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Die Chance auf einen natürlichen Tod steigt
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Autor: Harald Loch 01. November 2011 16:13 Uhr

Menschheitsgeschichte im Zeichen sinkender Gewalt – Sachbuch des Psychologen Steven Pinker

Die Chance auf einen natürlichen Tod steigt

Berlin. Die „gefühlte“ Gewalt nimmt zu. Gerade deshalb wirkt die Kernaussage von Steven Pinkers monumentaler Menschheitsgeschichte der Gewalt spektakulär: Im Laufe der Entwicklung über Jahrtausende hat die Gewalt erheblich abgenommen. Die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, sinkt.

 
Selbst Stalingrad ändert nichts am Befund des Psychologen: Für Steven Pinker ist die Menschheitsgeschichte von abnehmender Gewalt geprägt. Foto: AP  Vergrößern

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Das sei messbar, habe benennbare Ursachen und halte wissenschaftlichen Nachprüfungen stand, schreibt der amerikanische Psychologe in seinem mit Fakten prall gefüllten Werk. Sein Ergebnis entwickelt er auf drei Säulen: Ein bis in die prähistorische Zeit zurückreichender statistischer Teil nennt Zahlen und Proportionen. Ein historisch-kulturgeschichtlicher Teil passt das Zahlenwerk in die geschichtliche Entwicklung ein und begründet sie aus der Sicht von Philosophie und der Soziologie. Der anthropologisch-psychologische Schlussteil bemüht moderne Erkenntnisse der Neurowissenschaften, um die Natur des Menschen im Lichte der insgesamt guten Entwicklung zu erläutern.

Kain verdirbt die Quote

Die Beweisführung der über die Jahrtausende abnehmenden Gewalt gelingt mithilfe statistischer Methoden. Am Anfang steht ein Dilemma: Misst man in absoluten oder in relativen Zahlen? „Mit dieser Entscheidung stehen wir vor der unlösbaren moralischen Frage, ob es schlimmer ist, 50 Prozent einer Bevölkerung von 100 Personen zu töten oder ein Prozent einer Bevölkerung von einer Milliarde.“ Für Pinker zählt die relative Zahl; seine Leitfrage: „Angenommen, ich gehöre zu den Menschen, die in einer bestimmten Zeit leben: Wie groß ist dann die Chance, dass ich einer Gewalttat zum Opfer falle?“ Als Kain seinen Bruder Abel erschlug, lebten außer den Brüdern nur ihre Eltern Adam und Eva auf der Welt. Die Mordquote von 25 Prozent ist später nie wieder erreicht worden. Zu einer signifikanten Abnahme sowohl der Todesfälle durch Mord als auch durch Krieg führte die Bildung von Staaten, die die Ausübung von Gewalt monopolisierten. Die Wahrscheinlichkeit, in einer prähistorischen Gesellschaft im Krieg zu sterben, betrug bis zu 60 Prozent. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lag sie in Europa „nur“ bei etwa 3 Prozent. Die Zahlenbeispiele, von teilweise kontrovers diskutierten Arbeiten anderer Wissenschaftler übernommen, werden bis in die Gegenwart fortgeführt. Über hundert Abbildungen, Tabellen und Diagramme sind am Schluss mit Quellenangabe dokumentiert.

In den analytischen Teilen seines Buches folgt Pinker dem Soziologen Norbert Elias, der den „Prozess der Zivilisation“ beschrieben hat, und den anderen Aufklärern, die eine „humanitäre Revolution“ ausgelöst hätten. Die Zivilisation habe das Austragen von Streitigkeiten den Gerichten zugewiesen, die Aufklärung habe die Würde und die gleichen Rechte aller Menschen immer besser durchgesetzt. Die Abschaffung von Sklaverei, Folter und in vielen Ländern auch der Todesstrafe ist Teil der Erfolgsgeschichte. Im historischen Teil seiner Arbeit untersucht Pinker Ausmaß und Ursachen von Kriegen. Sie wurden teils durch materialistische, territoriale Forderungen, teils durch ideologische, religiöse Differenzen ausgelöst. Verletzte Ehre von Herrschern, Nationalismus und andere irrationale Faktoren hätten die Opferquoten vergangener Jahrhunderte in die Höhe getrieben.

Zahlenmaterial unterfüttert auch Pinkers Aussagen zur Abnahme der Mordquote einzelner Länder und die Diskussion unterschiedlicher Gewaltszenarien in den Staaten der USA. Auch Daten zur Gewalt gegen Kinder und Frauen werden diskutiert. Pinker ist kein Historiker und setzt seine Geschichte der Menschheit aus Versatzstücken der Literatur zusammen – überwiegend der amerikanischen. Im Literaturverzeichnis taucht Winklers „Geschichte des Westens“ nicht auf, ebenso wenig wie Osterhammels Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts oder Burkes „Geschichte der Renaissance“. Wer auf solche Standardwerke verzichtet, erfindet die Geschichte zwar neu, aber auf einem überholten Niveau.

Sonderfall Hitler

Sonderfälle wie den Nationalsozialismus führt Pinker ausschließlich auf Einzelpersonen (Hitler) zurück. Er wagt auch den Ausblick auf eine Weltgesellschaft, in der sich Kants kategorischer Imperativ als moralisches Vernunftkriterium auch im politischen Handeln durchsetzt. Der „Natur des Menschen“ geht er in langen Kapiteln nach, spürt dessen „innere Dämonen“ auf und findet „bessere Engel“. Hier in seinem Spezialgebiet verknüpft Pinker modern die Erkenntnisse von Philosophie, Psychologie und Neurowissenschaften mit einem historischen Befund, der in seiner Grundaussage stimmen dürfte, dessen Ableitung aus der Geschichte aber nicht glücklich erfolgt.

Steven Pinker: „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“. S. Fischer, 1212 Seiten, 26 Euro.

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