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Alltagspessimisten und skeptische Außenseiter
Osnabrück. Im Bereich der Comic-Literatur findet gerade eine kreative Explosion statt. Hierzulande fällt das besonders auf, weil deutsche Verlage mit immer mehr Mut Graphic Novels auf den Markt bringen – und dabei auf fremdländische Arbeiten der letzten Jahre zurückgreifen, für die das hiesige Publikum bislang wohl nicht reif war. Gerade erscheinen zwei Werke von Daniel Clowes auf Deutsch, von denen eins die amerikanischen Leser schon vor zehn Jahren begeisterte: Neben der aktuellen Midlife- und Dauerkrisen-Geschichte „Wilson“ (seit Anfang des Monats bei Eichborn) hat der Reprodukt Verlag nun auch den vor zehn Jahren entstandenen Coming-of-Age-Thriller „David Boring“ übersetzt.
Parallel gelesen, bieten die zwei wunderbaren Bücher Beständigkeit und Abwechslung zugleich: Zum einen gibt es eine bleibende Autorenhandschrift zu entdecken, in der Clowes seinen Comic-Kosmos mit skeptischen Außenseitern bevölkert. Zum anderen leben die Bücher von einer Fabulierlust, die immer neue Ästhetiken für ein stabiles Set von Themen entwirft.
In „Wilson“ erzählt Clowes die Geschichte eines dauerdeprimierten Entwicklungsverweigerers: Wilson ist ein Soziopath im mittleren Alter, der sich bei hohem Intellekt einer allgemeinen Selbst- und Menschenverachtung hingibt. Vaterkonflikte, Elternschaft, Einsamkeit, Alter und Tod – all das transportiert sich in 71 lakonischen Pointen. Denn wie in einem Roman aus Kurzgeschichten setzt Clowes sein Porträt des Lebensekels aus lauter Episoden von je einer Seite Länge zusammen. Bei gleichbleibend negativen Empfindungen erscheint der Protagonist erst als lächerlicher Widerwärtling, dann als tragische Figur. Dieses Durcheinander bildet Clowes auch visuell ab – indem er Wilson mal als schlampiges Männchen mit Knollnase auf das Papier schludert, mal mit grafischer Präzision sehr realistisch gestaltet.
Auch David Boring ist ein zweiflerischer Antiheld mit Vaterkomplex; und doch bedient der Autor für ihn ein völlig anderes Register. Nachdem David aus der Provinz in die Stadt zieht, begibt er sich auf eine doppelte Suche: In der Vergangenheit fahndet er nach den Spuren seines Vaters – eines Comic-Zeichners, von dem der Sohn nur einen verblichenen Superhelden-Strip in Händen hält. In die Zukunft gerichtet ist Davids Sehnsucht nach einer geheimnisvollen Frau. Clowes schildert den Schritt in die trübe Welt der Erwachsenen im Stil des Film noir, des Hitchcock-Thrillers oder des Schauerkinos von Lynch. Davids Welt ist von gefährlichen Blondinen bevölkert, von Doppelgängern, Gangstern und Terroristen. Angetrieben wird das Personal, allen voran die Titelfigur selbst, von dunklen Obsessionen. David lebt für ein Ideal der erotischen Erfüllung, dem er zugleich misstraut. Den Versatzstücken historischer Genres gewinnt das Comic suggestive Effekte ab, es nutzt sie aber auch zur Selbstreflexion. Immer scheint Clowes sich seinen Büchern selbst einzuschreiben. Schon im frühen Werk „Ghost World“ (2001) baute er den Namen der Heldin aus den Buchstaben des eigenen Namens. Nun setzt er Selbstporträts unter den Klappentext, in denen er den Figuren merkwürdig ähnelt.
Daniel Clowes: „Wilson“. Eichborn. 80 S. 19,95 Euro.
„David Boring“. Reprodukt Verlag. 118 S, 20 Euro.
Außerdem beim Reprodukt Verlag: „Ghost World“, „Karikatur“ und ab März 2011 „Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln“.
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07.04.2012
