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Die tödliche Verzögerung
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Autor: Harald Loch 21. November 2011 16:34 Uhr

Die letzten Monate des Weltkriegs waren die verlustreichsten – Ian Kershaw schildert ihre Geschichte

Die tödliche Verzögerung

Berlin. Die Zeit zwischen dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 und der bedingungslosen Kapitulation am 8./9. Mai 1945 war die mörderischste und in jeder Hinsicht verlustreichste Periode des Zweiten Weltkriegs in Europa. Hitler-Biograf Ian Kershaw fragt nach den Hintergründen der tödlichen Verzögerung des längst absehbaren Kriegsausgangs.

 
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Dresden nach den Bomben: Im Zweiten Weltkrieg fiel ein enormer Teil der Zerstörungen in die Schlussphase, in der das Hitler-Reich bereits chancenlos war. Der Historiker Ian Kershaw untersucht, warum die Kapitulation nicht früher erfolgte. Foto: epd

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Der Krieg war für Deutschland längst verloren, als noch Millionen Soldaten und Hunderttausende Zivilisten in den sinnlosen Abwehrschlachten, unter den Bombentrümmern und auf den Todesmärschen von einem KZ ins andere umkamen. Ganze Städte versanken erst in Schutt und Asche, als der Krieg längst entschieden war. Warum kämpften die Deutschen bis zu diesem über viele Monate hinausgeschobenen Ende und wie konnten sie trotz aller Verluste an Menschen und Material, an Rüstungsmitteln und Infrastruktur so lange weitermachen? Dieser Frage geht der als Hitler-Biograf weltweit anerkannte englische Historiker Ian Kershaw in seiner neuen Arbeit „Das Ende“ nach.

Die Partei übernimmt

Das chronologisch aufgebaute Buch behandelt die militärgeschichtlichen Ereignisse nur, soweit sie für die Beantwortung der zentralen Frage von Bedeutung sind: Warum hat das längst besiegte Land nicht früher Kapitulationsverhandlungen angestrebt und damit die gigantischen Verluste vermieden? Eine erste Antwort wird immer lauten: weil Hitler es nicht wollte. Im Verlaufe seiner auch auf bislang weniger beachtete Quellen gestützten Untersuchung beschreibt Kershaw, wie sich nach dem 20. Juli die gesamte Organisations- und Befehlsstruktur immer stärker auf die NSDAP verlagerte, der militärischen Führung nur noch stark von der Partei kontrollierte ausführende Funktionen blieben, die Regierung und der nachgeordnete Beamtenapparat zu einem Instrument der Partei, alle regionalen Entscheidungen ziviler und auch militärischer Art auf die Gauleiter der NSDAP verlagert wurden. Dabei spielte der engste Führungskreis eine dominierende Rolle: Bormann als Leiter der Parteikanzlei, Goebbels als Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung sowie in der entscheidenden Phase als Reichsbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz, Himmler als Reichsführer SS, Generalbevollmächtigter für die Reichsverwaltung und Befehlshaber des Ersatzheeres und schließlich Albert Speer als Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion. Kershaw beschreibt, wie sich diese von der „charismatischen Macht“ Hitlers abgeleiteten Machtzentralen der zweiten Ebene gegenseitig belauerten und auch behinderten. Sie waren für eine bis zum Schluss funktionierende Organisation ebenso verantwortlich wie für vermeidbares Chaos, das Ian Kershaw als typisch für den NS-Staat herausstellt.

Von hier aus wurden die Entscheidungen nach unten durchgepeitscht, von hier gingen die Anweisungen an eine zunehmend zweifelnde, aber staatstreue Beamtenschaft und an die Truppenführer, die den Unsinn der Befehle zwar erkannten, sich aber dem Hitler geschworenen Treueeid verpflichtet fühlten. Die Bevölkerung und auch die einfachen Soldaten machten aus Angst vor dem immer mehr verstärkten Terror der Partei, aus lange eingeübtem Gehorsam gegenüber der Obrigkeit und aus Gewohnheit immer weiter mit. Sie zweifelten zwar zunehmend auch an Hitler, sodass Kershaw von dessen „charismatischer Herrschaft ohne Charisma“ für diese Schlussphase spricht, rebellierten aber nicht – mit einer Ausnahme in Köln. Das gespenstische Ende der von Hitler noch vor seinem Selbstmord eingesetzten Regierung Dönitz in Flensburg wirkt nach dem unsäglichen Leid in den letzten Kriegswochen nur noch frech und komisch. Fast so etwas wie Bewunderung zollt der Autor der unglaublichen Organisations- und Improvisationskraft von Albert Speer, der trotz aller Zerstörungen in der Rüstungsproduktion immer neue Höchstleistungen erzwang und damit ein Hauptverantwortlicher für die Opfer in dieser Verzögerung des Kriegsendes war. Die Perspektive der Alliierten gewinnt in Kershaws Darstellung nur dann Bedeutung, wenn er auch hier Fehler in strategischen Entscheidungen findet, die eine mögliche schnellere Entscheidung verhinderten.

Furchtbare Anekdoten

Kershaw hat für dieses brutalste Kapitel der Naziherrschaft eine narrative Historiografie gewählt. Es geht gar nicht ohne erzählende Passagen, in denen der Autor Einzelfälle und furchtbare Anekdoten, Tagebucheintragungen und auch die in letzter Zeit veröffentlichten Abhörprotokolle deutscher Soldaten in britischer Kriegsgefangenschaft zitiert. Sie dienen als Beleg für die fiktional erscheinende Wirklichkeit und ermöglichen, das Irrationale der staatlichen Apokalypse des Deutschen Reiches irgendwie glaubwürdig darzustellen.

Ausgewählte Fotografien zeigen die „Köpfe“ des Quadrumvirats der NS-Größen, einiger Gauleiter und kommandierender Offiziere. Eindrucksvoller sind die Bilder vom Elend der Menschen und der Zerstörung der Städte wie Dresden, Aachen oder Nürnberg und vor allem das letzte, nach Kriegsende aufgenommene Foto des bewusst klein gehaltenen Bildteils mit der Unterschrift: „Das Ende: Von einer Turmspitze des Freiburger Münsters blickt ein Engel auf das Erbe der Zerstörung, die der Krieg hinterlassen hat.“

Ian

Kershaw: „Das Ende. Kampf bis in den Untergang.“. DVA, 704 Seiten, 29,99 Euro

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