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Stationenweg des Leidens
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Autor: Dr. Stefan Lüddemann 24. Januar 2012 22:00 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Starkes Statement: „Vor dem Gesetz“ bringt Kunst als Protest gegen Entrechtung neu ins Spiel

Stationenweg des Leidens

Köln. Diese Ausstellung will das ganze Leid der Menschheit schultern. Das klingt nach zu viel Moral und zu wenig Kunst. Doch „Vor dem Gesetz“ beeindruckt – als eindringlicher Appell wie als bedrängend starkes Kunsterlebnis.

 
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Er ist Direktor des Museums Ludwig, Miterfinder der Münsteraner „Skulptur Projekte“ und Kurator bahnbrechender Ausstellungen wie „Westkunst“ 1981 in Köln und „Von hier aus“ 1984 in Düsseldorf: Kasper König könnte sich zurücklehnen. Der 68-Jährige ist längst eine lebende Kunstlegende. Doch von Altersmilde keine Spur. Kurz vor seinem Abschied inszeniert König in seinem Kölner Haus einen Kunstparcours von rigoroser Strenge.

„Vor dem Gesetz“: Den Titel hat König der berühmten Kurzerzählung entlehnt, die Franz Kafka 1915 geschrieben hat. Ein Mann vom Lande bittet um Einlass in das Gesetz. Der Türhüter verwehrt ihm den Eingang. Ein Leben lang wartet der Mann. Als er stirbt, sagt der Türhüter: Dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Als Gleichnis auf Hierarchie und Macht, Angst und Verantwortung liefert Kafkas Parabel einen denkbar anspruchsvollen Bezugsrahmen. Doch Kasper König selbst zaudert nicht vor dem Tor, er geht hindurch. Er stellt sich der Kunst und ihrem Anspruch. Mag auch das Museum die Ausstellung mit reichlich viel Pathos ankündigen – der Kurator König macht nicht viele Worte, sondern platziert Kunstwerke wie unverrückbare Setzungen.

Gezögert wird nicht. Jimmy Durham, selbst indianischer Abstammung, erzählt in seiner Schrotthaufen-Installation „Building a Nation“ (2010) von einem verkommenen Amerika, das seinen Aufstieg zur Weltmacht mit der Dezimierung der Ureinwohner begann. Bruce Naumans berüchtigtes „Carrousel“ (1988) kommt gleich danach. Ein unablässig kreiselndes Galgengerüst schleift nachgeformte Tierkadaver über den Boden. Darauf folgt Zoe Leonards „Tree“ (1997), ein zerhackter, mit Eisenschienen wieder zusammengebastelter Baum, als Prothesenwerk eine Karikatur der Natur. Gleich dahinter erhebt sich mehr als mannshoch Thomas Schüttes „Vater Staat“ (2011) wie ein finsterer Mandarin unbefragbarer Macht. Und dann liegt da ein „Glückspfennig“ in einer viel zu großen Vitrine. Andreas Slominski klärt im Wandtext darüber auf, was es mit diesem Unterpfand des Wohlergehens auf sich hat: Er fand sich auf einem Maulwurfshügel unweit des Konzentrationslagers Buchenwald.

Jedes dieser Werke hat mächtigen Punch. Und Kasper König teilt die Schläge mit nie nachlassender Treffsicherheit aus. Die Hauptachse dieser Ausstellung fügt er zu einem Stationenweg des Leids – und zu einem Triumphzug der Kunst. Denn der Kurator befreit sie vom Geschwafel um Moden und Markttrends, er räumt das Gestrüpp der verfilzten Erklärprosa beiseite und lenkt den Blick wieder auf starke einzelne Werke. So viel Vertrauen in die unmittelbare Wirkungsmacht der Kunst mag man kritisieren – als Kurator gewinnt König mit diesem Vertrauen selbst Statur und Klarheit. „Vor dem Gesetz“ ist ein Weckruf an die Gegenwart und den selbstbezüglichen Kunstbetrieb.

Schubkraft gewinnt diese Präsentation dadurch, dass sie jede Position der Gegenwartskunst mit einem der inzwischen längst klassischen Werke hinterfängt, die Großkünstler wie Alberto Giacometti oder Henry Moore unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schufen. Ob Giacomettis abgetrenntes „Bein“ (1958), Moores „Fallender Krieger“ (1956/57) oder Marino Marinis stürzender Reiter (1953) – jede dieser Plastiken trifft wie ein stummer Schrei des blanken Entsetzens. Diese und andere Werke der Kriegsgeneration nehmen den Arbeiten der präsentierten Gegenwartskünstler jede Ironie, machen sie hart und lakonisch. Andreas Siekmann spürt nun in seinem Bilderzyklus „Die Exklusive“ noch unversöhnlicher den ungerechten Ausgrenzungen der Welt globalisierter Kapital- und Flüchtlingsströme nach. Und Pawel Althamers „Brodno People“ (2010) sehen nun noch mehr wie Überlebende einer Katastrophe aus, die einer ungewissen Zukunft entgegentaumeln.

Würde und Integrität des Menschen bleiben bedroht. Darüber besteht kein Zweifel. „Vor dem Gesetz“ setzt dem immerhin ein klares Statement entgegen. Kasper König revitalisiert überzeugend Kunst als Engagement. Die Ausstellung des Jahres liefert er fast schon nebenbei.

Köln, Museum Ludwig: Vor dem Gesetz. Skulpturen der Nachkriegszeit und Räume der Gegenwartskunst. Bis 22. April. Di.–So., 10–18 Uhr.

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