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Mit dem Namen des Mafioso
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Autor: Dr. Stefan Lüddemann 09. März 2011 22:00 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Schillernde Biografie, gelassenes Werk: Münster verzaubert mit Arbeiten von Blinky Palermo

Mit dem Namen des Mafioso

Münster. Wer Blinky Palermo heißt, als Starkünstler gilt, mit schönen Frauen wie mit berühmten Kollegen gleichermaßen vertrauten Umgang pflegte und obendrein beklagenswert jung verstarb, kann nur eines sein: ein James Dean der Kunst. Doch wie passen Palermos ernste Farbobjekte zum flotten Klischee?

 
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Die konzentrierte Palermo-Ausstellung im Münsteraner Landesmuseum lässt nur eine Antwort zu: gar nicht. Wie sollen wir auch dieses kurze, wie in einem Zug inhalierte Leben mit Farbobjekten zusammenbringen, die auf den Ausstellungswänden als lakonische Zeichen gleichsam aus dem Nichts erscheinen? Wie August Macke, Eva Hesse oder Jean-Michel Basquiat gehört Blinky Palermo (1943–1977), der eigentlich nur Peter Heisterkamp hieß, zu den früh verloschenen Genies der modernen Kunst. Das Spekulieren über mögliche Fortsetzungen verheißungsvollen Beginns lockt wie eine süße Droge. Mehr aber auch nicht. Denn dieses auf wenige Jahre zusammengedrängte Werk entfaltet den ruhigen Atem einer klassischen Position.

Dabei verstört der Kontrast: Mehrfacher Namenswechsel – von Stolle über Heisterkamp bis zu dem von einem Mafioso entlehnten Künstlernamen Blinky Palermo – drei Schnellst-Ehen, der Grenzwechsel von Leipzig nach Münster, das Roadmovie einer Amerika-Reise mit Imi Knoebel – dies und mehr weist Heisterkamp, der seit 1964 nur noch mit „Palermo“ signiert und damit sein geheimnisvolles Pseudonym wie ein Markenzeichen in die Welt setzt, als sozial Ortlosen aus. Auf Fotos wirkt er wie eine der verwischten Figuren auf Gerhard Richters Foto-Gemälden – gerade da und schon wieder weg. Seine Werke hingegen sind meist klein, wirken fragil und entfalten doch eine Wirkung wie Donnerhall. Kein Wunder: In dem von Kasimir Malewitsch, Barnett Newman und Yves Klein aufgespannten Kraftfeld einer sich absolut setzenden Kunst nimmt Blinky Palermo bereits mit ersten Werken wie selbstverständlich seinen Platz ein. Unglaublich.

Schon als Student in der Düsseldorfer Akademie-Klasse von Joseph Beuys war Palermo kein Usurpator, sondern ein Könner. Ob das kleine, graue Objekt, das wie eine Wolke auf der weißen Wand zu schweben scheint, oder die Farbleiste, die wie ein Riss im Raum frappiert – Blinky Palermos Objekte haben oft begrenzte Ausmaße, sie transponieren hingegen das Sehen und die Vorstellung in größte Dimension. Ihre Energie beziehen sie aus dem Kontrast zwischen Formkontur und einer in endlose Ausdehnung tendierende Farbe. Jedes von Blinky Palermos Farbobjekten inszeniert den Widerspruch als Appell an den Betrachter, sich das einzelne Werk in seiner uferlos wirkenden Fortsetzung zu denken. Bildträger, Farbe, Raum: Zwischen diesen Bezugsgrößen künstlerischer Wirkung entfaltet Palermo eine unablässige Drift der Koalitionen, Kooperationen, Konflikte. Mit Palermos Objekten gewann in der Kunst an Fahrt, was uns Mediennutzer erst später mit Wucht als neuer Normalfall ereilte: das beunruhigend freie Flottieren der Zeichen, dem nur derjenige gewachsen ist, der sich nicht nur als Betrachter fremder, sondern vor allem als Konstrukteur eigener medialer Welten versteht.

200 Objekte und Bilder sowie 400 Papierarbeiten umfasst das Œuvre des Künstlers. In Münster genügt eine vergleichsweise kleine Werkauswahl, um den Palermo-Kosmos mit hauchzart platzierten Werksetzungen zu entfalten. Natürlich fehlen im Vergleich zur Palermo-Schau 2007 in der Düsseldorfer Kunsthalle nun viele der großen Bildobjekte. Doch Palermos Wirkungen entfalten sich auch mit den kleineren Formaten in untrüglicher Konsequenz – ein deutliches Indiz für die große Qualität dieses Lebenswerkes. Kurator Erich Franz legt sein Augenmerk vor allem auf die späten Bildserien und damit auf die Reise in den offenen Freiheitsraum, den dieser Künstler auch mit seinem Lebensweg von der DDR nach Amerika vorzeichnete. 1977 erlosch Blinky Palermos Leben während eines Ferienaufenthaltes auf den Malediven. Seine Bildobjekte atmen weiter. Mit voller Präsenz.

Münster, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte: Palermo. Who knows the beginning and who knows the end. Bis 15. Mai. Di., Mi., Fr.–So. 10–18 Uhr,

Do. 10–21 Uhr.



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