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Kalt, kälter, Käthe
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Autor: Elke Schröder 25. Oktober 2011 20:54 Uhr  Mehr Artikel von dieser Autorin

„Rücken an Rücken“: Julia Francks erster Roman nach dem Deutschen Buchpreis

Kalt, kälter, Käthe

Osnabrück. „Rücken an Rücken“ ist Julia Francks erster Roman nach dem Gewinn des Deutschen Buchpreises 2007 für „Die Mittagsfrau“. Ein ergreifendes, erdrückendes und enttäuschendes Buch zugleich.

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Das Rabenmutter-Thema, das eng mit der eigenen Familiengeschichte verknüpft ist, lässt Julia Franck nicht los: In „Die Mittagsfrau“ setzte 1945 eine Frau ihren siebenjährigen Sohn auf einem Bahnhof aus. Das war die Geschichte ihres Vaters. „Rücken an Rücken“ beginnt damit, dass im Ost-Berlin der späten 50er-Jahre die Bildhauerin Käthe die etwa zehnjährigen Kinder Thomas und Ella zwei Wochen unbeaufsichtigt im Haus allein lässt, um im Steinbruch zu arbeiten. Dass sie die leibliche Mutter der beiden ist, erfährt man erst in der Mitte des Romans, als sie das erste Mal als Mutter bezeichnet wird. Ansonsten ist sie nur Käthe, die unbarmherzig gegenüber ihren Kinder ist, zu denen auch ein Zwillingspaar gehört, das sie bei Pflegeeltern untergebracht hat. Anderseits ist sie, die Professorentochter, die unter den Nazis als Jüdin den Mann ihrer Kinder nicht heiraten durfte, entflammt für die Idee eines neuen, gerechteren Deutschlands. Für diese Geschichte ließ sich Franck, Jahrgang 1970, von der Biografie ihrer Mutter, ihres Onkels und ihrer Großmutter, der DDR-Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, inspirieren.

Thomas und Ella kämpfen trotz inniger Verbundenheit weitgehend jeder für sich an mehreren Fronten: Ungeschützt sind sie sexuellem und politischem Missbrauch innerhalb und außerhalb des Hauses ausgesetzt.

Kalt, kälter, Käthe: Eine Familie mit bürgerlichem Hintergrund muss im im Aufbau befindlichen Arbeiter- und Bauernstaat zurückstecken, verordnet Käthe, zugunsten einer radikalen Gleichmacherei. So soll sich der künstlerisch begabte 17-jährige Thomas zunächst als Arbeiter im Steinbruch beweisen – wo er von seinen Kollegen brutal schikaniert wird – bevor er ans Studieren denken kann. Andererseits nimmt Käthe einen Stasi-Mitarbeiter als Untermieter auf, um an eine Heizung zu kommen.

Die Geschwister hadern mit ihrem Schicksal, der Leser sehr schnell mit dem Roman, der abwechselnd aus der Perspektive von Thomas und Ella erzählt wird: Die stilistische Qualität schwankt fast so heftig wie die Gefühlswelt der pubertierenden Geschwister. Sprachlich tritt Franck oft auf der Stelle oder bildlich manchmal auch daneben.

Helfende Hände im Umfeld der Geschwister sind nur in zarten Umrissen erkennbar. Die Welt von Thomas und Ella ist eng, kalt, dunkel, gefährlich – auch, als für Thomas mit Marie die erste Liebe ins Spiel kommt. Wird das Geschehen aus Thomas’ Sicht geschildert, so baut Julia Franck zunehmend seine Gedichtzeilen in den Text ein. Sie scheint diesem Erzählton nacheifern zu wollen, mit dem Effekt, dass sich Pathos unangenehm untermischt. Die Autorin arbeitet hier die Gedichte ihres Onkels Gottlieb Friedrich Franck (1944– 1962) ein. Anfangs wirken diese eher unbeholfen, gewinnen aber am Ende, als Thomas seinen – fatalen – Ausweg zur Freiheit erkennt. Das romantisch überhöhte, tragische Ende ein Jahr nach dem Bau der Mauer trübt dann wieder diesen Eindruck.

Julia Franck erzählt dort am besten, wo es an die Schmerzgrenzen geht: als Ella fast erfriert, nachdem die Geschwister für ein paar Tage weglaufen, damit Käthe sie vermisst; als Ella von dem Untermieter missbraucht wird; als Thomas stundenlang für seine Mutter und Gäste als Aktmodell dienen muss oder als Käthe Ella zur Strafe, weil sie sie für eine Diebin hält, einen Zuckerberg zum Aufessen vorsetzt. Diese ungeheuerlichen Szenen sind emotional so packend und gelungen wie die Eingangsszene aus „Die Mittagsfrau“.

Insgesamt ist „Rücken an Rücken“ jedoch ein sperriges Werk, weil es offenbar zu viel auf einmal sein will – und am Ende von allem nur ein bisschen ist: Geschwister-, Familien-, Liebes- und Gesellschaftsroman. So ist dieser Roman unter den vielen Herbstneuerscheinungen, die Geschichten aus der DDR erzählen, eher eine Enttäuschung.

Julia Franck: „Rücken an Rücken“. Roman. Erschienen im S. Fischer Verlag. 384 Seiten, 19,95 Euro.

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