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Schauspieler Mario Adorf verrät, wie er sich im Alter fit hält
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Autor: Marcus Tackenberg 30. Dezember 2011 15:04 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

"Gute Gene und ein Glas Wein"

Schauspieler Mario Adorf verrät, wie er sich im Alter fit hält

Osnabrück. Das Hotel „Vier Jahreszeiten“ an der Hamburger Binnenalster passt zu Mario Adorf: Qualität, Gediegenheit, Tradition – diese Attribute gelten auch für den in ganz Europa bekannten und beliebten Schauspieler, der in mehr als 200 Filmen in vier Sprachen Erfolge feierte. Über seine Erlebnisse in Hollywood, seinen neuen Fernsehfilm und das Boxen sprach der 81-Jährige im Interview mit unserer Zeitung.

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Herr Adorf, im TV-Drama „Die lange Welle hinterm Kiel“ geht es um die sudetendeutsche Vergangenheit. Haben Sie für Ihre Rolle extra recherchiert?

Nein. Das Buch des Schriftstellers Pavel Kohout hat mir genügt. Die großen existenziellen Fragen, die dort aufgeworfen werden, wie Schuld, Rache, Vergeltung und Vergebung kann man auch ohne tiefe Beschäftigung mit dem historischen und politischen Thema herauslesen und als Schauspieler darstellen.

Löste der Stoff Erinnerungen an eigene Kriegserlebnisse aus?

Ja. Das ist aber grundsätzlich so, wenn ich einen Film mache, der sich mit dieser Zeit beschäftigt. Es waren für einen jungen Menschen wie mich schließlich sehr prägende Jahre. Diese Erinnerungen habe ich übrigens in zwei Büchern verarbeitet.

Glauben Sie, dass der Film das Geschichtsinteresse von jüngeren Menschen wecken könnte?

Davon bin ich eher nicht überzeugt. Aus Erfahrung weiß man, wie so etwas im Fernsehen konsumiert wird. TV wird oberflächlicher aufgenommen als ein Spielfilm. Ins Kino gehe ich bewusst, bezahle Geld, und die Aufmerksamkeit ist viel höher. Im Fernsehen wird etwas angeschaut und von der Mehrzahl der Zuschauer schnell wieder vergessen.

Klingt frustrierend.

Das ist meine persönliche, zugegeben, eher pessimistische Einschätzung. Ich habe keinen sehr großen Glauben an die politische und moralische Wirkung eines Films. Natürlich wünsche ich mir, dass in diesem Fall das Bewusstsein geschärft wird für das Problem der sudetendeutsch-tschechischen Vergangenheit. Es gehört zu den am wenigsten aufgearbeiteten, wunden Punkten unserer Geschichte. Die Frage, ob sich dadurch etwas ändern wird, muss man aber dahingestellt sein lassen.

Im Film hat der Satz „Das Leben hat seine Geheimnisse“ eine zentrale Bedeutung. Können Sie das aus eigenem Erleben bestätigen?

Nein. Mein Leben ist von einer großen Transparenz geprägt. Wenn Sie mich direkt fragen würden: Welches ist Ihr Geheimnis? Dann würde ich es Ihnen zwar nicht verraten, aber ich müsste darüber nachdenken, ob ich überhaupt eines hätte. Ich muss ganz ehrlich sagen, mir würde so schnell nichts einfallen. Die Entscheidung, mein Leben offen zu gestalten, ist sehr früh gefallen. Ich merkte, ich kann und will mein eigenes Leben weder verschönern und verändern noch geheim halten. Als Schauspieler bewege ich mich schließlich in der Öffentlichkeit, die nun einmal, ob mir das gefällt oder nicht, ein gewisses Recht auf mein Privatleben beansprucht.

Sie sind ein gesamteuropäischer Star. Davon gibt es nicht mehr viele. Fühlen Sie sich wie der letzte Mohikaner?

Das mag wohlso sein. Vielleicht gehöre ich tatsächlich zu einer aussterbenden Spezies. Aber es interessiert mich nicht wirklich. Ich bilde mir jedenfalls nichts darauf ein, wenn es so wäre.

Vermissen Sie nicht den einen oder anderen Weggefährten, der schon abgetreten ist?

Doch, natürlich. Viele tolle Kollegen sind bereits verschwunden. Es tut schon weh, dass – was ich immer vermutet habe – der Ruhm im Allgemeinen schnell verblasst und selbst die großen Schauspieler schnell vergessen werden. Von Kollegen, die ich selber verehrt und bewundert habe, wird kaum noch gesprochen.

Wen haben Sie verehrt?

