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Documenta 13 – sehenswert (9): István Csákánys Holzobjekt „The Sewing Room“ fasziniert als Duplikat der Arbeitswelt
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Autor: Dr. Stefan Lüddemann 20. August 2012 14:01 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Kaltes Modell der Rentabilität

Documenta 13 – sehenswert (9): István Csákánys Holzobjekt „The Sewing Room“ fasziniert als Duplikat der Arbeitswelt

Kassel.Lebensform als Hülse: Wie die abgelegte Haut eines Reptils wirkt István Csákánys „The Sewing Room“. Die „Nähstube“ im Nordflügel des Kasseler Hauptbahnhofs baut die komplette Produktionsstraße einer Textilfabrik aus Holz nach – als tote Hinterlassenschaft einer abgestorbenen Arbeitswelt.

 
Unheimliche Werksbesichtigung: Csákánys „Sewing Room“ im Kasseler Hauptbahnhof. Foto: Stefan Lüddemann  Vergrößern

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Sind hier alle Beschäftigten outgesourct worden? Hat der Besitzer die Produktion in ein Billiglohnland verlagert? Die Produktionsstraße mit ihren Nähmaschinen und Bügelautomaten, ihren Leuchtschienen, Kabeln und Steckdosen liegt nicht nur still und verlassen da – sie scheint regelrecht eingefroren und ganz aus der Zeit gefallen zu sein. Ein irrealer Ort? Ja, und ein zutiefst unheimlicher dazu.

István Csákánys Objekt „The Sewing Room“, der Nähraum, liegt in einer verlassenen Lagerhalle im Nordflügel des Kasseler Hauptbahnhofs wie das schockgefrorene Ausstellungsstück einer lange vergangenen Zeit. Die Welt der Arbeit ist mit diesem Exponat so präsent, dass der Besucher glaubt, das Rattern der Maschinen, das Zischen der Bügelautomaten, das Flüstern der Arbeiterinnen hören zu können. Doch diese Geräusche sind nur das entfernte Echo einer Produktion, die es schon lange nicht mehr gibt. Der 1978 in Rumänien geborene Künstler hat das bloße Gehäuse einer Form des Lebens und Arbeitens präzise nachgeschaffen.

Der atemberaubende Clou dieser Arbeit: Csákány hat die ganze Produktionsstraße, jeden Tisch, jede Nähmaschine, ja selbst herabhängende Kabel und Steckdosen penibel aus Holz nachgebaut, hat geschnitzt, poliert, geschliffen. Dieser Wiedergänger der Industriegeschichte, dieser Feier der unpersönlichen, seriell durchorganisierten Arbeit verdankt sich individueller Handarbeit. Der Künstler produziert damit ein Exponat mit ironischem Selbstwiderspruch. Und ein Ausstellungsstück, dessen glatte Perfektion seltsam und reizvoll zugleich mit den nackten Klinkerwänden der alten Lagerhalle kontrastiert.

Der geradezu unheimlich perfekte Fotorealismus in den drei Dimensionen eines realen Objekts frappiert. „The Sewing Room“ versetzt als Klon unendlich vieler, ganz analog gestalteter Produktionsstraßen das Konzept der industriellen Epoche in die Documenta. Im Kontext der Kunst schauen wir auf ein vertrautes Stück Lebens- und Arbeitsrealität mit dem verfremdeten Blick von Nachgeborenen.

Csákány ist so raffiniert, dass er diesen Blick von außen als Teil seines Kunstwerks selbst inszeniert. Leere Kleiderhüllen simulieren Beobachter, die neben der Produktionsstraße auf einem durchlaufenden Podest stehen. Sind Sie Betriebsbesucher? Manager? Vorarbeiter? Die weißen Kragen machen klar, dass diese abwesenden Personen jedenfalls nicht zu den Personen gehören, die in der Produktionsstraße arbeiten. Sie sind Beobachter. Allerdings gilt ihre Beobachtung nicht den ästhetischen Qualitäten eines kunstvoll gefertigten Objekts, sondern der Rentabilität von Produktionsabläufen. Mit Csákánys Objekt befragt der Ausstellungsbesucher seinen eigenen Blick. Entfaltet er mit seinem Blick Teilnahme, oder taxiert er bloß? Hinsehen kann emphatisch sein – oder beherrschend.

Standort: Kassel, Hauptbahnhof, Nordflügel. www.noz.de/d13-blog



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