Arthur Conan Doyle wohlwollend bespricht – obwohl oder gerade weil deren Autor Thomas James behauptet, seine Auflösung im spiritistischen Diktat vom Geist des toten Schriftstellers persönlich empfangen zu haben. Doyles SherlockHolmes-Geschichten entstehen übrigens erst viel später, ab 1887.
Die Akte Drood treibt weitere kuriose Blüten. 1914 findet sogar ein reales Tribunal gegen den fiktiven Hauptverdächtigen John Jasper statt, Richter ist dabei der Pater-Brown-Autor G. K. Chesterton, der Jury sitzt George Bernard Shaw vor. Zweimal wird das Buch verfilmt; eine Bibliografie der Droodiana genannten Fachliteratur listet 1998 über 1800 Titel auf. Eine deutsche Fortschreibung veröffentlicht Ulrike Leonhardt bei Manesse. Es wird nicht die letzte sein. Durch Dickens’ Tod ist die Mordsache Drood auf alle Zeiten unabschließbar. Die Kriminalliteratur hat durch den tragischen Betriebsunfall noch in ihrer Entstehungsphase einen im Genre nicht vorgesehenen Sonderfall hervorgebracht: das absolute Mysterium.
CharlesDickens: „Das Geheimnis des Edwin Drood“. Fortgeschrieben von Ulrike Leonhardt. (Aus dem Englischen von Burkhart Kroeber).Manesse, 768 Seiten, 24,95 Euro.
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