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Vier Tage im Juli
Berlin. Zur Eröffnung schaut die Berlinale nach Frankreich und auf die Geburtsstunde der Republik: Benoît Jacquots Ausstattungsdrama „Leb wohl, meine Königin“ schildert Versailles während des Sturms der Bastille aus der Innenperspektive.
Ein ungewöhnlicher Auftakt für das deutsche A-Festival: Sofia Coppolas stofflich verwandtes Herrscherinnen-Porträt „Marie Antoinette“ lief vor sechs Jahren noch im Wettbewerb von Cannes – und war dort sehr viel zwingender positioniert. Aber offenbar wildert die Berlinale gerade ganz gern auf dem geschichtlichen Boden der großen Filmnationen: Schließlich demontierten die Coen-Brüder mit ihrem Eröffnungsfilm „True Grit“ erst im vergangenen Jahr den amerikanischen Gründungsmythos.
Der Charme der aktuellen Eröffnung: Die im festlichen Ornat in den Berlinale-Palast strömende Gala-Prominenz wurde erst vom unüberbietbaren Glanz des 18. Jahrhunderts in den Schatten gestellt – um dann auch noch mitzuerleben, wie alle irdische Herrlichkeit vom Volke in den Staub getreten wird.
Jacquots sorgfältig komponierte Verfilmung eines Romans von Chantal Thomas schildert das Chaos der Revolution in strenger Einhaltung von Zeit, Ort und Perspektive. Die umstürzlerischen Ereignisse nehmen wir vier Tage lang mit den Augen von Marie Antoinettes Vorleserin Sidonie (Léa Seydoux) wahr – wobei ihr Blick so pedantisch eingehalten wird, dass das Bild sogar im Black verschwindet, wenn das Mädchen an den Abenden des 14., 15. und 16. Juli 1789 irgendwo auf den Palastfluren einnickt.
Mit der Innensicht aus dem Schloss knüpft der Film an das Selbstverständnis des Absolutismus an: So wie der Herrscher sich selbst mit der Nation gleichsetzte, so erzählt nun auch Jacquot den Zusammenbruch einer ganzen Staatsform nur über die Implosion des Hofs: Mit den im Flüsterton weitergetragenen Meldungen aus Paris gerät der Mikrokosmos aus den Fugen. Bedienstete missachten das Protokoll und bestehlen sogar die Königin (Diane Kruger), die Herrschaft packt in zunehmender Panik ihre Reichtümer in Koffer und löst – sprichwörtlich außer Fassung – zum diskreteren Transport die Perlen und Edelsteine aus Armbändern und Ketten. Es kommt zu Selbstmorden.
Das Verblüffende an dem von ausgezeichneten Darstellern getragenen Film sind seine Spiegelungstricks und gedanklichen Wendungen: Dass die Volksmassen ihr Leben zerstören, erlebt die Vorleserin Sidonie in extremer Verkehrung nicht als gesellschaftliche, sondern als private Katastrophe. Die Gewalt „von unten“ erreicht die junge Frau als Liebesenttäuschung „von oben“: In ihrer Treue zur Königin konkurriert Sidonie mit deren Favoritin Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen). Heimlich sehnt sie sich danach, die Rolle der Begünstigten einzunehmen – und erfährt die entsetzlichste Demütigung ihres Lebens gerade dadurch, dass der Rollentausch dann tatsächlich stattfindet: Als Double der beneideten Frau muss Sidonie die Flucht aus dem Palast antreten – damit das Volk im Zweifel erst einmal ihr den Kopf abschlägt.
All das verpackt Jacquot in sinnlich aufgeladene Bilder, die er mit nervösen Streichern in ständige Spannung versetzt und mit der Vergänglichkeitssymbolik der Stillleben-Malerei unterminiert. Was dem Plot nach auf eine knallharte Geschichtsstunde schließen ließ, entpuppt sich so als Übung in erzählerischer Raffinesse. Wenn der Berlinale damit eine Richtung vorgegeben sein soll, geht der Weg in diesem Jahr aus dem politischen Anspruch heraus zum schwelgerischen Virtuosentum.
Die Berlinale im Internet: Kurzkritiken zu allenWettbewerbsfilmen unter www.noz.de/berlinale
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