Allein wenn ich ans Theater denke, fallen mir einige Leute ein wie etwa Therese Giehse oder Martin Held. Von meinen Lehrern wie Fritz Kortner ganz zu schweigen. Wer spricht heute noch von Friedrich Domin und Peter Lühr? Das waren für mich großartige Schauspieler. Ich habe nie einen Unterschied gemacht zwischen deutschen und amerikanischen Schauspielern. Einen Hollywoodstar habe ich nie höher geschätzt als die Kollegen, die ich kannte. Nur ein Beispiel: Siegfried Lowitz, der später als „Der Alte“ bekannt wurde, hat seine Rolle als wahnsinniger Captain in der „Meuterei auf der Caine“ hundertmal besser gespielt als Humphrey Bogart.

Sie selbst waren in Hollywood, hatten es aber satt, den mexikanischen Schurken vom Dienst zu spielen. Sogar ein Angebot von Coppola für den Film „Der Pate“ lehnten Sie ab. Haben Sie das nie bereut?

Man kann ja etwas immer nur aus dem Moment beurteilen, in dem es geschehen ist. Und wäre ich heute in der gleichen Situation, würde ich mit meinem Charakter das Gleiche tun. Und nicht aus der Einsicht heraus, dass man später vielleicht einmal sagen könnte: Das war ein Fehler. Richtig ist, dass man Fehler macht, und es wäre dumm, sie nicht einzugestehen. Aber um auf Coppola zu kommen: Es gab kein Angebot für eine konkrete Rolle, sondern ich sollte irgendwie mitspielen.

Werden Sie bitte konkreter.

Coppola hat mich gefragt: „Kennen Sie das Buch?“ Ich sagte: „Ja.“ „Haben Sie eine Rolle darin gefunden, die Sie gern spielen würden?“ Ich sagte wieder: „Ja.“ „Und welche?“ „Sonny, den Sohn des Paten, also von Marlon Brando.“ Da meinte Coppola: „Der ist schon besetzt mit James Caan.“ Ich war total überrascht: „James Caan? Der ist doch blond“, sagte ich. „Schauen Sie mich an.“ Ich hatte ein Foto von Probeaufnahmen für Mussolini dabei, noch mit Bärtchen. Darauf hätte ich tatsächlich als Sohn von Marlon Brando durchgehen können. Coppola fragte: „Sehen Sie denn keine andere Rolle für sich?“ Ich antwortete mit „Nein“. Das war das Ende des Gesprächs. Natürlich hätte ich einen von diesen Mafiosi-Gangstern spielen können. Dieses kategorische Nein von mir war vielleicht ein Fehler.

Sind später denn noch Angebote aus Hollywood gekommen?

Wissen Sie, ich habe eine ganz klare Meinung zu den Möglichkeiten in Hollywood, die wir damals hatten. In jenen Jahren war es eine Illusion zu glauben, in Amerika wirklich etwas zu erreichen, wenn man nicht das Opfer bringt, dort auch zu leben, die Lebensart anzunehmen, sich zu assimilieren, dort ein Haus zu haben und ein Leben wie die Amerikaner zu führen. Ich hätte mich zudem auf einen harten Konkurrenzkampf einlassen müssen mit dem Bewusstsein, dass es dort für jede Rolle nicht nur einen oder zwei Schauspieler gibt wie bei uns in Deutschland, sondern gleich 50. Das hat mich auch davon abgehalten. Hinzu kommt: Die wollen und brauchen uns doch gar nicht. Nur dann, wenn mal gerade ein Curd Jürgens oder Hardy Krüger benötigt wurde, also ein blonder, großer Typ, der einen Deutschen oder einen Nazi spielt. Und schauen Sie auf die, die dort gescheitert sind, beileibe nicht die Schlechtesten: O. W. Fischer, Romy Schneider, Horst Buchholz, Brandauer . . .

Das trifft aber nicht unbedingt auf Armin Müller-Stahl zu . . .

Müller-Stahl saß 20 Jahre seines Lebens in Hollywood und spielte fünf, sechs Rollen, von denen man reden kann und jeweils deutsche Exnazis oder europäische Rollen. Er hätte in Deutschland in der Zeit 50 große Rollen spielen können. Wir sollten doch nicht immer nach Hollywood schielen. Das war meine Meinung, seit ich den Betrieb dort drüben kennengelernt habe. Ich muss allerdings sagen, dass sich die Zeiten auch geändert haben. Und ich freue mich darüber, dass der wunderbare Christoph Waltz sich auf Anhieb einen Oscar erspielt hat, und ich glaube, es könnte bald noch einer werden.

Worauf führen Sie Ihre große Popularität zurück?

