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Nur wenige Momente echter Filmpoesie
Osnabrück. Zwei Filme über die Stummfilmzeit gelten dieses Jahr als die beiden großen Oscar-Favoriten. Doch während „The Artist“ (zehn Nominierungen) perfekt die Stilmittel der Zeit einsetzt, ehrt Martin Scorsese mit „Hugo Cabret“ (elf Nominierungen) den Filmpionier Georges Méliès (1861– 1938) mit allen Mitteln des modernen 3-D-Effektkinos.
Hugo Cabret (Asa Butterfield) hat es nicht leicht. Als Waise fristet er im Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts sein karges Dasein auf einem Bahnhof. Er ist ständig auf der Flucht. Vor dem Waisenhaus, in das ihn der Stationsvorsteher (Sacha Baron Cohen) stecken will, vor der Polizei, die in ihm einen Dieb ausmacht, und – was am schwersten wiegt – vor der Einsamkeit. Bis er eines Tages das Mädchen Isabelle (Chloë Grace Moretz) trifft. Gemeinsam finden sie heraus, dass Isabelles Großvater, der Spielzeughändler Georges Méliès (Ben Kingsley), ein großer Filmpionier war. Eine Entdeckungsreise in die Ursprünge des Kinos beginnt, als Magier die Leinwand verzauberten und Zuschauer auf dem Mond landeten.
„Hereinspaziert! Kommen Sie! Staunen Sie!“ Dass das Kino einer Jahrmarktsattraktion entstammt, zeigt nicht nur der Film, in dem Méliès den Kinematografen der Gebrüder Lumière um 1900 auf der Kirmes entdeckt, sondern auch das Verfahren des 3-D. Als filmisches Mittel meist für eher plakative Unterhaltungs- denn Autorenfilme benutzt (der ebenfalls Oscar-nominierte „Pina“ von Wim Wenders und Werner Herzog mal ausgenommen), will nun Martin Scorsese den Gegenbeweis antreten. Gibt es also analoge Poesie im digitalen Zeitalter?
Es gibt sie, bezeichnenderweise allerdings eher in den Momenten, in denen Ausschnitte aus den (digital) restaurierten Méliès-Filmen über die Leinwand flimmern. Auch nach über 100 Jahren haben sie nichts von ihrem Charme eingebüßt. Das Erstaunliche daran ist, dass der moderne „Hugo Cabret“ dagegen eher alt aussieht.
Zu effekthascherisch, zu sentimental, zu lang. Die Bösen sind böse, die Guten gut, und am Ende siegt die Magie. Dass der Film oft so klischeebeladen wirkt, mag der Kinderbuchvorlage von Brian Selznick (ein Großneffe des „Vom Winde verweht“-Produzenten David O. Selznick) geschuldet sein. Viel mehr stören hier jedoch die auf Überrumpelung ausgerichteten Spezialeffekte. Wenn die Kamera wild über Bahnsteige gleitet, ein pittoreskes Kitsch-Paris aus dem Rechner ersteht und die Kamera durch komplizierte Werke der Uhrmechanik rauscht, dann herrscht hier der pure Selbstzweck. Die Handlung führt das nicht weiter. Spätestens da opfert Scorsese seine Hommage an die Frühzeit des Kinos und Méliès an die übliche Stereotypie des Stereobildfilms.
Eine Crux, unter der „Hugo Cabret“ leidet, gerade auch im Vergleich zu „The Artist“, der den analogen Film durch adäquate Mittel ehrt. Diesen Mut hat Martin Scorsese hier leider nie gefunden. Trotzdem: Gemessen an sonstigen 3-D-Blockbuster-Scheußlichkeiten atmet „Hugo Cabret“ – zumindest zeitweise – Poesie, gerade auch in seiner Liebe zur Filmgeschichte. Nur die Handschrift seines Regisseurs, der Meisterwerke wie „Taxi Driver“, „GoodFellas“ oder „Raging Bull“ gedreht hat, vermisst man. Sie geht im austauschbaren Effektzauber unter. Und so wirkt „Hugo Cabret“ eher wie der tapsige Kinderfilmversuch eines Künstlers, der durch Erwachsenenfilme berühmt geworden ist. Das wäre für einen durchschnittlichen Hollywood-Film völlig in Ordnung. Für Martin Scorsese ist das letztlich aber ein bisschen wenig.
„Hugo Cabret“. USA 2011.
R: Martin Scorsese. D: Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Emily Mortimer, Christopher Lee. 126 Min. FSK ab 6. Siehe Kulturtipp
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