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Als Einzelne im Staat der Kollektive
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Autor: Oliver Schmidt 01. Dezember 2011 17:54 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Eine der prägenden Figuren der deutschen Literatur ist tot: Christa Wolf stirbt im Alter von 82 Jahren

Als Einzelne im Staat der Kollektive

Osnabrück. Es ist erst wenige Wochen her, da zeigte sich Christa Wolf in einem Interview als Kapitalismuskritikerin, die mit scharfer Zunge einen ungezügelten, das Individuum bedrohenden Neoliberalismus geißelte. Gestern ist die Schriftstellerin im Alter von 82 Jahren in Berlin ihrer schweren Krankheit erlegen. Gelitten an den Bedrohungen des Individuums indes hatte sie ihr Leben lang.

 
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Christa Wolf auf der einen Seite und die DDR auf der anderen: Wie kann ein einzelner Lebensentwurf gelingen – in einer Gesellschaftsform, die sich über das Kollektiv definiert? Mit dieser Frage könnte man sowohl das Leben der Autorin überschreiben als auch ihr Werk, Antworten darauf ließen sich für Christa Wolf nicht allein im Denken finden, sondern ebenso im alltäglich zu bewältigenden Dasein.

Mehr noch als Wolfs so unaufgeregt dahinfließende Prosa, die sie für westdeutsche Schulklassen als Pflichtlektüre tauglich erscheinen ließ, bildete diese Darstellung des Alltäglichen in einer Diktatur das Reizvolle ihrer Bücher. Große Politik konnte sich darin trefflich widerspiegeln, das Individuum daran zerbrechen, das Unmenschliche des Regimes jenseits der Elbe in Oberstufenseminararbeiten herunterdekliniert werden. Vielfach übersehen wurde dabei, dass Wolf sich diese Fragen selbst aufgab, auch wenn sie die Antworten bis an ihr Lebensende nicht befriedigen konnten.

Vielleicht lässt sich die Ursache für ein solch bohrendes Nachdenken über den ewigen Widerspruch der Verwirklichung des Einzelnen in einer Gemeinschaft nur biografisch erklären. Geboren 1929 im polnischen Landsberg, kam Wolf nach Kriegsende in die soeben gegründete DDR, studierte Germanistik und schrieb ihren ersten Roman, eine noch recht konventionell klingende Liebesgeschichte. Vierzig Jahre, bis 1989, blieb sie Mitglied der SED. Als in Berlin bereits erste Risse die Mauer durchzogen, glaubte sie noch, dass es möglich sein müsse, dem Sozialismus eine Mensch und Gesellschaft versöhnende Gestalt zu geben. Dass dies keiner Parteidisziplin geschuldet war, die im Wandel die einzige Chance des Überlebens sah, wird jeder zugestehen, der sich erinnert, wie auch Christa Wolf ihre Stimme gegen die Ausbürgerung Biermanns erhob.

Auch wenn die DDR unterging, im Denken Christa Wolfs überlebte sie. In ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Buch nahm sie ihre Haltung zum Regime wieder unter die Lupe. Doch nun war das selbstmitleidige Betrachten der eigenen Person einer kritischeren Haltung gewichen. Die Phantomschmerzen über das Verschwinden des so lange mitgetragenen Staates? Immer noch nicht gänzlich vergangen, aber weniger spürbar vielleicht. Die vielfach ausgezeichnete Autorin hatte sich dem rauen Wind der Diskussionsfreiheit, die ihre IM-Spitzeltätigkeit ebenso hinterfragte wie Günter Grass’ Waffen-SS-Mitgliedschaft, angepasst.

Bei einem solchen Leben lässt sich das Schriftstellerische vom Politischen kaum trennen, berührt auch das politische Denken die literarische Aussage. Bücher wie „Der geteilte Himmel“, „Nachdenken über Christa T.“ oder „Kindheitsmuster“ zeigen die alltäglichen Auswirkungen der deutsch-deutschen Realpolitik, ohne dass Wolf ihre Figuren stellvertretend in den Widerstand gegen die Diktatur geschickt hätte. Das könnte man nun der Autorin vorwerfen, und es ist auch geschehen.

Gegen einen solchen moralischen Nachwende-Rigorismus hat sich Christa Wolf immer gewehrt. Da war die Haut über die Jahre nicht dünner geworden, sie war es von Beginn an. Insofern kann man es vielleicht auch als Fluchtversuche deuten, dass sie, wenn gar nichts mehr half, ihre Romane in eine andere Epoche auslagerte, antike Orte in Hellas wählte und ihre Figuren nun nicht mehr Christa nennen wollte, sondern Medea oder Kassandra.

Wie auch immer. Was von dieser Schriftstellerin neben dem literarischen Gehalt ihrer Bücher bleibt, ist auch der hohe moralische Anspruch. Gerade weil sie selbst wusste, ihm nicht immer standgehalten zu haben, schien es den Versuch doch allemal wert.

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