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Retrospektive der Berlinale:
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Autor: Klaus Grimberg 10. Februar 2012 15:32 Uhr

Die Rote Traumfabrik

Retrospektive der Berlinale:

Berlin. Gewehrsalven rattern über den Boulevard, Alarmsirenen schrillen, Stiefel hämmern auf den Asphalt: Der wuchtige Sound des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin drückt die Zuschauer im Friedrichstadtpalast regelrecht in ihre Sitze. Ängstlich ducken sie sich vor den Schüssen der Reaktionäre weg, sie sammeln sich mit den Arbeitern zum Sturm auf die St. Petersburger Innenstadt, sie reihen sich ein in Kolonnen der Bolschewiken, die ihre Bajonette aufgesetzt haben und zu allem entschlossen sind. Oben auf der Leinwand ist Revolution. Und unten im Parkett scheint sich der Funke des Aufstands ebenfalls zu entzünden.

 
Dem kraftvollen Kino aus der „Roten Traumfabrik“ widmet die Berlinale die diesjährige Retrospektive.Foto: Deutsche Kinemathek  Vergrößern

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Die Berlinale als Stummfilm-Erlebnis: In einer Gala-Vorstellung wurde am Freitagabend Sergej Eisensteins bildgewaltiges Revolutions-Epos „Oktober“ (1928) in einer digital restaurierten Fassung präsentiert. Im zweistündigen Schnelldurchlauf zeichnet der Film die Ereignisse aus dem Jahr 1917 nach – in einer virtuosen Montage aus dynamischen Massenszenen, expressiven Charakterstudien und ironischen Kommentaren. Erst kürzlich fand sich die Begleitmusik des legendären Filmkomponisten Edmund Meisel (1894–1930) wieder, die an die rekonstruierte Version des Meisterwerks angepasst wurde. Eine filmhistorische Großtat, die nicht nur Cineasten einen überwältigenden Eindruck davon vermittelt, welche suggestive Kraft das Kino schon in den 20er-Jahren besaß.

Die Sondervorführung von „Oktober“ ergänzt die diesjährige Retrospektive, die der „Roten Traumfabrik“ Meschrabpom gewidmet ist. Dahinter verbirgt sich ein einzigartiges, deutsch-russisches Joint Venture in Sachen Filmproduktion. 1922 schließen sich der Produzent Moisej Alejnikow aus Moskau und der kommunistische Medienunternehmer Willi Münzenberg aus Berlin zusammen. Ihr Anliegen ist zunächst, mit dem Medium Film die solidarischen Ziele der Internationalen Arbeiterhilfe zu unterstützen. Doch schnell wird aus dem einzigen nicht staatlichen Filmunternehmen der Sowjetunion ein Labor der ästhetischen Moderne, das in ganz Europa Beachtung findet. Bis zur Zerschlagung durch Stalin 1936 entstehen bei Meschrabpom rund 600 Filme.

Mehr als 40 dieser Arbeiten haben die Filmwissenschaftler Günter Agde und Alexander Schwarz für die Retrospektive ausgewählt. Zu sehen sind Klassiker des Revolutionsfilms wie „Das Ende von St. Petersburg“ (1927), Kapitalismuskritik verpackt als Komödie in „Das Mädchen mit der Hutschachtel“ (1927) oder die surrealistische Vision einer politischen Umwälzung auf dem Mars in „Aelita“ (1924). Künstlerischer Anspruch, Experimentierfreude und der Wille, die Lebensrealität der Menschen abzubilden, treffen bei Meschrabpom zusammen. Politischer Impetus und Massengeschmack gehen dabei durchaus Hand in Hand, viele der Filme sind kommerziell erfolgreich – weit über die Sowjetunion und Deutschland hinaus. Gleichzeitig zeigen sich Produzenten und Regisseure des Filmstudios immer wieder offen für Neuerungen, wie frühe Animationsfilme, der erste sowjetische Tonfilm oder sozial engagierte Dokumentarfilme belegen.

Doch nicht nur in der Sowjetunion, auch in Deutschland werden in den 20er-Jahren Filmklassiker geschaffen, und zwar vor allem in den Studios von Babelsberg. Vor genau hundert Jahren, am 12. Februar 1912, starteten dort die allerersten Dreharbeiten – für „Der Totentanz“ mit Stummfilmstar Asta Nielsen in der Hauptrolle. Mit einer eigenen Hommage ehrt die Berlinale den wichtigsten deutschen Filmstandort, dessen wechselvolle Geschichte sich durch fünf politische Systeme zieht – vom Kaiserreich über Weimarer Republik und Nationalsozialismus bis zur DDR und schließlich in die wiedervereinigte Bundesrepublik. Unter der Überschrift „Happy Birthday, Babelsberg“ laufen elf ausgewählte Filme, darunter „Der letzte Mann“ (1924), „Der blaue Engel“ (1930), „Münchhausen“ (1943), „Die Mörder sind unter uns“ (1946), „Das Kaninchen bin ich“ (1965), „Sonnenallee“ (1999), „Der Pianist“ (2002) oder „Der Vorleser“ (2008).

Die Berlinale im Internet: Kurzkritiken zu allenWettbewerbsfilmen unter www.noz.de/berlinale

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