Noz
Kontakt

·

Digitalabo

·

Shop

·

Tippspiel

Startseite

|

Deutschland & Welt

|

Kultur

|

Albträume aus dem Folklorebuch
Kultur

Schrift
 Drucken  Versenden Empfehlen auf:      

Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 01. Februar 2012 15:39 Uhr

Die Zwillinge Gert und Uwe Tobias

Albträume aus dem Folklorebuch

Hamburg. „Wir wollen mit dem Holzschnitt anders umgehen, als man es gemeinhin kennt“, sagt Gert Tobias, Jahrgang 1973. Er und sein Zwillingsbruder Uwe sind spätestens seit ihrer Einzelausstellung 2007 im New Yorker Museum of Modern Art zu internationalen Kunstmarktstars geworden. Ihre meterhohen Farbholzschnitte auf großen Papierbahnen und neuerdings auch auf Leinwänden hängen weltweit in Privatsammlungen und Museen. Jetzt zeigt der Kunstverein in Hamburg ihre farbenfrohen Bilder und Collagen mit folkloristischen Motiven.

 
Perfekt, aber in der Gefälligkeitsfalle: ein Werk „Ohne Titel“ der Kunst-Stars Gert und Uwe Tobias.Foto: Contemporary Fine Arts, Berlin VG Bild-Kunst Bonn  Vergrößern

– Anzeige – Ihre Anzeige hier



Zuletzt kommentiert








„Bevor wir eine Ausstellung konzipieren, wird jedes Detail abgestimmt, sodass es als Ganzes funktioniert“, erklärt Uwe Tobias. Zur visuellen Verklammerung der einzelnen Räume wählten die Brüder einen dominanten Blauschwarz-Ton, der an den vertikalen Ecken in ein sägezahnartiges Zackenmuster ausläuft. „Die Wandmalerei dient dazu, den Raum als ein Ganzes zusammenzuziehen“, sagt Gert Tobias. Der Eingangsbereich bildet mit ungewöhnlich hoch gehängten Holzschnitten auf Leinwand, kleineren Collagen und einer Installation aus leuchtend-bunten, biomorph verfremdeten Keramiken auf einem Eisentisch den Auftakt. Diese Foyersituation wird bis Ende 2012 nahezu unverändert bleiben. Die restlichen Arbeiten in den beiden großen Ausstellungsräumen dagegen sollen im Laufe des Jahres mit anderen künstlerischen Positionen überschrieben beziehungsweise von ihnen ersetzt werden. Kunstvereinsdirektor Florian Waldvogel spricht von einem „substrahierenden Prinzip“.

Im unteren Ausstellungsraum zeigen die Tobias-Brüder neue Collagen und collagierte Bücher. Ihr Bilderkosmos basiert auf Vorlagen aus Folklorebüchern, die sie in einem permanenten künstlerischen Dialog recyceln und in ihre eigene Bildsprache transformieren. Geschult an den Surrealisten, setzen sie Tiermotive, Puppenköpfe, florale Ornamente, Volkstrachten, Vorlagen aus dem Stickmusterbuch der Mutter, Illustrationen aus Magazinen und Zeitungen und frei erfundene amorphe Formen in assoziativer Mischtechnik auf das Papier. Eine Etage höher sind vorwiegend großformatige Holzschnitte zu sehen. In Bram Stokers „Dracula“ kolportierte Klischees von transsylvanischen Vampiren, Pfählern und anderen Sagengestalten bedienten die Zwillinge lange Zeit selbst. Doch inzwischen – nachdem das Thema allzu genüsslich ausgeweidet wurde – distanzieren sie sich lieber von den Karpatenmythen. „Wir sind in Rumänien auch nur Touristen“, erklären die überwiegend in Deutschland sozialisierten Zwillinge mit Geburtsort Brasov in Siebenbürgen.

Zwar besuchen sie die Heimat ihrer Familie in unregelmäßigen Abständen. Nostalgisch verklären wollen sie sie jedoch keineswegs. Folkloristische Elemente zum parodistischen Ausschlachten finden sich schließlich in allen Kulturen. Doch damit nicht genug: Der Betrachter dieser im diffusen Schwebezustand zwischen Morbidität und Schönheit changierenden Bilder begegnet inmitten all der nebeneinandergedruckten Bauernstühle, Butzenfenster und ländlich-naiven Handarbeits- und Keramikerzeugnissen auch dezent eingestreuten Vanitasmotiven. Inmitten monströser Schmetterlinge und Käfer verbergen sich abgetrennte Hasenköpfe oder tote Vögel. Romantik, Melancholie und Weltschmerz rühren die Tobias-Brüder zusammen mit kunsthistorischen Anleihen an die apokalyptischen Fabelwesen eines Hieronymus Bosch und die gedrechselten Bauhausfigurinen eines Oskar Schlemmer zu einer postmodern-gefälligen Remix-Kunst zusammen.

Bei aller Perfektion in der Ausführung, warmtöniger Dekorativität und der fantasievollen Aneignung vorgefundener Motive: Gert & Uwe Tobias sollten aufpassen, dass ihre zurzeit weltweit gefragte Kunst sich nicht irgendwann in der Routiniertheit eines modularen Baukastensystems erschöpft, dessen Elemente beliebig oft neu kombiniert werden können.

Kunstverein in Hamburg: Gert & Uwe Tobias: bis Ende April 2012. Foyergestaltung: bis 18. November 2012 www.kunstverein.de

Lesen Sie auch ...

Von fern leuchtet das Bild der Erinnerung
Osnabrück. Ja, es ist ein menschlicher Körper, der da aus feuerrotem Farbwirbel auftaucht. Er neigt sich vornüber, als wollte er wie bei einem... mehr

Tsunami in der Endlosschleife: Die Katastrophe live im Fernsehen

Osnabrück. Wieder und wieder rasen die Wellen an die Küste und über sie hinweg. Auf leuchtend rotem Grund die Unterzeile: „Tsunami hits.“ Später sind... mehr

Hamburg unter dem Union Jack

Hamburg. Ein Plädoyer für Freiheit, Toleranz und Nonkonformismus: Das britische Künstlerpaar Gilbert & George zeigt in den Hamburger... mehr


 Mehr Kultur

 
  Leserkommentare
Schreiben Sie einen Kommentar




Empfehlen auf:  Facebook  Twitter




 Zeitungstitel wählen  Schließen

Wählen Sie Ihren Zeitungstitel: