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Thea Dorn und Richard Wagner haben mit „Die deutsche Seele“ ein hellwaches, längst fälliges Buch geliefert
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Thea Dorn und Richard Wagner haben mit „Die deutsche Seele“ ein hellwaches, längst fälliges Buch geliefert
Thea Dorn und Richard Wagner haben mit „Die deutsche Seele“ ein hellwaches, längst fälliges Buch geliefert
Osnabrück. So ein Buch musste ja mal geschrieben werden. Es lag längst in der Luft, sozusagen. Nun haben zwei den Mut gefunden, sich auf die Suche nach dem zu begeben, was die deutsche Seele ausmacht. Bevor diese Dinge dem kollektiven Gedächtnis entschwinden, wie der Typ des Intellektuellen selbst – dessen lebendiges Weiterexistieren die Autoren Thea Dorn und Richard Wagner erfreulich belegen. Nicht weil sie streng wissenschaftliche Begründungszusammenhänge lieferten – das hätte nur schiefgehen können. Sondern weil sie eine rasante wie intelligente, stets persönlich gefärbte Tour d’Horizon wagen. Sie liefern aus reichen Quellen gespeiste Thesen und fordern zum Mitgehen und -denken oder auch zum kenntnisreicheren Widersprechen heraus. Thea Dorn, Jahrgang 1970, moderiert Kultursendungen bei Arte und dem SWR. Richard Wagner, 1952 in Rumänien geboren und Ex-Mann von Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, lebt als Schriftsteller wie Dorn in Berlin.
Sie benennen zwei Pole, zwischen denen die deutsche Seele gleichsam im Niemandsland hängt: den ewigen Scham- und Schuldpanzer, unter dem sich Teile unserer Gesellschaft seit dem Nationalsozialismus gegen alles Deutsche wehren – und die Geistesbrache zwischen Kühlschrank und Fernseher. Kein Wunder, dass sich Stichworte für deutsche Phänomene an einem roten Erkenntnisfaden entlang ergänzen. Das Abendbrot mit sparsam belegten Stullen sieht Thea Dorn lange fest verknüpft mit Familienzusammenkunft, Gespräch und Rechenschaft.. Diese Tradition sieht sie schwinden ähnlich wie beim „Feierabend“, an dem freie Zeit nicht mehr zur Bildung und Kreativität genutzt, sondern auf der Fernsehcouch verdämmert wird. So wie sich die Arbeitswut von ihrer einstigen Jenseitsorientierung zum wertelosen Selbstzweck profanisiert hat.
Es ist vor allem Thea Dorn, die solche Herleitungen über viele geschichtliche Stationen hinweg betreibt. Deshalb steht sicher nicht zufällig mit der Musik, dem mit 38 Seiten längsten der 64 Stichwörter von Abendbrot bis Zerrissenheit, spürbar ihr Leib- und Magenthema im Zentrum des Buches. Über Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ bis zu Wagner und Stockhausen untersucht sie die Überhöhung der Musik ins Religiöse, Mystische und möglichst Wortlose als einen deutschen „Sonderweg“. Wobei sie Konnotationen zulässt, ohne sie herbeizuzwingen. Schließlich will das Buch keine Abrechnung mit deutschem Kulturerbe sein, sondern Besinnung auf mehr anbieten als nur auf Hymne und Fahne bei Fußball-Meisterschaften.
Einsame Klasse ist ihr Reflextest für die Leserseele mit „Abendstille“: Da wird die kühle, spröde Sachlichkeit von TV-Nachrichten in scharfen Schnitten den lebenswarmen Selbstreflexions-Metaphern eines Hölderlin, Eichendorff oder Gryphius gegenübergestellt. Dagegen verblassen die durch gute kulturhistorische Kenntnisse geerdeten Texte von Richard Wagner ein wenig. Doch insgesamt ist das hellwache Buch ein Lese-Vergnügen mit Seltenheitswert.
Thea Dorn/Richard Wagner: „Die deutsche Seele“. Knaus- Verlag, 560 S., 26,99 Euro
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