Das ist schwierig zu sagen. Aber mein Anspruch an mich selbst lautete immer: Ich will spielen. Und zwar so, dass man es mir glaubt.Wirken Sie nicht auch als Mensch authentisch?Was heißt denn authentisch? Ich habe mich jedenfalls nie darum gekümmert. Ich habe mich immer nur darum bemüht, die Rollen, die ich gespielt habe, so glaubwürdig wie möglich zu gestalten. In der Form, dass die Leute sagen: Jawoll, das ist er, oder: So ist er. Max Frisch hat einmal gesagt: Man muss immer beim Leser den Eindruck erwecken, das hätte ich auch schreiben können. Dann ist man ein erfolgreicher Schriftsteller. Dasselbe gilt für Schauspieler. Der Zuschauer muss das Gefühl haben, so ähnlich hätte er das auch spielen können. Er muss die Denk- und Handlungsweise nachvollziehen können. Dann kann man Erfolg haben.Sie hatten doch vor, Karl Marx zu spielen. Angesichts der Finanz- und Bankenkrisen sowie der Kritik am Kapitalismus wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.(lacht) Das stimmt. Wenn der Film rechtzeitig auf den Markt gekommen wäre. Der ursprüngliche Plan ist gescheitert, weil man einen Film machen wollte, den ich so nicht akzeptiert habe. Bei dem damit befassten Fernsehsender herrschte die Vorstellung, dass das Publikum über Karl Marx nichts weiß. Also müsse man es den Leuten beibringen. Mich interessiert es jedoch überhaupt nicht, Marx in einer Art Schulfunksendung zu spielen. Ich hatte eine Episode aus seinem Leben entdeckt: Es geht um seine letzte Reise nach Algier kurz vor seinem Tod.Hört sich doch interessant an.Im Moment ist das leider noch eine Option. Erst einmal werde ich für das ZDF im Frühjahr einen Film drehen. Der Marx ist also auf die lange Bank geschoben, und ich habe meine Zweifel, ob ich auf der dann noch sitzen werde.

Was muss man tun, um mit 81 noch so fit zu sein wie Sie?

Man muss wohl gute Gene haben und ein bisschen Acht geben. Aber nicht zu sehr. Ich bin nun auch kein Gesundheitsapostel, trinke auch mal gern ein Glas Wein. Ich versuche, nicht über die Stränge zu schlagen. Dazu gehört auch, sich nicht beruflich zu übernehmen.

Was gibt Ihnen Energie?

Das weiß ich selbst nicht. Ich habe früh schon gedacht, dass jeder Mensch eine bestimmte Menge von Vitalität, eine Art Anfangs- oder Antriebsenergie mitbekommt. Wie bei einem Golfball, der geschlagen wird und fliegt und fliegt. Der eine fliegt weit, der andere nicht so weit. Und dann sieht man, wie der eine herunterfällt, dann der andere. Und man selbst hat immer noch Energie und bleibt noch eine Weile oben.

Das hieße: Man kann daran selbst nichts ändern?

Ja. Man kann der Flugbahn folgen, aber sie selbst nicht entscheidend beeinflussen. Sicher hängt es dann von dem ab, der den Ball schlägt. Aber das sind nicht wir Menschen.

Vom Golf zum Boxen, das Sie selbst mal betrieben haben. Was halten Sie vom Frauenboxen?

Nicht viel. Ich halte überhaupt heute vom Boxen nicht mehr viel, solange die beim Berufsboxen ungeschützten Kopftreffer nicht abgeschafft werden. Denn diese Schläge verletzen die Menschen entscheidend. Alle anderen Treffer, ob nun Leberhaken oder auf den Solarplexus, hinterlassen keine bleibende Schäden. Aber was man dem Kopf antut, ist nicht zu vertreten, weil es einfach zu gefährlich ist. Damit stehe ich wohl allein. Die Boxbranche wird mir wohl böse sein und sagen: Wie willst du denn einen k. o. schlagen, wenn du ihn nicht am Kopf triffst?

Gehen Sie zu den großen Boxkämpfen der Klitschkos?

Nein, obwohl ich oft eingeladen werde. Aber ich treffe sie ab und zu und unterhalte mich gern mit ihnen, gescheite Riesen. Früher war ich gut befreundet mit Bubi Scholz. Wir haben zusammen geboxt. Ich gebe zu, ich kann mich als Fernsehzuschauer auch heute noch der Faszination eines guten Boxkampfs nicht entziehen, sehe mich aber nicht mehr als Fan dieses Sports.

Gibt es noch einen großen privaten Wunsch, den Sie sich erfüllen wollen?

Nein. Ich habe keine besonderen Wünsche, außer dem, nicht krank zu werden, möglichst lange körperlich und mental fit zu bleiben. Die Defizite kommen, sie sind unvermeidlich. Die sehe und beobachte ich, auch wenn sie sich vorsichtig einschleichen. Ich hoffe, dass sich der Abbau noch lange hinausschieben lässt und ich meinen Beruf ausüben kann.

Gäbe es eine Grenze, wo Sie sagen würden: Bis hierhin und nicht weiter?

Ich glaube, das ist keine Sache der Erkenntnis. Sondern das teilt mir die Natur schon mit. Wenn es also mit dem Gedächtnis oder dem Körper nicht mehr funktionieren sollte, würde ich sagen: Das war’s! Solange ich aber den Beruf ohne große Mühe ausüben kann, tue ich das gern.

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