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Das verlorene Paradies der Kindheit
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Autor: Maike Nitsche 08. November 2011 14:05 Uhr

Autobiografisches Werk: Wie der Chemiker Rafik Schami zum Erzähler wurde

Das verlorene Paradies der Kindheit

Osnabrück. Im Frühjahr 1953 schlendert ein Siebenjähriger mit seinem Großvater durch die Altstadt von Damaskus und lernt auf dem Flohmarkt eine Lektion für das Leben: Eine Frau will ihren alten Mann verkaufen, der sich zwar mit Pferden auskennt, aber seiner Frau gegenüber den Mund nicht aufmacht.

 
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Rafik Schami Foto: dpa

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Einen Mann, der den ganzen Tag schweigt, mögen die Frauen nicht, lautet die Botschaft dieser Begegnung, die in dem Jungen eine wegweisende Entscheidung reifen lässt: „An diesem Tag fasste ich den geheimen Vorsatz, Frauen immer Geschichten zu erzählen, damit sie mich nicht verkaufen.“ Charmant erläutert Rafik Schami mit dieser Episode zu Beginn seines aktuellen Buches seine Motivation, Erzähler zu werden, und betrachtet im Folgenden weitere Begleiter seines Werdeganges: Ein stets zu Spielen und Flunkereien aufgelegter Großvater, eine schlagfertige Mutter, die vom Rundfunk ausgestrahlten Geschichten der Scheherezade und die arabischen Gassen als Schule des mündlichen Erzählens wirken so nachhaltig, dass der promovierte Chemiker Rafik Schami, der seit 1971 in Deutschland lebt, Jahre später seine sichere und gut bezahlte Stelle bei einem Weltkonzern aufgibt und den unsicheren Beruf des Erzählers in einer fremden Sprache ergreift.

Das vom Verlag als „persönlichstes Buch“ des Autors deklarierte Werk unterhält die Leser auf gewohnt intelligente, warmherzige Art in den Szenen, die vom Zauber der mündlich erzählten Geschichten leben, und begeistert in den amüsanten Konversationen mit dem vom Autor verehrten Gestalten Don Quijote und Sancho Panza. Unterbrochen werden die wunderbaren Erinnerungen rund um das verlorene Paradies der Kindheit allerdings durch Kulturgeschichtliches über Murmeln, belehrende Ausführungen über Märchen und über Unterschiede zwischen dem mündlichen und schriftlichen Erzählen. Leider kommt es auch zu ärgerlichen Wiederholungen, wenn es um die Macht der Scheherezade geht: Erzählen gleicht dem Leben und Schweigen dem Tod. Diese Erkenntnis taucht sieben Seiten später wieder auf. Bei allem Respekt vor dem wissenschaftlichen Zusammentragen einiger Fakten sehnt sich der Leser von Schamis Romanen und vor allem der Zuhörer seiner hinreißenden Lesungen, die eigentlich keine Lesungen im traditionellen Sinne sind, sondern die er Erzählzeit, Ohrfilme, poetische Spaziergänge nennt, nach weiteren Geschichten, die das verlorene Paradies der Kindheit zurückbringen.

Rafik Schami: „Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“. Carl Hanser Verlag. 176 Seiten, 17,90 Euro

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