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Tippspiel
Charme der Bescheidenheit
Osnabrück. Die große Pose liegt Alexej Gorlatch nicht. Der Preisträger des Osnabrücker Musikpreises 2011 sitzt bescheiden am Klavier, spielt makellos, und nur ab und an formt eine freie Hand den Duktus der Musik nach. Show sieht anders aus. Stattdessen achtet der junge Mann auf sein Publikum. „Ich habe ganz genau gehört, wie Sie mir zugehört haben“, sagt er als Dank an das Publikum des Preisträgerkonzerts in der Osnabrückhalle.
Vorgestellt hat er sich dem Publikum gestern mit Beethovens erstem Klavierkonzert: einem charmanten Werk für filigrane Hände, dessen Brillanz sich auch 200 Jahre nach seiner Entstehung vermittelt. Das geschieht nicht mit Hammer und Amboss, sondern mit dem Werkzeug des Feinmechanikers, und das bedienen Dirigent Hermann Bäumer und sein Osnabrücker Symphonieorchester mit gleichem Geschick wie Gorlatch. Vibratolose Streicher und zupackende Bläser sorgen für einen warmen Beethovenklang, in den sich der moderne Flügel nahtlos einfügt.
Und wenn Bäumer und Gorlatch im ersten Satz für einen Moment die Zeit anhalten, bevor das Eröffnungsmotiv erneut, aber nun in vollem Ornat auftritt, zeigen sich Solist, Orchester und Dirigent als perfekt funktionierende Einheit. Dabei räumt Beethoven dem Solisten genügend Gelegenheiten ein, seine Klasse zu demonstrieren, und am packendsten gelingt Gorlatch das in den leisen Stellen. Als Zugabe verteilt er schließlich ein prickelndes Bonbon: Chopins cis-Moll-Etüde op. 10 – in dieser makellosen Eleganz wird sie selten geboten.
Ein Stück Erinnerungskultur bildet den Kontrast zur funkelnden Brillanz: die zehnte Sinfonie op. 93 von Dmitri Schostakowitsch. Schostakowitsch verarbeitet darin die letzte Phase der Stalin-Diktatur und den Tod des Despoten – und das aus einer sehr persönlichen Sicht. Denn den dritten und vierten Satz durchzieht als musikalische Chiffren die Tonfolge D-Es-C-H, die Initialen des Komponisten. So manifestiert sich in dunklen Streichern des ersten Satzes die permanente Angst, unter der der Komponist in der Sowjetunion lebte, im grimmigen Scherzo die Brutalität des Diktators – und in beiden weiteren Sätzen bringt sich Schostakowitsch ungewöhnlich selbstbewusst ins Spiel. Manche sprechen sogar von Glück.
Bäumer kann dieses Monument dank des Osnabrücker Symphonieorchesters kraftvoll und vor Emotionen strotzend umsetzen. Wobei das mit dem Optimismus bei Bäumer immer so eine Sache ist: Glücksgefühlen misstraut der Dirigent, solange nicht das Gegenteil unumstößlich bewiesen ist. Daher dominieren auch in den Schlusssätzen die Klangfarben des Zweifels; erst in den letzten Takten strahlt die Musik. Ein kurzer Glücksmoment: Die Angst bleibt, auch nach dem Tod Stalins, Begleiterin Schostakowitschs. Diese Zehnte belegt einmal mehr die hervorragende Arbeit Bäumers als Generalmusikdirektor, die mit diesem Konzert endet. Aber für ein paar Gastkonzerte kommt der neue Mainzer GMD ja noch.
Wiederholung: heute, 20 Uhr, in der Osnabrückhalle
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