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Reiner Trost und schiere Freude
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Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung 24. Dezember 2009 06:00 Uhr


Reiner Trost und schiere Freude

Kurz vor Konzertbeginn wuselt eine stetig wachsende Menschenmenge durch das Kirchenschiff von St. Marien. Doch pünktlich um 20 Uhr hat jeder seinen Platz gefunden. Vom Weihnachtsmarkt dringt das fröhliche „Tochter Zion“ einer Blechbläsergruppe herein. Darauf kann Kirchenmusikdirektor Carsten Zündorf freilich keine Rücksicht mehr nehmen.

 
Der Projekt-Kinderchor von St. Marien setzt mit weißen Gewändern einen optischen Kontrapunkt und rundet mit den hellen Stimmen das akustische Ereignis wohlklingend ab. Foto: Elvira Parton  Vergrößern
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Er gibt den Einsatz, und mit den ersten Paukenschlägen erfüllt das Weihnachsoratorium von Johann Sebastian Bach den Raum. Das beginnt ebenfalls mit schierer Freude: „Jauchzet, frohlocket“ heißt es da. Und zum ersten Mal mischen sich unter die routinierten Erwachsenenstimmen der Marienkantorei helle Kinderstimmen. Denn der Projekt-Kinderchor der Kirchengemeinde (Leitung: Majka Wiechelt) unterstützt die Kantorei bei einigen Chorstücken. Besonders lebendig wirkt der Kontrast von Kinderchor und Solo-Bass im Choral und Rezitativ „Er ist auf Erden kommen arm“, den Konstantin Heintel mit angenehmem Volumen gestaltet und in dem die Erwachsenen den Kindern den Vortritt lassen.

Zündorf lässt keine Lücken entstehen, sondern leitet Chor und Orchester zu nahezu nahtlosen Übergängen an. Nur zwischen den einzelnen Kantaten kommt es zu Pausen, weil die Musiker sorgfältig nachstimmen – ein Zugeständnis an die historischen Instrumente, die das Osnabrücker Barockorchester La Gioia spielt (Konzertmeisterin: Henriette Scheytt). Wurden Barockensembles vor einigen Jahren noch als Nischensucher belächelt, ist es mittlerweile fast zum Standard geworden, Spezialisten zu engagieren. Und das aus gutem Grund: Wer einmal etwa die weich klingenden Barocktrompeten so meisterlich gespielt hört wie heute Abend, mag das Weihnachtsoratorium gar nicht mehr mit modernen Trompeten hören. Auch die pastorale Sinfonia zu Beginn der zweiten Kantate wirkt durch die sanften Naturklänge etwa der Traversflöten und Oboen besonders friedlich.

Unter den Solisten berührt vor allem Gerlinde Sämann mit ihrem glockenhellen Sopran. Wie sie in der dritten Kantate im Duett mit Bassist Heintel vom Mitleid und Erbarmen des Herrn kündet, gehört zu den intensivsten Momenten der Aufführung: So kristallklar und rein klingt Trost selten. Aber auch Christine Wehler verfügt über einen gerade in tiefer Lage ausdrucksvollen Alt. Und Max Ciolek besticht als emotional sehr beteiligter Evangelist, der dem Sprachduktus effektvoll folgt – etwa wenn er den Hirten aufgeregt zuruft: „Eilt, ach eilet!“

Nach den üblichen drei ersten Kantaten bringt die 6. Kantate mit „Nur ein Wink“ noch einmal den Genuss einer Sopran-Arie. Abgesehen von wenigen uneinheitlich aufgefassten Tempi, gelingt der Marienkantorei und La Gioia eine mitreißende Aufführung. Hellwach reagiert die Kantorei in den flotten Übergängen und den beschwingten Chorsätzen. Auch der Kinder-Projektchor fühlt sich zusammen mit den alten Hasen der Kantorei offenbar sehr wohl. Und niemand wird es einigen Jungs verübeln, dass sie sich bei Textzeilen wie „Wenn die stolzen Feinde schnauben“ verstohlen zugrinsen.

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