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Tippspiel
Reiner Trost und schiere Freude
Kurz vor Konzertbeginn wuselt eine stetig wachsende Menschenmenge durch das Kirchenschiff von St. Marien. Doch pünktlich um 20 Uhr hat jeder seinen Platz gefunden. Vom Weihnachtsmarkt dringt das fröhliche „Tochter Zion“ einer Blechbläsergruppe herein. Darauf kann Kirchenmusikdirektor Carsten Zündorf freilich keine Rücksicht mehr nehmen.
Zündorf lässt keine Lücken entstehen, sondern leitet Chor und Orchester zu nahezu nahtlosen Übergängen an. Nur zwischen den einzelnen Kantaten kommt es zu Pausen, weil die Musiker sorgfältig nachstimmen – ein Zugeständnis an die historischen Instrumente, die das Osnabrücker Barockorchester La Gioia spielt (Konzertmeisterin: Henriette Scheytt). Wurden Barockensembles vor einigen Jahren noch als Nischensucher belächelt, ist es mittlerweile fast zum Standard geworden, Spezialisten zu engagieren. Und das aus gutem Grund: Wer einmal etwa die weich klingenden Barocktrompeten so meisterlich gespielt hört wie heute Abend, mag das Weihnachtsoratorium gar nicht mehr mit modernen Trompeten hören. Auch die pastorale Sinfonia zu Beginn der zweiten Kantate wirkt durch die sanften Naturklänge etwa der Traversflöten und Oboen besonders friedlich.
Unter den Solisten berührt vor allem Gerlinde Sämann mit ihrem glockenhellen Sopran. Wie sie in der dritten Kantate im Duett mit Bassist Heintel vom Mitleid und Erbarmen des Herrn kündet, gehört zu den intensivsten Momenten der Aufführung: So kristallklar und rein klingt Trost selten. Aber auch Christine Wehler verfügt über einen gerade in tiefer Lage ausdrucksvollen Alt. Und Max Ciolek besticht als emotional sehr beteiligter Evangelist, der dem Sprachduktus effektvoll folgt – etwa wenn er den Hirten aufgeregt zuruft: „Eilt, ach eilet!“
Nach den üblichen drei ersten Kantaten bringt die 6. Kantate mit „Nur ein Wink“ noch einmal den Genuss einer Sopran-Arie. Abgesehen von wenigen uneinheitlich aufgefassten Tempi, gelingt der Marienkantorei und La Gioia eine mitreißende Aufführung. Hellwach reagiert die Kantorei in den flotten Übergängen und den beschwingten Chorsätzen. Auch der Kinder-Projektchor fühlt sich zusammen mit den alten Hasen der Kantorei offenbar sehr wohl. Und niemand wird es einigen Jungs verübeln, dass sie sich bei Textzeilen wie „Wenn die stolzen Feinde schnauben“ verstohlen zugrinsen.






