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Wasser, Wort und menschliches Wesen
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Autor: Daniel Benedict 05. Januar 2012 18:15 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Atemberaubend: Craig Thompsons Comic „Habibi“ fühlt sich in die arabische Kultur ein

Wasser, Wort und menschliches Wesen

Osnabrück. Wer im Laden auf Craig Thompsons ziegelsteinschweren Band „Habibi“ stößt, rätselt: Ist das mit Gold-Ornamenten geschmückte Buch eine Märchensammlung? Zieren die Arabesken eine islamische Schrift? Beides ist nicht ganz falsch, aber zuallererst ist das fast 700 Seiten fassende Prachtstück – ein Comic! Acht Jahre sind seit Thompsons Graphic Novel „Blankets“ vergangen.

 
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Die Coming-of-Age-Geschichte von damals schilderte das fundamentalchristliche Milieu des Mittleren Westens. Mit „Habibi“ dringt der Zeichner und Autor nun in einen neuen Kulturkreis vor: Der 36-Jährige erzählt eine zwischen Gegenwart und Vergangenheit changierende Abenteuergeschichte aus dem Morgenland: Zwei Sklavenkinder, das arabische Mädchen Dodola und der neun Jahre jüngere, schwarze Zam, fliehen vor ihren Herren in die Wüste. In dem surrealen Unterschlupf eines gestrandeten Schiffs hausen sie in glücklicher Zweisamkeit – bis das Mädchen in einen Harem verschleppt wird und der Junge bei bettelnden Eunuchen unterkommt. Verfolgungsjagden, exotische Kulissen, Schmerz, Entsagung und Gewalt: Oberflächlich funktioniert „Habibi“ tatsächlich wie ein überbordender Kolportage-Roman. Gleichzeitig ist das Buch aber ungeheuer viel mehr.

Alles, was schon in „Blankets“ angelegt war, entwickelt Thompson radikal weiter: zuallererst das Thema Religion. Sein letztes Buch diskutierte die repressiven Tendenzen im amerikanischen Christentum – auf hohem theologischen Niveau, etwa unter Heranziehung des alttestamentarischen Buchs Kohelet. Inzwischen hat der Autor sich den islamischen Kulturkreis erarbeitet, sodass er „Habibi“ immer wieder zur Synopsis von Koran und Bibel macht. Geschichten wie die Noahs oder die des abrahamitischen Opfers, die in beiden Büchern auftauchen, lässt er von seinen Helden nacherzählen – wobei er beide Varianten einfach nebeneinanderstellt. Der Empörungsgestus von „Blankets“ weicht dabei einer entschiedenen Versöhnungsgeste, die der Autor selbst als Reaktion auf die Islamfeindlichkeit nach 9/11 begreift.

Die Annäherung an die fremde Kultur prägt das ganze Buch. Den ornamentalen Formenreichtum der arabischen Kunst macht Thompson zum Vorbild der Comic-Struktur, wenn er einzelne Bildkästchen in den exotischen Mustern anordnet. Dabei taugt das Comic als profunde Einführung in die arabische Schrift und Zahlenmystik: Über die Alphabetisierung seiner Hauptfigur thematisiert Thompson die Kunst der Kalligrafie – und findet in ihrer Einheit von Wort und Abbild sogar eine direkte Verbindungslinie zu seinem Comic-Handwerk.

In „Blankets“ machte der Autor Schneeflocken zum Leitmotiv, nun ist es das Bild von tropfenden und strömenden Flüssigkeiten. Als Blut und Tinte, als Bachlauf und als fließende Handschrift sind sie allgegenwärtig. Wasser, Wort und das menschliche Wesen werden so zu einer poetischen Einheit verschmolzen. Und auch dieses die Kulturen überspannende Buch hat Raum für die privatesten Themen: Wieder führt der Autor auch hier einen Diskurs über sein Problemfeld Schuld und Sexualität – das in den Hauptfiguren archetypisch personalisiert wird: in der Hure und dem Eunuchen.

Abenteuerroman, Liebesgeschichte, Kulturstudie, Essay, Gedicht: Dieses verblüffende Comic ist alles zugleich.

CraigThompson: „Habibi“.Reprodukt Verlag.672 Seiten,39 Euro.

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