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Tippspiel
Wozu aufregen? Und worüber?
Berlin. Thriller! Psycho! Ab 16! – All das steht auf der Homepage der Komischen Oper, als wolle sie einmal mehr ihren Ruf als Wadenbeißer des Hauptstadtbetriebs untermauern. Als Garant für die nötige Prise Provokation gilt der katalanische Regieberserker Calixto Bieito, der Webers „Freischütz“ zum Psychothriller für halbwegs Erwachsene ummodelt. Zum waldgrünen Hörnerschall in der Ouvertüre treibt er jedoch erst mal eine Sau auf die Bühne. Das sichert ihm die Lacher des Berliner Publikums und gibt Webers Volkstümelei der Lächerlichkeit preis. Na bravo.
Zum „Schreifritz“ verballhornt, wabert die Oper in der deutschen Volksseele wie Bierdunst über dem Stammtisch. Dank „Jägerchor“ und „Jungfernkranz“ vom breiten Publikum geliebt, schmähen sie Kenner aus den gleichen Gründen. Dabei hat Weber die Fadenscheinigkeit der folkloristischen Fassade ohrenfällig einkomponiert, und Regisseure wie Dirigenten wissen das natürlich. Aber erfasst der schlichte Opernfreund die Bedrohlichkeit der Bratscheneinwürfe im „Jungfernkranz“, die verdrehte Herrlichkeit im „Jägerchor“? Womöglich nicht. Deshalb erzählt Bieito davon in Großbuchstaben und mit doppeltem Ausrufezeichen.
Die Hauptrolle überlässt er aber dem Wald. Laub auf dem Boden, junge Bäume, dicke Stämme, die bald kreuz und quer liegen, als wäre ein Orkan über sie hinweggefegt: Rebecca Ringsts Bühne ist nett anzusehen, wirkt schlüssig – und bleibt konventionell. Bieito erfindet den „Freischütz“ keineswegs neu.
Dafür reichert er die Geschichte mit Schockelementen („empfohlen ab 16 Jahren“!) an. Zu Anfang erlegen die Jäger einen Menschen mit Hirschfell, häuten und weiden ihn aus. Später schleppt Kaspar (voluminös: Carsten Sabrowski) ein gefesseltes Brautpaar in die Wolfsschlucht, ersticht die Braut, auf dass das Blut der (Jung-?)Frau schnöder Munition Zauberkraft verleihe. Als wär’s ein C-Movie fürs Privatfernsehen.
Am meisten ist Bieito noch zum Protagonisten Max (Vincent Wolfsteiner) eingefallen: Der verwandelt sich in der Wolfsschlucht vom angstbibbernden Jäger zum immer noch verängstigten, nun aber nackten und lehmverschmierten Waldmenschen. Bieito deutet den Waldhumus also zum Urgrund der deutschen Seele um; im Dreck ungeschützter Kreatürlichkeit sucht Max sich vor dem Druck der Gesellschaft und seinen Versagensängsten zu schützen. Da kann man schon mal nackt dastehen.
Agathe (Ina Kringelborn) und Ännchen (Julia Giebel) degradiert Bieito hingegen zum Beiwerk. In quietschbunten Trashkleidern (Kostüme: Ingo Krügler) stehen sie im Wald, die eine – Agathe – gepeinigt von der Angst um ihren Bräutigam Max, die andere von Torschlusspanik. Und die Jägergesellschaft bewaffnet das Regieteam von der Jagdflinte bis zum Maschinengewehr mit allem, was schießen kann. Unter diesen Putins für Arme zählt einzig rohe Männlichkeit. Kommt jemand wie der Eremit (Alexey Tihomirov) mit Ideen von einer Welt ohne Männlichkeitswahn, erntet er dafür Häme– und wird schließlich von der rohen Jägergesellschaft erschossen.
Damit ist das roh-archaische Element in Bieitos Interpretation konsequent durchdekliniert, ohne neue Einblicke zu gewähren. Eher noch überdeckt er mit seiner lauten Theatralik die Musik. Schade, denn Patrick Lange und das Orchester der Komischen Oper setzen die Partitur detailliert und ausdrucksstark um. Die Überraschungsmomente und Thrillerelemente, die Weber einkomponiert hat, entfalten ihre Wirkung – würde Bieito ihnen nur vertrauen.
Die Sänger schließlich bedenkt das Premierenpublikum mit ausdauerndem Beifall – was Operngesang angeht, gibt sich die Hauptstadt offenbar mit Mittelmaß zufrieden. Das gilt letztlich allerdings auch für die Inszenierung von Bieito. Klar erntet der Katalane Buhs und Bravos. Aber zum Aufreger taugt dieser „Freischütz“ nicht.
Weitere Vorstellungen:
4., 7., 21. Februar. Kartentelefon: 030/47997400
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