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Unser Zeitalter als enthemmte Orgie ohne Grenzen
Osnabrück. DBC Pierre gehört seit seinem mit dem Booker-Price 2003 ausgezeichneten Debüt „Jesus von Texas“ zu den originellsten und kraftvollsten Stimmen der anglo-amerikanischen Literatur. Seine Romane spiegeln dabei auch sein abenteuerliches Leben wider, das ihn in tiefste Abgründe der Selbstzerstörung, Verschuldung und Kriminalität geführt hatte.
Am Schopf der Literatur zog er sich daraus heraus und legt mit „Das Buch Gabriel“ nun den Abschluss einer lockeren Trilogie vor, die unser Zeitalter als Endzeit beschreibt.
Am Ende seiner Zeit ist auch Pierres Protagonist Gabriel Brockwell, ein schlechter Student und abgebrochener Dichter, angelangt: „Von den vielen Dingen, die ich hätte sein, tun und haben sollen, bin, tue und habe ich exakt null Komma nichts.“ Er beschließt, sich umzubringen – nicht sofort, sondern nachdem er das Leben in diesem Schwebezustand zwischen Sein und Nichtsein noch einmal bis zur Neige ausgekostet hat. Ziel ist es, seine letzten Stunden „zu einer perfekten Miniaturausgabe des Zeitalters [zu] machen, das ich hinter mir lasse“.
Gabriels Weg führt dabei zunächst von London nach Tokio, wo sein alter Freund Smuts als Spitzenkoch in einem Edelrestaurant arbeitet, dessen Spezialität hochgiftiger Kugelfisch ist. Neben diesem „kleinen Kuss des Todes“ gibt in diesem Reich der extrem gesteigerten Sinneswahrnehmungen auch ein geradezu mythischer Rotwein „einen kleinen Geschmack der Ewigkeit“.
Die Tokio-Episode wird zu einer Lobpreisung des Rausches in allen seinen Facetten und führt dazu, dass Smuts wegen Mordes im Gefängnis landet und Gabriel nach Berlin flieht, wo er Hilfe beim mächtigen „Basken“ zu finden hofft. Auch hier geht die rauschhafte Party zwischen der durch LSD zu einem nächtlichen Picknickort verwandelten Topografie des Grauens und der Feinkost-Abteilung des KDW weiter. Gabriel wird zum Türöffner für ein ultimatives Bankett in den unendlichen Katakomben des kurz vor seiner Schließung stehenden Flughafens Tempelhof. Alles dreht sich hier darum, den Reichsten der Reichen jenseits der Grenzen des Möglichen Dinge anzubieten, die man sich nicht kaufen kann: „Das wahrhaft Auserlesene muss schockieren und absurde Proportionen haben.“ Das Bankett wird zum Fanal, zu einer Orgie der Extravaganz und Perversion – bis eine unerwartete Wendung eintritt und Gabriel auf den rechten Weg findet.
Wie gewohnt gibt DBC Pierre auch in seinem neuen Roman zwischen schwarzer Groteske und anklagendem Sarkasmus literarisches Vollgas und lässt seiner ausschweifenden Fantasie freien Lauf. „Das Buch Gabriel“ wird dabei auch zu einer nicht unbedingt tiefschürfenden, aber ungeheuer kurzweiligen Allegorie unseres Zeitalters – eines Zeitalters, das sich hier als eines des ungehemmten Profits und des Shoppings, der Dekadenz und einer barocken Sinnes- und Fleischeslust ohne Grenzen zeigt.
DBC Pierre: „Das BuchGabriel“. Aus dem Englischen: Kirsten Riesselmann. Eichborn, 380 S.; 19,90 Euro
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