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Der schwedische Impressionist Anders Zorn
Lübeck. In seiner Heimat Schweden ist er eine nationale Kunst-Ikone. Hierzulande indes ist Anders Zorn (1860–1920) weitgehend unbekannt. Das Museum Behnhaus Drägerhaus in Lübeck inszeniert nun die Wiederentdeckung des „schwedischen Impressionisten“.
Dieser Untertitel zur opulenten Retrospektive ist irreführend und zutreffend zugleich. Denn obwohl Zorn zwischen 1888 und 1896 dauerhaft in Paris lebte, haben seine Werke auf den ersten Blick wenig mit der flirrenden Farbigkeit oder dem kräftigen Duktus seiner französischen Malerkollegen gemein. Dennoch entwickelt Zorn in diesen Jahren eine skizzenhafte Technik, seine Arbeiten spiegeln flüchtig erfasste Momentaufnahmen – in diesem Sinne wird seine Kunst tatsächlich immer impressionistischer.
Die Lübecker Ausstellung hält sich jedoch mit der Frage der Zuordnung nicht lange auf. Sie führt stattdessen die Perfektion eines Malers vor Augen, der den Zeitgenossen als „Naturtalent“ oder „Jahrhundertgenie“ galt. Zorns außerordentliche Meisterschaft zeigt sich bereits in seinen frühen Aquarellen, die als solche erst bei genauerem Hinsehen zu erkennen sind. Die Studien der schwedischen Landschaft, vor allem aber die vielfältigen Ansichten des Meeres zeichnet eine verblüffende Tiefenschärfe aus. Das Spiel des Lichts auf der sich immerfort verändernden Wasseroberfläche wird zu einem Lebensthema für Zorn, dem er sich in immer neuen Varianten widmet.
Berühmtheit erlangt Zorn daneben durch seine Akte im Freien, bis heute ein wesentlicher Grund für seine Popularität in Schweden. Die ungekünstelten Posen seiner Modelle, ihre unbefangenen Bewegungen und ihre lebensnahe Natürlichkeit unterschieden sich elementar von den Konventionen der Zeit. Zorns Frauen sind keine entrückten Schönheiten, sondern sehr irdische Wesen, die zu ihrer Umwelt in einer unmittelbaren Beziehung stehen. In ihrer Vitalität und Sinnlichkeit wirken diese Bilder wie eine Vorahnung dessen, was die Brücke-Maler eine Generation später an den Moritzburger Teichen in ihren Skizzenbüchern festhalten werden.
Bereits mit Mitte 20 hat sich Zorn weit über seine Heimat hinaus als anerkannter und erfolgreicher Maler etabliert. International basiert sein Ruhm allerdings zuallererst auf seinen Porträts: Insbesondere in den USA, wohin er nach 1893 insgesamt sechs ausgedehnte Reisen unternimmt, gehört es in der High Society geradezu zum guten Ton, sich von Zorn malen zu lassen. Zu seinen Kunden zählen neben vielen anderen Berühmtheiten auch drei amerikanische Präsidenten. Zorn erweist sich nicht allein als einfühlsamer Beobachter, sondern auch als umtriebiger Geschäftsmann, der sich und sein Kunst exzellent vermarktet.
Besonders gefragt sind seine Radierungen, denen in der Lübecker Schau zwei eigene Räume vorbehalten sind. Zorn eignet sich eine charakteristische Schraffurtechnik an, die ihre Wirkung allein aus parallel laufenden Strichen unterschiedlicher Dichte, Stärke und Richtung entfaltet. Seine Blätter beeindrucken durch eine fast malerische Qualität, die skizzenhaften Szenen scheinen lichtdurchflutet und überaus plastisch. Zorn nahm in den Radierungen immer wieder Motive seiner Gemälde auf und sorgte auch auf diese Weise für ihren immensen Bekanntheitsgrad.
Zeitgenossen lobten Zorn als einen „der besten Künstler unserer Epoche“, zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber geriet er im Schatten der Avantgarde zusehends in Vergessenheit. In den 20er-Jahren wurden gar eine ganze Reihe seiner Werke in deutschen öffentlichen Sammlungen verkauft, heute besitzt allein die Nationalgalerie in Berlin eine einzige Arbeit von Zorn. Auch deshalb ist die Lübecker Ausstellung so sehenswert: Mit ihrer konzentrierten Auswahl nähert sie sich einem perfektionistischen Virtuosen, der die Stimmungen, Farben und das Licht Schwedens für einige Jahre hinter sich ließ, um sie gegen Ende seines Lebens umso intensiver neu zu entdecken.
Museum Behnhaus Drägerhaus Lübeck: „Anders Zorn – der schwedische Impressionist“. Bis 15. April, Di.–So. 10–18 Uhr, Eintritt 9/4,50 Euro, Katalog 29,95 Euro; www.museum-behnhaus-draegerhaus.de
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