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Porträts statt Parolen
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Autor: Elke Schröder 28. Oktober 2011 12:00 Uhr  Mehr Artikel von dieser Autorin

Auf der Suche nach einem gemeinsamen Wir – 19 Zuwanderergeschichten

Porträts statt Parolen

Osnabrück. Wer ist heute eigentlich Deutschland? In 19 Porträts geht der neue Band „Wir“ dieser Frage nach. Es ist ein spannendes, vielfältiges Buch, das reichlich Stoff zum Nachdenken und Diskutieren über die gegenwärtige und künftige deutsche Identität bietet.

 
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„Wir – 19 Leben in einem neuen Deutschland“ widmet sich Menschen mit höchst unterschiedlichen Zuwanderungsgeschichten: Von Politiker Tarek Al-Wazir, Unternehmer Kemal Sahin, Comedian Bülent Ceylan, den TV-Moderatorinnen Dunja Hayali und Nazan Eckes über den medial abgestürzten Multikultikünstler, Rapper Muhabbet bis hin zur illegal eingewanderten Patricia erzählen alle aus ihrem bewegten Leben in Deutschland.

Der Band richte sich gegen den Trend, seit der Sarrazin-Debatte „Migration als Bedrohung zu sehen“, sagt Dr. David Deißner, der mit Thomas Ellerbeck der Herausgeber des Buches ist. „Bildungsfern und Migrant sind fast zum Synonym geworden“, beklagt Deißner gegenüber unserer Zeitung. Die Herausgeber wollen ihr Buch jedoch nicht als eine weitere Antwort auf Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ verstanden wissen. Die Annäherung an den Einzelnen stehe im Vordergrund. Viele der Interviewten nehmen jedoch zu den Sarrazin-Thesen Stellung. Vor allem bei denen, die sich immer als Deutsche gesehen haben, scheint dabei die Frustration durch, sich plötzlich als Migrant erklären zu müssen.

„Wir haben ein soziales, kein ethnisches Integrationsproblem“, betont Deißner. Wesentlich konfliktträchtiger als kulturelle Differenzen sei das soziale Gefälle, das die Gesellschaft zu zerreißen drohe. Wie denkt, fühlt und spricht es denn nun, das „neue Deutschland“? Das wollten Deißner und Ellerbeck wissen. Der Autor Benno Stieber machte sich dazu auf „eine Reise durch das Einwanderungsland Deutschland“. Er traf Gesprächspartner, die im Rampenlicht stehen, aus Wirtschaft, Politik und Kultur, ebenso wie andere, die am sozialen Rand, in einer Parallelgesellschaft leben oder sie aufbrechen wollen. Stieber porträtiert Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, die kulturell mal mehr und mal weniger zwischen den Stühlen sitzen.

Von atemberaubenden Lebensgeschichten ist zu lesen, die zu unterschiedlichen Auffassungen von Integration führten: „Wenn man in ein fremdes Land kommt, muss man sich anpassen. […] Wir sind Gast hier“, sagt Amir Kassaei, ein Star der internationalen Werbeszene, kurz und bündig. Er hat das radikal gelebt, seine Muttersprache beherrscht er nicht mehr. Das Gefühl, fremd zu sein, sei dennoch geblieben. Kassaei wurde 1968 als Sohn einer bürgerlichen Teheraner Familie geboren, als 14-Jähriger als Soldat eingezogen und an die iranisch-irakische Front beordert. 1983 floh er im Kofferraum eines Schleusers zunächst nach Wien. Stieber traf ihn für das Buch jetzt in Berlin auf dem Sprung nach New York, wo Kassaei nun zum Vorstand der Werbeagentur DDB gehört.

Kemal Sahin, türkischer Textilunternehmer, der sich selbst als „anatolischer Preuße“ bezeichnet, hatte dagegen die Wahl: Er schickte seine Söhne lieber in der Türkei zur Schule, nachdem sie im deutschen Kindergarten erstmals erfahren hätten, „was es heißt, fremd zu sein“. Sein jüngster Sohn will nun nicht zurück nach Deutschland, das sei nicht ungewöhnlich: „Deutschland ist für die junge Generation nicht mehr attraktiv“, berichtet Sahin.

Gegenüber Fernsehmoderatorin Dunja Hayali, deren Familie aus dem Irak stammt, wirft Stieber die Frage auf, welches Verhältnis Menschen, „die zwar einen deutschen Pass besitzen, aber auch fremde Wurzeln“, zur NS-Geschichte hätten. Für sie sei es wichtig, an den Völkermord der Nazis zu erinnern, sagt Hayali. Sie sei Deutsche, empfinde aber die historische Last des Tätervolks persönlich nicht, zitiert Stieber sie. Sie könne mit einem jüdischen Freund „ganz befreit über Juden- und Araberklischees lachen“. Worauf Stieber kommentiert: „Dieser entspannte Umgang mit deutschen Tabus, die es aus gutem Grund gibt, muss Herkunftsdeutsche verunsichern.“

Die Idee zu dem Buch kam Deißner und Ellerbeck durch ihre Arbeit für die Vodafone Stiftung Deutschland und die damit verbundenen Gespräche mit Stipendiaten des „Chancen“-Programms der Stiftung für begabte Absolventen mit Zuwanderungsgeschichte. Dazu gehört auch Nathalie Schmitke, der auf diese Weise der Besuch einer privaten Universität möglich wurde. Die 24-Jährige kam im Alter von elf Jahren mit ihren Eltern aus Sibirien nach Deutschland. Damals waren ihre Deutschkenntnisse schlecht, doch sie hatte Lehrer, die sie unterstützen. Heute arbeitet sie in London als Analystin einer Investmentbank.

Wie sollte nun das neue deutsche Wir sein? Deißner und Ellerbeck beantworten das in ihrem abschließenden Essay so: „Es muss für ein Land stehen, das Heterogenität als Bereicherung versteht, das sich bei aller Verschiedenheit auf gemeinsame Ziviltugenden verständigt und sich nicht aus Angst vor dem Ungewohnten in Sehnsuchtseskapaden flüchtet.“

David Deißner, Thomas Ellerbeck, Benno Stieber:

„Wir. 19 Leben in einemneuen Deutschland.“ Piper Taschenbuchverlag. 256 Seiten, 16,99 Euro.

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