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Chefermittler im Universum der Bücher und Zeichen
Osnabrück. Der Mörder ist immer der Bibliothekar: Mitten in der lichterloh brennenden Bibliothek einer labyrinthisch verschachtelten Benediktinerabtei dämmert William von Baskerville diese fatale Wahrheit. In seinem acht Millionen Mal verkauften Welterfolg „Der Name der Rose“ (1980) inszeniert Umberto Eco eine raffiniert konstruierte Mörderjagd als Weg in die Welt der Bücher. Sie halten Aufklärung bereit und ebnen doch mörderischem Treiben den Weg: Weil er einen verbotenen Text um den Preis der ansonsten verlorenen Autorität Gottes verbergen muss, wird der blinde Jorge von Burgos zum Giftmischer.
Wer die Texte hütet, hat die Macht. Wer die in Büchern aufbewahrten Fiktionen zu deuten und neu zu kombinieren versteht, setzt Geschichten in Gang, die die Wirklichkeit verändern. Ecos Romanhelden sind folgerichtig Ermittler und Gelehrter („Der Name der Rose“), Textdeuter und Verschwörungstheoretiker („Das Foucaultsche Pendel“, 1988), Lügner und Fabulierer („Baudolino“, 2000) oder wie in seinem jüngsten Buch „Der Friedhof von Prag“ Geschichtenmanipulator und Geheimagent. Mit seinen hinreißend erzählten und komplex verwobenen Romanen hat Eco, der bis 2007 an der Universität Bologna wirkte, nicht einfach Wissenschaft popularisiert, sondern sich selbst vom Deuter der Texte und Zeichen zum Akteur in ihren Netzwerken emanzipiert. Eco fasziniert damit als Idealfall des kulturell hyperkompetenten Individuums in postmodernen, also komplizierten Zeiten: ein Glücksfall der Intellektualität. Der heute vor 80 Jahren im italienischen Alessandria geborene Umberto Eco brilliert seit Jahrzehnten in all seinen Karrieren als Kulturredakteur, Verlagslektor, Universitätsprofessor, Zeitungskolumnist und Romanautor. Unerbittlich und scharfsinnig wie sein Romanheld von Baskerville kämpfte Umberto Eco natürlich auch gegen Silvio Berlusconi und dessen Politik der konsequenten medial vermittelten Massenverdummung.
Mit dem koketten Bekenntnis, die Gegenwart nur aus dem Fernsehen, das Mittelalter hingegen aus erster Hand zu kennen, entsprach Eco in seiner „Nachschrift zum Namen der Rose“ (1983) nicht nur dem postmodernen Trend, Vergangenheit ironisch gebrochen neu zu befragen. Umberto Eco öffnete einer weiteren Öffentlichkeit den Blick dafür, dass Kulturgeschichte auch über die weiten Distanzen zwischen mittelalterlichem Kodex und Internet in produktiven Zusammenhängen gedacht werden kann.
Das analytische Instrumentarium für eine in unterhaltsamer Romanform verpackte Kulturkombinatorik legte sich Eco in wissenschaftlichen Werken zurecht, die selbst zu Klassikern geworden sind. Kunstwerke sind keine abgeschlossenen Denkmäler, sondern offene, auf Dialog eingestellte Gebilde, die nach Antwort und Fortsetzung verlangen („Das offene Kunstwerk“, 1962). Und: Alles im kulturellen Raum ist Zeichen und deshalb offen für innovative Deutung („Einführung in die Semiotik“, 1972). Umberto Eco gewann mit dieser Perspektive einen Blick, der die Klosterhandschrift und die TV-Werbung in gleicher Weise als Dokument der Kultur versteht.
In seinem Roman „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ (2004) bezog Umberto Eco Alltagskultur auf Italiens Faschismus und eigene Kindheitserinnerungen. Das Resultat: diebrillante Analyse der Mentalität einer ganzen Generation, aufgemacht als spannend erzähltes und reichhaltig illustriertes Bilder-Buch. Nicht nur seit diesem Werk wissen wir: Der größteDatenrechner ist die Buch- und Bilderkultur des alten Europa. Und Umberto Eco einer ihrer genialsten Programmierer. Felicitatione, dottore!
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