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Ungewöhnliche Liebe hinter der Grenze
Osnabrück. Ihr Körper ist voller Liebesmale, als Maria mitten in der Nacht nach Hause kommt und sich neben Johannes legt. Sie mag nicht duschen. Denn wie sie und Henner sich eben geliebt haben, das kann sie nicht vergessen. Zwischen Verlangen und schlechtem Gewissen pendelt der Roman von Daniela Krien, der im letzten Sommer der DDR spielt.
Juni 1990. Die 16-jährige Maria lebt mit ihrem Freund Johannes auf dem Hof seiner Eltern, irgendwo an der Grenze zu Bayern. Am liebsten zieht sie sich mit einem Buch in ihr Dachzimmer oder in die Natur zurück und versinkt in der Welt der Brüder Karamasow. Auf dem Hof hilft Maria kaum, in die Schule geht sie so gut wie nie. Zuerst mit einer zufälligen Geste, dann mit einer Berührung wird sie auf den 40-jährigen Henner aufmerksam und stürzt in diese Liebe. „Du darfst mit mir machen, was du willst“, sagt sie und wird fiebrig davon.
Mit dem Erstaunen eines Kindes und zugleich mit der Lust einer erwachsenen Frau, voller Hingabe lässt sie sich auf einen Mann ein, der im Dorf als Sonderling gilt, als unnahbar, der aber ein Charisma hat, das einige Frauen nervös werden lässt.
Krien versteht es, mit wenigen Worten Atmosphäre zu schaffen, denn ihre Sprache ist bei aller Schlichtheit voller Strahlkraft und Intensität. Die knapp 240 Seiten lesen sich wie das Tagebuch einer jungen Frau, einer intelligenten, genau beobachtenden jedoch allemal, die zwischen größtem Genuss, Scham, Abgrenzung und Hingabe pendelt. Und so schreibt sie über die Zeit mit Henner: „Noch nie habe ich so wenig gebraucht und so sehr mir selbst genügt wie an den Tagen mit ihm. Essen, schlafen, lieben, lesen, arbeiten. Mehr ist es nicht. Und es ist doch alles.“ Wenig später sitzt Maria einsam zwischen Johannes und seiner Familie am Küchentisch.
„Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ ist Daniela Kriens erster Roman, dessen Rohfassung sie innerhalb von fast drei Wochen niedergeschrieben hat. Die Autorin, Jahrgang 1975, ist selbst in der DDR groß geworden, kurze Zeit in Jena, später in einem Dorf im Vogtland.
Dort wird sie das erlebt haben, womit sie im Buch Atmosphäre schafft: Die sommerliche Hitze auf der Haut, die von Mücken und Heu zerpiksten Beine, die Spinnen im Dachzimmer, die Dunkelheit in der Bauernküche, die Blicke der anderen. Im Alter ihrer Ich-Erzählerin hat Krien die Wendezeit erlebt. Und auch hier gelingt es ihr, das Gefühl zu vermitteln, die noch nicht abgeschaffte Grenze zu überschreiten und unter all den versierten Café-Besuchern des Westens das erste Mal einen Cappuccino zu bestellen. Mit Leichtigkeit schreibt sie von der Euphorie und den Begehrlichkeiten, die die Wendezeit in vielen Menschen der DDR weckt.
Jeder der Figuren hat das System einen Stempel aufgedrückt, der lange Spuren hinterlässt. Zum Beispiel, wenn sich im Bad der Bäuerin plötzlich Tiegel und Tuben finden und ihrem Mann das nicht passt. Maria ficht das alles nicht an. Die Liebe zu Henner stellt ihre Welt ohnehin auf den Kopf. Das erzählt Krien ohne Scheu vor großen Gefühlen, voller Selbstverständlichkeit. Ihre Erzählweise erzeugt bis zum letzten Buchstaben einen besonderen Sog.
Daniela Krien: „Irgendwann werden wir uns alles erzählen.“ Erschienen im Graf Verlag, München. 236 Seiten, 14,99 Euro
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